Bundesligastart der Fußballerinnen Was bleibt vom EM-Hype?

Schlecht besuchte Stadien, das immer gleiche Duell um die Meisterschaft – die Bundesliga der Frauen litt in den vergangenen Jahren an Schwächen. Wird sich das nach der EM-Euphorie ändern? Fragen und Antworten zum Saisonstart.
Lina Magull vom FC Bayern (links) und Eintracht-Stürmerin Laura Freigang treffen im Eröffnungsspiel aufeinander

Lina Magull vom FC Bayern (links) und Eintracht-Stürmerin Laura Freigang treffen im Eröffnungsspiel aufeinander

Foto: Moritz Kegler / IMAGO / Jan Huebner

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12.464 Fans – noch nie in der Geschichte der Fußball-Bundesliga der Frauen waren mehr Zuschauerinnen und Zuschauer bei einem Ligaspiel im Stadion. Die Bestmarke stammt aus dem Jahr 2014, aufgestellt wurde sie in Wolfsburg. Und am Abend soll sie der Vergangenheit angehören.

Die neue Saison eröffnen Eintracht Frankfurt und der FC Bayern (19.15 Uhr / TV: Eurosport und MagentaSport) im Deutsche Bank Park, in jenem Stadion, in dem die Männer der Eintracht ihre Heimspiele austragen. 51.500 Menschen passen hier rein. So viele werden zum Auftaktspiel wohl nicht kommen, doch eine neue Bestmarke für die meisten Fans bei einem Frauen-Bundesligaspiel wird es geben, teilt ein Eintracht-Sprecher auf SPIEGEL-Anfrage mit.

Im Einsatz werden etliche Vize-Europameisterinnen sein: etwa Giulia Gwinn, Lina Magull und Klara Bühl bei den Bayern, für die Eintracht unter anderem Laura Freigang und Nicole Anyomi.

Die EM hat für Zuschauerrekorde gesorgt – und die Bundesliga?

Allein 18 Millionen Menschen in Deutschland hatten das EM-Finale  der DFB-Frauen gegen England vor dem Fernseher verfolgt. Die Vereine und der Deutsche Fußball-Bund hoffen, vom Hype der Europameisterschaft in England zu profitieren. Eine Idee: Ausgewählte Spiele werden in größeren Arenen stattfinden, wie das Eröffnungsspiel am Freitagabend. Fest steht auch, dass die Partie von Werder Bremen gegen den SC Freiburg am achten Spieltag im Weserstadion ausgetragen wird.

Allein durch diese Maßnahmen dürfte der Zuschauerschnitt in der neuen Runde deutlich ansteigen – zuletzt lag er im Schnitt gerade einmal bei 800 Fans pro Spiel. Überhaupt bewegt er sich seit Jahren auf einem niedrigen Niveau, auch die WM 2011 im eigenen Land und der damals entstandene Hype hat daran kaum etwas ändern können.

Wie viele Fans bisher in die Stadien gekommen sind:

Der Liga-Zuschauerdurchschnitt hat sich über die Jahre kaum verändert

Der Liga-Zuschauerdurchschnitt hat sich über die Jahre kaum verändert

Foto: DER SPIEGEL

Immerhin: Tickets zu bekommen, ist leicht. Über das Onlineportal fbl.tickets  sind alle Ticketshops der zwölf Bundesligisten verlinkt. Eintrittskarten für das Eröffnungsspiel sind dort ebenfalls erhältlich und kosten zwischen fünf und zwölf Euro.

Wer ist Favorit?

Seit 2013 heißt der Meister der Bundesliga entweder VfL Wolfsburg oder Bayern München. Daran dürfte sich in der neuen Spielzeit wenig ändern. Die beiden Klubs haben den höchsten Etat zur Verfügung und sich im Sommer verstärkt: Beim VfL steht ab dieser Saison Nationalkeeperin Merle Frohms im Tor, sie ersetzt Almuth Schult, die in die USA nach Los Angeles gewechselt ist. Zudem steht das deutsche Toptalent Jule Brand nun in Wolfsburg (vorher Hoffenheim) unter Vertrag.

Den wohl spektakulärsten Transfer haben allerdings die Münchner getätigt: Die englische Europameisterin Georgia Stanway ist von Manchester City zum FC Bayern gekommen und verstärkt das Mittelfeld. Mit Alexander Straus aus Norwegen haben die Bayern auch einen neuen Coach. Ob er den internationalen Topansprüchen genügt, wird er beweisen müssen. Der 46-Jährige kommt vom norwegischen Meister Sandviken TF / SK Brann.

Stanway (hier bei ihrem Tor im EM-Achtelfinale gegen Spanien) war eine der Heldinnen beim englischen EM-Sieg, nun spielt sie für den FC Bayern

Stanway (hier bei ihrem Tor im EM-Achtelfinale gegen Spanien) war eine der Heldinnen beim englischen EM-Sieg, nun spielt sie für den FC Bayern

Foto: Alessandra Tarantino / AP

Ein erstes Kräftemessen um den Titel gibt es am fünften Spieltag, wenn Wolfsburg die Bayern im großen VfL-Stadion der Männer empfängt. Um den dritten Champions-League-Platz dürften Eintracht Frankfurt und die TSG Hoffenheim streiten.

Spielen auch der BVB oder der HSV in der Bundesliga mit?

Experten sind überzeugt, dass es mit Borussia Dortmund, Schalke 04 oder dem Hamburger SV in der Bundesliga der Frauen ein deutlich größeres Interesse an der Liga geben würde. Die Traditionsklubs könnten mehr Fans mobilisieren als manch anderer Bundesligist, mehr Sponsoren würden dadurch angelockt, die TV-Einnahmen steigen. Zwar besitzen diese Vereine inzwischen auch Frauenteams, allerdings auf niedrigem Niveau. Der BVB hat im Vorjahr mit seinem neu gegründeten Team in der Kreisliga begonnen , Schalke spielt nun auch in der Bezirksliga, der HSV in der Regionalliga.

Schalke möchte sein Engagement künftig allerdings verstärken. S04-Sportvorstand Peter Knäbel sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. »Wir können uns nicht um die Verantwortung drücken, wir sehen die Entwicklung um uns herum, lokal und international. Die Zeit ist reif.«

DFB-Star und Wolfsburg-Stürmerin Alexandra Popp ist Dortmund-Fan und würde gerne einmal für die Borussia spielen

DFB-Star und Wolfsburg-Stürmerin Alexandra Popp ist Dortmund-Fan und würde gerne einmal für die Borussia spielen

Foto: IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Zeising / IMAGO/Beautiful Sports

In England wurden die Männer-Profiklubs bereits vor einigen Jahren stärker in die Pflicht genommen – die Women's Super League ist eine reine Profiliga mit prominenten Klubs. Eine Verpflichtung, dass Männer-Profiklubs aus Deutschland eine Frauenabteilung haben müssen, gibt es nicht und soll es vorerst auch nicht geben.

Karl-Heinz Rummenigge, ehemaliger Vorstandsboss des FC Bayern, forderte die Topklubs der Männer zu finanziellen Hilfen auf. »Der Erfolg bei der EM darf nicht nur ein Aufflackern gewesen sein. Deshalb sage ich: Es ist eine conditio sine qua non (notwendige Bedingung), dass der Machosport Fußball jetzt auch in den Frauenfußball investiert«, sagte er der »Süddeutschen Zeitung«.

Wird es künftig ein Grundgehalt für Fußballerinnen in Deutschland geben?

Die Zuschauerzahlen sollen steigen, auch die Professionalisierung der deutschen Liga wird ein Thema. So hatte Bayern-Kapitänin Lina Magull angeregt, künftig einen Mindestlohn an die Fußballerinnen der ersten und zweiten Liga auszuzahlen.

»Wir Fußballerinnen sollten ab der zweiten Liga so gut verdienen, dass niemand mehr nebenbei arbeiten gehen muss. Da sprechen wir von einem Mindestgehalt von 2000, 3000 Euro im Monat. So kannst du die Entwicklung im Frauenfußball nachhaltig voranbringen«, sagte die Offensivspielerin im Juli. Auch die deutsche Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg  hat ein Grundgehalt gefordert.

Konkrete Maßnahmen wurden dazu bislang allerdings nicht beschlossen. Wolfsburgs Trainer Tommy Stroot sagte, ein Grundgehalt sei gut, es müssten sich allerdings auch finanzschwächere Klubs die Gehälter leisten können. Ein kleinerer Erstligist wie die SGS Essen könnte diesen Schritt aktuell wohl kaum mitgehen, wenn die Einnahmen an anderen Stellen nicht steigen.

Zudem sollen sich weitere Bedingungen verbessern, um ein höheres Niveau zu erreichen, etwa der Ausbau der medizinischen Abteilungen und bessere Trainingsplätze. »Es gibt manche Orte, wo die Kabine sehr klein ist und es nur eine Toilette für 18 Spielerinnen gibt. Wo der Physiotherapeut seine Liege nicht aufbauen kann«, sagte Wolfsburgs Ex-Torhüterin Schult im Sommer dem SPIEGEL und zählte gleich mehrere Bundesligisten als Beispiele auf. England habe durch seine stärkere Verzahnung zwischen Männer- und Frauenabteilungen bessere Arbeitsbedingungen zu bieten.

Wer überträgt die Spiele?

Der Pay-TV-Sender Sky will sich nach Aussage seines Fußballchefs Mario Nauen künftig um die TV-Rechte an der Bundesliga bemühen. Aber noch ist es nicht so weit. Alle 132 Begegnungen laufen wie in der Vorsaison live beim Telekom-Streamingdienst MagentaSport und sind somit einer breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Pro Spieltag strahlt zudem Eurosport eine Begegnung im Free-TV aus. Am Samstag soll es Zusammenfassungen in der ARD-»Sportschau« geben. Die ARD besitzt ebenfalls Live-Rechte, erste Übertragung ist das Duell zwischen der TSG Hoffenheim und Meister Wolfsburg in der Rhein-Neckar-Arena am 24. September (17.55 Uhr) im Ersten.

Wie geht es mit der deutschen Nationalauswahl weiter?

Alexandra Popp und ihre Teamkolleginnen waren bereits nach der EM wieder im Einsatz und haben sich für die WM 2023 in Australien und Neuseeland qualifiziert. Ob das Turnier im kommenden Sommer ähnlich gute TV-Zahlen erreichen wird wie die EM in England, muss bezweifelt werden. Wegen der Zeitverschiebung könnten die DFB-Spiele in der deutschen Nacht oder am frühen Morgen und damit zu ungünstigen TV-Terminen stattfinden.

Lehren hat der DFB aus der EM aber gezogen, er setzt nun vermehrt auf Events, die sich besser vermarkten lassen. So findet in Dresden am 7. Oktober ein Testspiel gegen Frankreich zur besten Sendezeit am Freitagabend statt. Zuletzt wurde kritisiert, dass der DFB seine Heimspiele in viel zu kleinen Arenen zur Nachmittagszeit austrägt. Ex-Nationalspieler Toni Kroos nannte diese Termine in der Vergangenheit »eine Frechheit«.

Zudem wird die DFB-Auswahl im November auf Länderspielreise gehen und zwei Testspiele gegen die USA bestreiten. Duelle gegen die US-Weltmeisterinnen sind nicht die schlechteste Werbung.

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