Erkenntnisse des 29. Bundesliga-Spieltags Die Entscheidung der Trainer

Rose, Hütter, Flick: Die Trainer in der Fußball-Bundesliga entscheiden zusehends selbst, was aus ihrer Zukunft wird und wo sie arbeiten. Das ist noch gewöhnungsbedürftig, aber nur folgerichtig.
Adi Hütter und Marco Rose – Trainer neuen Typs

Adi Hütter und Marco Rose – Trainer neuen Typs

Foto: Marius Becker / dpa

Man muss dem 1. FC Köln geradezu dankbar sein. Hat er doch in der vergangenen Woche noch mal daran erinnert, wie die Dinge normalerweise laufen, sodass man endlich wieder von den »Mechanismen der Branche« sprechen konnte. Die gehen so: Nach mehreren Niederlagen und dem Abrutschen in der Tabelle reagiert der Verein und trennt sich vom Trainer, in diesem Fall Markus Gisdol. Der Trainer als schwächstes Glied in der Kette, so heißt es dann gern.

Dass der FC als Nachfolger mit Friedhelm Funkel einen Coach von altem Schrot und Korn verpflichtet hat, der am Wochenende nach der Partie in Leverkusen nicht nur mit den heutigen Usancen der Sprache kämpfte,  sondern auch das Feuerwehrmann-Image fest implantiert hat, passt ins Bild. Ein Traditionsverein eben, der traditionell handelt.

Ansonsten jedoch tut sich seit Wochen, Monaten in der Trainergilde Ungewöhnliches, manche sagen auch, Unerhörtes. Marco Rose und Adi Hütter, die Trainer von Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt, entscheiden selbstständig, aus ihren bestehenden Verträgen auszusteigen, um zu anderen Vereinen zu wechseln: Rose nach Dortmund, Hütter nach Mönchengladbach. Dabei nutzen sie das Instrument der Ausstiegsklausel, das bei Spielern zwar üblich, bei Trainern aber noch relativ neu ist. Beim FC Bayern verkündet Hans-Dieter Flick, aus seinem Kontrakt zum Saisonende auszusteigen. Die Bayern brauchen jetzt einen neuen Trainer, jeder weiß, dass sie Julian Nagelsmann sehr weit oben auf dem Zettel haben, der wiederum in Leipzig noch in Verträgen gebunden ist.

Söldner? Ich-AGs?

Kritik daran kam und kommt nicht nur von den Fans, die sich von ihren abwanderungswilligen Trainern nachvollziehbar enttäuscht und auch getäuscht sahen. Dazu kam die sportliche Delle, die sowohl bei Mönchengladbach nach der Bekanntgabe des Rose-Abgangs als auch jetzt offenbar bei der Eintracht, die mit einem 0:4 ausgerechnet in Mönchengladbach auf die Nachricht reagierte, eintraf. Da scheint die Kausalität eindeutig.

Rose wurde von Gladbacher Anhängern als Söldner beschimpft. Hütter musste sich in der sich ganz lokalpatriotisch gebenden »Frankfurter Rundschau« nachsagen lassen, er sei eine »Ich-AG«, ein Egoist , dem es nur um Geld gehe. Wie könne es sein, dass Hütter freiwillig auf eine mögliche Champions League mit Eintracht Frankfurt verzichte? Dass es auch Hütters Verdienst ist, das Team erst einmal auf die Champions-League-Ränge geführt zu haben, wurde dabei relativ schnell vergessen. Bei Rose war es ähnlich, der die Borussia in der Vorsaison in die Champions League brachte.

Was für Spieler seit Jahren gilt, nehmen jetzt auch Trainer in Anspruch, das ist eigentlich nur folgerichtig. Auf dem Spielermarkt ist es für die Vereine mittlerweile eingepreist, dass die Profis ihre Verträge vorzeitig auflösen, es ist mittlerweile das Geschäftsmodell, nach dem der Markt im Fußball funktioniert. Für Vereine ist es inzwischen eher ein Problem, wenn Spieler ihre Verträge einhalten und erst nach Ablauf den Klub verlassen, man stelle sich als Beispiel vor, Jadon Sancho, Erling Haaland und Jude Bellingham würden brav ihre Verträge in Dortmund erfüllen und sich dann erst nach England oder Spanien aufmachen. Niemand rechnet heutzutage mehr mit so etwas. Es gäbe natürlich noch die Alternative, dass sie einfach im Verein bleiben, aber das traut man sich nicht einmal mehr zu denken.

Trainerberater werden normal sein

Die Trainer haben lange gebraucht, ein solches Selbstbewusstsein zu entwickeln, und es ist eher erstaunlich, dass es jetzt erst passiert, sind sie doch sportlich die Kraft- und Kreativitätszentren der Teams. Sie spielen die zentrale Rolle dabei, eine Mannschaft zu formen. Dass es heute immer noch so ist, dass Trainer in Deutschland selbst in Spitzenklubs nicht zentral in die Kaderplanung eingebunden sind, ist auch ein Zeichen dafür, wie ihre Rolle gesehen wird. Als sehr gut bezahlte Erfüller, manchmal gar als Erfüllungsgehilfen der Vereinsziele, die man gegen Abfindungen loswerden kann, wenn es sportlich nicht läuft. Trainer haben so lange weiterzumachen, bis ihnen der Stuhl vor die Tür gesetzt wird.

Die Trainer haben den größten Druck der Öffentlichkeit auszuhalten, abzufangen, sie stehen ständig im Fokus – dass sie auf der anderen Seite dann auch Ansprüche für sich erheben, Rechte für sich einfordern, sollte niemanden wundern. Und dass sie künftig mit Ablösesummen und Ausstiegsklauseln, mit Beratern um sich herum hantieren, auch nicht. Die Trainer wandeln lediglich in den Spuren der Profis. Bei denen sich interessanterweise jetzt die Ersten wieder aus jenem Beraternetzwerk zu lösen beginnen. Joshua Kimmich und Kevin De Bruyne sind Beispiele aus den vergangenen Tagen von Stars, die ihre Angelegenheiten lieber in die eigene Hand nehmen.

In Zukunft wird es weniger Funkels und mehr Hütters geben. Daran sollte sich der Fußball schon mal gewöhnen, statt es zu beklagen.

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