Die Saison in der Einzelkritik Die Durchschnittsliga

Die Aufregung übers Handspiel, das Titelduell, die Jungstars - Geschichten hatte diese Bundesligasaison genug. Dennoch war es keine Spielzeit, die lange in Erinnerung bleiben wird: die Saison in der Einzelkritik.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß - keine Saison ohne ihn
Alex Grimm Getty Images

Bayern-Präsident Uli Hoeneß - keine Saison ohne ihn

Von und


Was macht den Wert eines Wettbewerbs aus? Seine sportliche Qualität? Die Spannung, die er bietet? Oder der Glamourfaktor? Die 56. Bundesligasaison ist beendet, und wir blicken zurück auf eine Spielzeit der ungleich verteilten Dramatik, der Wirrungen um den Handelfmeter und der Irrungen in Sachen Stil. Anhand von zwölf Kategorien bewerten wir die Spielzeit mit Punkten - von eins (sehr schlecht) bis zehn (sehr gut). Die Saison in der SPON-Einzelkritik.

Serge Gnabry bei Bayerns 5:0 gegen Dortmund
Alexander Hassenstein / Getty Images

Serge Gnabry bei Bayerns 5:0 gegen Dortmund

Sportliche Qualität: Wenn Fortuna Düsseldorf auf Platz zehn als eine der erfrischenden Mannschaften der Saison gilt, sagt das einiges aus über die Qualität dieser Spielzeit. Die Bayern haben trotz der Meisterschaft mit 78 Punkten ihr schlechtestes Saisonergebnis der vergangenen sieben Jahre erzielt. Weniger erspielten sie sich zuletzt 2012 (73 Punkte). Borussia Dortmund dagegen präsentierte sich in der Hinrunde als das spektakulärste Team der Liga - ließ sich dann aber von Schalke und Augsburg schlagen, den 14. und 15.. Das ist kein Beweis für die enorme Leistungsdichte in der Liga, sondern ein Hinweis darauf, dass man kein wirklich gutes Team sein muss, um in der Bundesliga Zweiter zu werden. Oder Meister. Punkte: 4/10

Thomas Doll konnte Hannover 96 nicht vor dem Abstieg retten
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Thomas Doll konnte Hannover 96 nicht vor dem Abstieg retten

Spannung: Dass ein Titelrennen am letzten Spieltag entschieden wurde, gab es zuletzt vor zehn Jahren: 2009 ließ Wolfsburg die Bayern hinter sich. Spannung hatte diese Spielzeit also zu bieten - vor allem wenn man bedenkt, dass die Bayern zuvor sechs Mal in Serie Meister mit jeweils zehn oder mehr Punkten Vorsprung geworden sind. Der Abstiegskampf hingegen war so langweilig wie selten: Seit dem 16. Spieltag standen Stuttgart, Hannover und Nürnberg auf den letzten drei Plätzen. Nur Hannover und Nürnberg wechselten mal die Position. Das enge Rennen oben kaschierte aber das verweigerte Rennen unten. Punkte: 8/10

Trotz Halbfinal-Aus die Helden der Euro-Saison: Eintracht Frankfurt
Clive Mason / Getty Images

Trotz Halbfinal-Aus die Helden der Euro-Saison: Eintracht Frankfurt

Internationaler Vergleich: Gefühlt war es eine desaströse deutsche Europapokalsaison. Zum ersten Mal seit 13 Jahren fand das Champions-League-Viertelfinale ohne deutsche Beteiligung statt. Die Bayern scheiterten klar im Achtelfinale an Liverpool, Dortmund an Tottenham. Dass sich beide englischen Teams nun im Endspiel gegenüberstehen, rückt das Scheitern jedoch ins Verhältnis. Weil Hoffenheim als Gruppenletzter ausschied und Schalke im Achtelfinale von Manchester City Prügel bezog (Stichwort: 7:0), weil auch in der Europa League lediglich Frankfurt die Zwischenrunde überstand, war vom deutschen Fiasko die Rede. In der Fünfjahreswertung der Uefa aber haben die Bundesligaklubs sogar Boden gut gemacht. 15.214 Punkte sammelte Deutschland (das wahre Fiasko gab es 2017/2018, als man nur 9.857 Zähler erspielte) und überholt damit Italien (nur 12.642). Frankfurt schrieb mit der Reise durch Europa, die erst im Halbfinale dramatisch endete, eine eigene Geschichte. Punkte: 5/10

Schiedsrichter Denis Aytekin bei der Beschäftigung der Saison
Federico Gambarini / DPA

Schiedsrichter Denis Aytekin bei der Beschäftigung der Saison

Schiedsrichter: Es hätte die Saison des Video Assistant Referees (VAR) werden können. Im zweiten Jahr nach der Einführung schienen die Kinderkrankheiten einigermaßen behoben, die Akzeptanz wuchs. Doch dann überlagerte die Handspieldebatte in der Rückrunde alles. Die "Süddeutsche Zeitung" nannte die unterschiedliche Regelauslegung bei Handspielen im Strafraum das "größte Ärgernis der Fußballgegenwart". In 55 Jahren Bundesligageschichte zuvor waren durchschnittlich 11,7 Handelfmeter pro Saison gegeben worden. Diesmal waren es mehr als 30. Der VAR machte die Sache nicht gerechter, sondern erzeugte in diesem Fall oft Willkür. Die meisten sonderbaren Handelfmeter-Entscheidungen wurden erst im Videokeller gefällt. Punkte: 4/10

Niko Kovac erlebte eine komplizierte, erste Saison als Trainer des FC Bayern
Matthias Hangst / Getty Images

Niko Kovac erlebte eine komplizierte, erste Saison als Trainer des FC Bayern

Trainer: Sieben Trainer mussten während der Saison gehen. Das ist der geringste Wert seit drei Jahren. Doch das Bild ist durch eine neue Trainertrennungskultur verwässert. Nach der Saison verabschieden sich drei weitere aufgrund von Klubentscheidungen: Pál Dárdai in Berlin, Bruno Labbadia in Wolfsburg und Dieter Hecking in Gladbach. Dass drei durchaus erfolgreiche Trainer ihre Arbeit beenden müssen, aber ihre Teams noch in den Sommer bringen dürfen, gab es nie. Die Trainerqualität? Eher durchschnittlich. Nicht einmal der Meistercoach Niko Kovac oder der des Zweiten, Lucien Favre, konnten komplett überzeugen. Den Exodus an Trainerqualität ins Ausland in den vergangenen Jahren mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Pep Guardiola konnte die Liga nicht kompensieren. Punkte: 4/10

Das Schnäppchen der Saison: Düsseldorfs Dodi Lukebakio
Bernd Thissen / DPA

Das Schnäppchen der Saison: Düsseldorfs Dodi Lukebakio

Transfers: Zusammen haben die 18 Klubs in dieser Spielzeit 580 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben und 560 eingenommen. Das ist weniger als in der Vorsaison (640 zu 723 Millionen Euro), liegt aber im Bereich der Spielzeiten 2015/2016 und 2016/2017. Der teuerste Transfer, Dortmunds Abdou Diallo (28 Millionen aus Mainz), hatte ein durchwachsenes Jahr. Dafür überzeugten aber mit Axel Witsel (BVB, 20 Millionen), Paco Alcácer (BVB, erst Leihe, dann feste Ablöse für 21 Millionen) sowie Wout Weghorst (Wolfsburg, 10,5 Millionen), Alessana Pléa (Gladbach, 23 Millionen) und Jean-Philippe Mateta (Mainz, acht Millionen) andere der kostspieligsten Einkäufe ihrer Klubs. Das Schnäppchen der Saison schlug Düsseldorf: Dodi Lukebakio kostete nur 300.000 Euro Leihgebühr (kam von Watford), erzielte aber zehn Saisontore und bereitete vier Treffer vor. Die Bundesliga war diesmal die Liga der cleveren Einkäufer - und manchmal sieht man das erst eine Spielzeit später. Denn zwei der drei herausragenden Spieler dieser Saison waren bereits ein Jahr vorher gekommen: Dortmunds Jadon Sancho und Frankfurts Luka Jovic. Punkte: 8/10

Jung und erfolgreich: Kai Havertz
Federico Gambarini DPA

Jung und erfolgreich: Kai Havertz

Jugendfaktor: Sancho, Jovic und Leverkusens Kai Havertz bringen es als das diese Saison prägende Trio auf gerade 59 Lebensjahre und wären damit gemeinsam noch sechs Jahre jünger als Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel. Bei RB Leipzig spielte sich der 19-jährige Ibrahima Konaté in die erste Reihe der Bundesligaverteidiger, der Aufsteiger beim FC Bayern heißt Serge Gnabry und ist mit 23 schon ein Oldie. Jugend wird immer mehr zum Kriterium, weil die Spieler schon als Teenies perfekt ausgebildet sind. Gleichzeitig ist man mit 29 zu alt für die Nationalmannschaft. Punkte: 8/10

Rot im Revierderby für Marco Reus
Stuart Franklin Getty Images

Rot im Revierderby für Marco Reus

Fairness: Insgesamt sprachen die Schiedsrichter 43 Feldverweise aus, exakt so viele wie in der Vorsaison. In der Spielzeit 2016/2017 waren es noch 56 Gelb-Rote und Rote Karten gewesen. Man könnte dies auf den mäßigenden Einfluss des Videobeweises zurückführen, die Spieler haben jetzt eher Angst, erwischt zu werden. Auch Aufsehen erregende Schwalben im Strafraum gab es kaum noch. Die sind allerdings auch nicht mehr notwendig - mittlerweile reicht es ja für einen Elfmeter, die Hand des Gegenspieler anzuschießen. Punkte: 7/10

Eurosport-Taktik-Pate Matthias Sammer
Sebastian Widmann Getty Images

Eurosport-Taktik-Pate Matthias Sammer

Publikum: Mario Gomez hatte sich zu Saisonbeginn hochgradig verwirrt gezeigt: Er wisse als Fußballgucker mittlerweile gar nicht mehr, bei welchem Anbieter er suchen müsse, um Livefußball zu finden. Die Verwirrung dürfte Gomez während der ganzen Spielzeit nicht losgeworden sein, vielleicht erklärt auch das die Form des VfB. Sky und Eurosport teilten sich die Liveübertragungen, das ZDF übertrug die Bayernspiele zum Auftakt von Hin- und Rückrunde - und das Revierderby wurde parallel von Sky und ARD gecovert, eine interessante Allianz. Der Matthias-Sammer-Experten-Hype bei Eurosport hat sich wie jeder Hype auch mittlerweile abgekühlt, selbst Sammers Taktiktafelfeinheiten haben die Montagsspiele nicht vor der baldigen Abschaffung retten können. Ansonsten viel Wolf Fuss, Lothar Matthäus und Jörg Dahlmann. Da kann die Punktewertung nur gedämpft ausfallen. Punkte: 6/10

Der FC Bayern und Artikel 1 des Grundgesetzes
Alexandra Beier Getty Images

Der FC Bayern und Artikel 1 des Grundgesetzes

Stil: Wenn die Bundesligabosse das Grundgesetz für sich entdecken, ist das erst mal etwas Positives. Dass Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge allerdings den Artikel 1 in Gefahr sah, weil Medien Kritik an der Form einzelner Bayern-Profis übten, kehrte das Ganze dann doch ins Lächerliche. Die Bayern-Pressekonferenz vom 19. Oktober war ein Lehrbeispiel für PR- und Medienseminare. Tagesordnungspunkt: missratene Außendarstellung. Dass Stillosigkeit kein Privileg der Tabellenspitze ist, bewies Hannovers Vereinsführung mit dem sich allmächtig wähnenden Martin Kind. 96 riss in dieser Spielzeit die meisten gängigen Standards der Seriosität. Tollhaus und Dollhaus gleichermaßen. Zwischen oben und unten gab es allerdings auch zahlreiche Klubs, bei denen es weitgehend gesittet zuging. Punkte: 6/10

Ralf Rangnick, Feindbild der Romantik-Ultras
Hendrik Schmidt DPA

Ralf Rangnick, Feindbild der Romantik-Ultras

Tradition: Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen haben sich in der Saison relativ weit oben platziert, den Abstieg machten Hannover, Nürnberg, Stuttgart und Schalke untereinander aus. Keine gute Saison für die Hardcoreromantiker, aber es ist auch kein Untergang. Bayer durfte in dieser Spielzeit 40-jährige Dauer-Zugehörigkeit zur Bundesliga feiern, man tat das mit Altstars wie Bernd Schneider, Ze Roberto, Ulf Kirsten und Thomas Hörster. Die Cha-Bum-Traditionself. Punkte: 5/10

Wo ist der Glamour geblieben, Jérôme Boateng?
Andreas Gebert REUTERS

Wo ist der Glamour geblieben, Jérôme Boateng?

Glamour: Pierre-Emerick Aubameyang sitzt nicht mehr im Mailänder Modelook auf der Tribüne, Leroy Sané bringt seine Mantelkollektion nur noch zu DFB-Auftritten mit, Jérôme Boateng glänzt nur noch matt. Die Deutschen haben bald wieder die von ihnen geliebte Liga mit sehr vielen artigen Jungs, die die tauglichen Werbeträger für Nussschnitten sind. Die Toni-Kroos-ierung der Bundesliga schreitet voran, und ab der kommenden Spielzeit kann man sich nicht mal mehr über den Franzosen aufregen, der Goldstaub über ein Fleischstück verstreut. Punkte: 2/10

Fazit: Das alles ergibt einen Mittelwert von 5,6 Punkten von möglichen zehn. Die Bundesliga war in der abgelaufenen Spielzeit nicht mehr als eine echte Durchschnittsliga.

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Seite 1
laberbacke08/15 19.05.2019
1.
Sorry Serge, hatte vor der Saison orakelt das das bei den Bayern nichts wird. Hatte offensichtlich unrecht und dafür entschuldige ich mich. Was oben fehlt ist eine Erwähnung von Bremens Trainer Kohlfeldt, der steht zwar mit leeren Händen da hat es aber endlich wieder geschafft, dass Werder schönen Fußball spielt und was er aus dem Oldie Pizzaro noch rausholt ist unglaublich.
apotheka 19.05.2019
2. Eher unterirdisch
Die Mehrheit der Mannschaften würde kaum in der 2. Englischen Liga bestehen. Vom 8. bis 18. sind alle austauschbar. Die dümmsten 2 stehen unten, mit 28 Punkten kann der vfb als 16. tatsächlich noch die Klasse halten. Mit ganzen 32 Punkten wirklich sorgenfreier 15. zu werden, das ist m. E. ein Armutszeugnis für diese Liga.
widower+2 19.05.2019
3. Publikum?
Warum wird die Kategorie, bei der es um Fernsehrechte und Fernsehübertragungen geht, Publikum? Darunter hätte ich die Kategorie vermutet, die zur Bewertung der Bundesliga eindeutig fehlt: Fans! Aber da man da einen hohen Punktwert hätte vergeben müssen (mit Abzug in der B-Note wegen ein paar unbelehrbarer Chaoten und Pyrozündler), hätte das wohl an der von den Autoren angestrebten Durchschnittlichkeit gekratzt. Wie man ernsthaft den extravaganten oder eben nicht extravaganten Kleidungsstil einiger Jungmillionäre zum Maßstab machen kann, nicht aber die in Europa konkurrenzlosen Zuschauerzahlen, Stimmung und Auslastung in den Stadien, lässt mich etwas fassungslos zurück.
immerfroh 19.05.2019
4.
Zitat von widower+2Warum wird die Kategorie, bei der es um Fernsehrechte und Fernsehübertragungen geht, Publikum? Darunter hätte ich die Kategorie vermutet, die zur Bewertung der Bundesliga eindeutig fehlt: Fans! Aber da man da einen hohen Punktwert hätte vergeben müssen (mit Abzug in der B-Note wegen ein paar unbelehrbarer Chaoten und Pyrozündler), hätte das wohl an der von den Autoren angestrebten Durchschnittlichkeit gekratzt. Wie man ernsthaft den extravaganten oder eben nicht extravaganten Kleidungsstil einiger Jungmillionäre zum Maßstab machen kann, nicht aber die in Europa konkurrenzlosen Zuschauerzahlen, Stimmung und Auslastung in den Stadien, lässt mich etwas fassungslos zurück.
Tja, es gibt in der schreibenden Zunft nicht nur bei Springer Lobbyisten, die das Feld für die Abschaffung der 50+1-Regelung bereiten wollen. Da stören Pluspunkte für den Angeklagten nur.
widower+2 19.05.2019
5. So ist es wohl
Zitat von immerfrohTja, es gibt in der schreibenden Zunft nicht nur bei Springer Lobbyisten, die das Feld für die Abschaffung der 50+1-Regelung bereiten wollen. Da stören Pluspunkte für den Angeklagten nur.
Indem man die Kategorie Fans/Zuschauer auslässt, musste man ja auch nicht erwähnen, dass das weltweit bestbesuchte Fußballstadion der Welt in Dortmund steht und die Bundesliga in dieser Kategorie mit gleich 4 Stadien unter den Top Ten weltweit rangiert. Da ist vorhandenes oder fehlendes Bling-Bling von Boateng oder Sané natürlich erheblich wichtiger.:)
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