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01. September 2019, 09:44 Uhr

BVB-Niederlage in Berlin

Das Schweigen des Lucien Favre

Aus Berlin berichtet

Meisterschaftsfavorit Borussia Dortmund verlor bei Aufsteiger Union Berlin. Dabei hatten die Dortmunder in der zweiten Hälfte noch die Gelegenheit, das Spiel zu drehen. Nur nicht vor dem gegnerischen Tor.

Die Hitze spielte Borussia Dortmund in der Berliner Alten Försterei in die Karten. Mitte der zweiten Hälfte im Spiel gegen Union Berlin gab es die Chance, den Spielern ins Gewissen zu reden. Eine Trinkpause bot die Gelegenheit, zu mahnen, zu warnen, zu fordern, zu raten, zu helfen, vielleicht sogar ein bisschen die Stimme zu heben. So wie Bayern München gegen Mainz erst nach einer Trinkpause in das Spiel fand.

Aber Dortmund-Trainer Lucien Favre blieb Lucien Favre. Er bereitete mit seinen Assistenten einen Wechsel vor. Die Spieler, die so dringend aus ihrer Lethargie hätten geweckt werden müssen, tranken nur. Sie blieben allein. Nur Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung, wagte sich einen Schritt nach vorne, klatschte in die Hände, weil er wusste, dass es in die ganz falsche Richtung lief.

Der Trainer aber blieb stumm.

Als Favre gefragt wurde, warum er die Chance, die ihm in den meisten anderen Spielen verwehrt bleibt, nicht nutzte, zuckte er mit den Schultern. Er habe die Fragen nicht richtig verstanden, sagte er in der Pressekonferenz nach der 1:3-Niederlage, glaube aber, das Richtige getan zu haben: In einem Moment, in dem Emotionen gefragt gewesen wären, um das Emotionsmonster Union Berlin zu bändigen, bereitete Favre eine Auswechslung vor und stellte auf ein 4-3-3-System um. Der Dortmunder Trainer blieb in seiner Haut.

Kontrollverlust bei Rückschlägen

Es gibt Abende, an denen alles in die falsche Richtung läuft. Wie an diesem Samstagabend, als die Verteidigung bei einem Eckstoß schlief wie beim 0:1, als einzelnen Spielern schlimme Fehler unterliefen, wie Manuel Akanji beim 1:2.

Dass Borussia Dortmund mit nervenden äußeren Umständen große Probleme hat, kommt so häufig vor, dass die Gegner schon darauf zählen können - und es auch tun. Bereits in der vergangenen Saison, besser gesagt: der Rückrunde, verlor der BVB bei den geringsten Rückschlägen wie etwa dem Ausgleich im Derby gegen Schalke im eigenen Stadion die Kontrolle, die Nerven und meistens auch die Punkte.

Am Samstag verlor der BVB nach dem 1:2 in der 50. Minute alles, was nötig gewesen wäre, um eine Niederlage des Meisterschaftskandidaten beim Aufsteiger zu verhindern. Das Tempo, von dem schon vorher wenig vorhanden gewesen war, ging abhanden, die Präzision sowieso, ein Plan blieb verborgen. "Wir waren zu überhastet. Wir hätten die Geduld behalten sollen", sagte Favre.

"Gedacht, dass es wie in Köln wird"

Tatsächlich war die Geduld das Problem an diesem Abend. Das Konzept, die Kontrolle über den Ball haben zu wollen, den Gegner bei Hitze laufen zu lassen, war angesichts der technischen und spielerischen Überlegenheit sicher richtig. Irgendwann müssten sich doch Möglichkeiten ergeben.

Doch Union hielt stand, wehrte sich, pushte sich, ließ sich pushen, nutzte einen Faktor, der dem kühlen Schweizer Favre fremd ist. Der Dortmunder Trainer bemängelte: "Ich denke, wir haben ein bisschen gedacht, dass es wie in Köln wird. Aber das war nicht der Fall." In der Vorwoche hatte Dortmund nach schwacher Leistung und Rückstand noch 3:1 gewonnen.

Zu glauben, dass es schon irgendwie gehen wird, weil die Spieler doch alle besser sind als die des Gegners, hatte fatale Auswirkungen. Auch Kapitän Marco Reus bemängelte im Interview mit dem Fernsehsender "Sky": "Wir müssen aufhören, daran zu glauben, dass wir nur mit Qualität die Spiele gewinnen." Das war sicher nicht an die Adresse von Favre gerichtet. Wenn er es dennoch als konstruktive Kritik annehmen würde, wäre dem selbst ernannten Meisterschaftsanwärter Borussia aber sicher geholfen.

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