Fußball-Bundesliga nach dem Re-Start Die Leisetreter

Zwei Monate ruhte der Ball, am Wochenende ging es in der Bundesliga wieder zur Sache. Auf den Rängen war es still - und auf dem Platz? Erkenntnisse von den Geisterspielen.
Von Peter Ahrens, Tobias Escher und Danial Montazeri
Schalkes Salif Sané im Spiel gegen Borussia Dortmund: Die Liga ist leiser geworden

Schalkes Salif Sané im Spiel gegen Borussia Dortmund: Die Liga ist leiser geworden

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POOL/ REUTERS

Auf Pressekonferenzen wirkt Christian Streich wie ein besonnener, reflektierter Mensch. Wenn es für seinen SC Freiburg aber um Tore geht, um Sieg oder Niederlage, dann kann er impulsiv sein wie wenige andere Trainer in der Fußball-Bundesliga. Als der SC am Samstag bei RB Leipzig (1:1) in der Nachspielzeit den vermeintlichen Siegtreffer erzielte, dieser aber wegen einer Zentimeterentscheidung per Videobeweis zurückgenommen wurde, fuhr Streich nicht aus der Haut. Fast seelenruhig nahm er die Entscheidung hin.

Seit vergangenem Wochenende läuft die Bundesliga wieder. Ihr Re-Start nach rund zweimonatiger Corona-Pause wurde begleitet von einer Neugier, die anders war als jene, die viele Fußballfans etwa vor einem Saisonstart befällt. Wie würde sich das Fehlen der Zuschauer auf die Profis und ihr Spiel auswirken? Wie die lange Zwangspause mitten in der Saison, das kurze Mannschaftstraining? Wäre das Spiel noch das gleiche?

Nun sind die ersten acht Partien absolviert, und nicht nur Freiburgs Trainer schien ruhiger. Es ist, als sei die Liga leiser geworden, und das nicht nur auf den Rängen.

"Schrei nicht so viel"

Er habe sich "an die Zeiten als Trainer der A-Jugend erinnert", sagte Streich nach dem Auftritt in Leipzig. Damals habe er auch Spiele ohne großes Publikum gecoacht und sich selbst zuweilen ermahnt: "Schrei nicht so viel." Auch bei anderen Videobeweisentscheiden bleiben die Profis oft zurückgenommen, warteten fast mit Schafsgeduld ab, was der Unparteiische urteilen würde. Schiedsrichter Deniz Aytekin, der das Revierderby zwischen Dortmund und Schalke geleitet hatte, sagte dem "Kicker" , alle Beteiligten hätten sich "vorbildlich verhalten". Die fehlende Atmosphäre scheint auch die Emotionalität auf dem Spielfeld zu senken.

Für den sportlichen Höhepunkt des Wochenendes sorgte Dortmund. Beim 4:0 gegen Schalke kombinierten die BVB-Profis bemerkenswert sicher. Vor dem 1:0 spielte Julian Brandt den Ball per Außenrist in die Tiefe, das 4:0 erzielte Raphaël Guerreiro auf die gleiche technisch anspruchsvolle Weise. Dortmund zelebrierte Angriffsfußball.

Aber damit war der BVB beinahe allein.

Meist bekam man als Zuschauer das Gefühl, der Fernseher spiele das Bild mit 90-prozentiger Geschwindigkeit ab. Der Ball rollte langsamer durch die Reihen, die Teams spielten öfter quer, die Ballannahmen waren weniger flüssig als sonst.

Fußball auf Sparflamme

Teams wie Borussia Mönchengladbach, Schalke oder Freiburg, eigentlich bekannt für ihr wuchtiges Pressing in der gegnerischen Hälfte, zogen sich hinter den Mittelkreis zurück. Das wirkte wie Fußball auf Sparflamme.

Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass an diesem Spieltag signifikant häufiger Rückpässe zu den Torhütern gespielt wurden. Zwölf der 16 eingesetzten Keeper waren im Schnitt häufiger am Ball als vor der Corona-Pause. Bei Manuel Neuer (Bayern München), Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt) und Andreas Luthe (FC Augsburg) waren es sogar 50 Prozent mehr Ballaktionen.

Überhaupt spielten die Teams knapp zehn Prozent mehr Pässe, die Zahl der Ballkontakte im gegnerischen Drittel blieb aber auf dem Niveau wie vor der Zwangspause. Die Spieler wählten schlicht häufiger die Sicherheitsvariante in der eigenen Hälfte, ermöglicht durch das oft fehlende Pressing.

Querpässe in der eigenen Hälfte müssen nicht trainiert werden. Schwieriger ist es, gemeinschaftlich den Gegner zu jagen oder eine kompakt stehende Abwehrkette zu knacken. Gerade hier, bei den taktischen Abläufen im Ballbesitz, haben die Teams ihre Automatismen verloren.

22 Tore fielen an diesem Spieltag bislang, das sind 2,75 im Schnitt. Vor der Fortsetzung waren es 3,25 Treffer pro Partie gewesen. Bei nur acht Begegnungen - am Abend spielt Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen (20.30 Uhr, Livesticker SPIEGEL.de; Stream: DAZN und Amazon Prime) - mag das allenfalls einen vagen Trend ergeben. Für den sprechen aber auch andere Zahlen. So gab es in den Partien am 26. Spieltag im Schnitt 24,6 Torschüsse. Verglichen mit den entsprechenden Partien aus der Hinrunde sind das im Schnitt rund fünf Abschlüsse weniger. Großchancen waren insgesamt seltener.

Die Finesse fehlt, die Fitness nicht

In einem anderen Bereich ist das Niveau der Liga aber sogar gestiegen: Die Zahl der gelaufenen Kilometer konnte sich sehen lassen, die Anzahl an Sprints lag bei vielen Teams sogar höher als vor der Zwangspause. Kein Wunder: Die Spieler durften zwar nur in Kleingruppen üben, Fitnesstraining aber war möglich. Statt Spielzüge trainierten sie ihre Muskeln.

Wie sich das Fehlen der Zuschauer mittelfristig auswirkt, bleibt offen. Fußballerisch dürfte sich aber das Niveau bessern, je länger die Mannschaften im Training sind und je eingespielter sie werden. Eine Neuerung könnte die Dynamiken einer Partie sogar grundlegend verändern: Vorübergehend dürfen die Trainer fünfmal wechseln. Das eröffnet ihnen die Möglichkeit, mit einem Schlag die taktische Ausrichtung umzuwerfen - und den Gegner damit plötzlich vor neue Herausforderungen zu stellen.

Am Wochenende schöpften acht Trainer das erhöhte Wechselkontingent aus. Fünf weitere Trainer tauschten immerhin viermal. Volles Risiko ging aber bislang keiner: Wagemutige taktische Wechsel gab es nicht, die meisten Trainer wechselten positionsgetreu. Wohl deshalb, weil sie die ohnehin kaum eingespielten Teams nicht weiter verunsichern wollten. Das dürfte sich in den kommenden Wochen ändern. Mit der neuen Ruhe im Spiel dürfte es bald wieder vorbei sein.

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