Möglicher Re-Start im Fußball Geht es mit der Bundesliga weiter? Und wenn ja, wie?

Ist der Wiederbeginn des Spielbetriebs in der Bundesliga schon beschlossen? Wären die Klubs damit wirtschaftlich gerettet? Und will sich die Branche wirklich reformieren? Antworten zu den wichtigsten Fragen.
An leeren Rängen wird man sich in der Bundesliga auch nach dem wahrscheinlichen Re-Start gewöhnen müssen

An leeren Rängen wird man sich in der Bundesliga auch nach dem wahrscheinlichen Re-Start gewöhnen müssen

Foto: Andreas Gora/ dpa

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und ihre Vereine hoffen an diesem Mittwoch, wenn sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder berät, auf einen positiven Bescheid zur zeitnahen Wiederaufnahme des Spielbetriebs in den Bundesligen. Über das Wann und Wie ist viel diskutiert worden - längst ist nicht alles klar. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten. 

Ist der Wiederanpfiff der Liga beschlossene Sache?

Nein, aber die Anzeichen verdichten sich, dass die DFL das Go der Politik für den 15./16. oder den 22./23. Mai erhalten wird. Auch die DFL selbst geht davon aus.

Wären die Klubs mit dem Wiederbeginn des Spielbetriebs wirtschaftlich gerettet?

Nein. Die wirtschaftlichen Belastungen blieben trotzdem hoch. Der Sportökonom Prof. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln hat errechnet, dass auf die 36 Erst- und Zweitligaklubs selbst beim Weitermachen mit Geisterspielen Einnahmeverluste von 250 Millionen Euro zukommen würden. Das betrifft Zuschauer-, Sponsoren- und andere Werbeeinnahmen. "Um das zu kompensieren, müssten die Klubs ihre Spieler eigentlich um einen Gehaltsverzicht von 40 bis 50 Prozent bitten", sagt Breuer dem SPIEGEL. Derzeit sind es zehn bis 20 Prozent bei den meisten Vereinen.

Und trotzdem ist ein Teil der Rettung auch ohne Spielbetrieb schon geschafft. Die DFL hat die Rechteinhaber wie Sky davon überzeugt, die vierte TV-Geldrate, die am 10. April fällig war, zu überweisen, obwohl nicht gespielt wurde. Rund 280 Millionen Euro beträgt die Summe. Nur mit Eurosport gab es keine Einigung. Nach SPIEGEL-Informationen muss das TV-Geld auch dann nicht zurückgezahlt werden, wenn die Politik wider Erwarten den Wiederbeginn des Spielbetriebs untersagen sollte. In diesem Fall des Saisonabbruchs müssten die Rechteinhaber als Kompensation in der kommenden Saison weniger TV-Geld zahlen, verteilt über die gesamte Spielzeit. Weil das TV-Geld ohnehin steigen wird, können die Klubs die Mindereinnahmen besser kompensieren. Probleme bekommen die Vereine aber dann, wenn auch die Saison 2020/2021 nicht wie geplant im August starten kann. Denn ein zweites Mal werden die Rechteinhaber nicht einspringen.

Die meisten Vereine trainieren bislang nur in Kleingruppen

Die meisten Vereine trainieren bislang nur in Kleingruppen

Foto: ANDREAS GEBERT/ REUTERS

Wie wäre jetzt der Zeitplan für den Re-Start?

Am Donnerstag treffen sich die 36 Profiklubs zu einer Videokonferenz, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Vor dem Re-Start muss jeder Klub ein Trainingslager unter Quarantänebedingungen absolvieren – und die Spieler und Betreuer weiter regelmäßig testen lassen. In der Vorbereitung sind die Vereine unterschiedlich weit. Einige haben das Mannschaftstraining schon wieder aufgenommen, andere trainieren noch in Kleingruppen.

Was sagt die Politik zum Konzept des Fußballs?

Die Sportministerkonferenz hat sich zwar für die Wiederaufnahme des Profifußballs ausgesprochen, doch die Entscheidung ist kontrovers diskutiert worden. Von den Ministerpräsidenten gibt es offenbar größtenteils Rückhalt. Armin Laschet (NRW), Markus Söder (Bayern) und Stephan Weil (Niedersachsen) haben sich bereits pro Spielbeginn positioniert. Das Bundesinnenministerium bekräftigt allerdings seine Haltung, dass auch Fußballprofis nach Kontakt mit Corona-Infizierten isoliert werden müssen. "Horst Seehofer steht dazu, was er gesagt hat. Personen, die in unmittelbarem Kontakt gewesen sind mit einer positiv getesteten Person, müssen in 14-tägige Quarantäne gehen", sagte ein BMI-Sprecher in der Bundespressekonferenz. "Das ist ein Prinzip, das für die gesamte Bevölkerung zur Anwendung kommt, und es gibt keinen Grund, warum das bei Fußballprofis anders sein sollte."

Worauf basiert das DFL-Konzept?

Insgesamt umfasst das Hygienekonzept etwa 50 Seiten. Geht es nach der DFL, soll die darin verankerte engmaschige Testung gewährleisten, dass bei einem positiven Fall nicht alle in Quarantäne müssen. Dabei beruft sich die DFL auf die Definition der Kontaktpersonen durch das Robert Koch-Institut. Zuletzt hatte aber insbesondere das Facebook-Video Salomon Kalous aus der Umkleide von Hertha BSC Zweifel an der Umsetzung der Kontaktbeschränkungen genährt.

Was soll bei positiven Tests passieren?

Die DFL hat die Vereine zum Stillschweigen über die Ergebnisse der Tests aufgefordert. Das klappt nicht immer, wie die Fälle in Köln und Dresden zeigen, wo nur die Betroffenen in Quarantäne gingen. Ein weiterer Fall bei Erzgebirge Aue führte am Dienstag zwar nach Vereinsangaben zu einer kurzfristigen Quarantäne des gesamten Teams. Die Formulierung dürfte dem Begriff jedoch kaum gerecht werden – am Donnerstag soll die Mannschaft bereits wieder zusammenkommen.

Kann der Fußball mit seinem Re-Start Vorbereiter für andere Sportarten sein?

Das ist er sogar schon. Die Basketball-Bundesliga will ihre Saison im Juni ebenfalls beenden. Für den Turniermodus hat sie ihr Konzept eng an das der DFL angelehnt, sagte Gunnar Wöbke von den Frankfurt Skyliners dem SPIEGEL. "Der Fußball hat sein Konzept natürlich mit mehr Power und mehr Leuten erarbeitet. Wir haben aber daraus gelernt und einige Sachen abgeleitet. Wir werden in einigen Punkten auch noch über den Fußball hinausgehen", sagte Wöbke. Angelehnt hätte man etwa die Reduzierung der Personenzahl auf ein Minimum und regelmäßige Testungen. Weiter geht der Hallensport aber bei der Sicherheit: Die Basketballer wollen ihre Saison unter Quarantänebedingungen an einem einzigen Standort zu Ende spielen. Dafür sollen im Juni alle Mannschaften geschlossen in einem gemeinsamen Hotel untergebracht und sämtliche Spiele in der Münchner Arena absolviert werden.

Auch die Basketball-Bundesliga will weiterspielen - ihr Konzept ist am Fußball angelehnt

Auch die Basketball-Bundesliga will weiterspielen - ihr Konzept ist am Fußball angelehnt

Foto: Mika Volkmann/ imago images/Mika Volkmann

Zurück zum Fußball: Wird es Regeländerungen wegen Corona geben?

Fußball bleibt ein Kontaktsport, an Zweikämpfen und Gerangel bei Standards wird sich auch in der Coronakrise nichts ändern. Doch es gibt Vorschläge, das Spiel anzupassen. Konkret ist nur die Idee des Weltverbands Fifa, vorübergehend fünf statt drei Auswechslungen zu erlauben. Der Antrag liegt beim für Regeländerungen zuständigen International Football Association Board (Ifab) - eine Zustimmung gilt als Formsache. Damit sollen die Profis in den kommenden Wochen und Monaten entlastet werden. Es droht ein Spielkalender mit geringen Erholungsphasen - auch Champions League und DFB-Pokal müssen noch terminiert werden. Den Spielfluss soll die Regel jedoch nicht hemmen, zwei der fünf Wechsel müssten laut Fifa in der Halbzeit erfolgen.

Kann die Saison noch abgebrochen werden?

Jederzeit. Die Spielfähigkeit der Klubs hängt von der Gesundheit ihrer Spieler ab. Auch die ganzen Vorkehrungen des Fußballs können das Risiko einer Erkrankung nur minimieren – nicht aber ausschließen. Bei Krankheitsfällen im Team könnte die Teilnahme am Wettbewerb wohl nicht unbegrenzt aufrechterhalten werden. Vor allem aber hängt der Sport am Verlauf der Pandemie. Sollte eine zweite Welle an Infektionen über Deutschland kommen, könnten die Lockerungen schnell wieder Geschichte sein - und dann wäre es auch der Sonderspielbetrieb in den Bundesligen.

Spieler und Mitarbeiter der Vereine sollen sich regelmäßig Corona-Tests unterziehen

Spieler und Mitarbeiter der Vereine sollen sich regelmäßig Corona-Tests unterziehen

Foto: Jens Büttner/ dpa

Bis wann müsste die Spielzeit abgeschlossen werden?

Die Verträge der Spieler sind mindestens bis Ende Juni gültig. Bis dahin möchte die Liga möglichst fertig sein – denn ab dann ist unklar, wer noch für wen spielen darf oder vielleicht schon beim nächsten Arbeitgeber unter Vertrag steht. Die Fifa hat zwar eine Empfehlung gegeben, die Papiere mit der Saison zu verlängern. Eine entsprechende Regelung dürfte mit deutschem Arbeitsrecht aber nicht bindend sein.

Was sagen die Fans?

Zumindest die aktiven Fans haben sich zuletzt deutlich gegen sogenannte Geisterspiele ausgesprochen. So zum Beispiel im Aufruf "Quarantäne für den Fußball". Darin positionierten sich über 70 Ultragruppen deutscher Fanszenen vehement dagegen, dass Spiele im Mai unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Stattdessen äußern sie fundamentale Kritik am Profifußball. Die Sorge mancher Politiker und Funktionäre, Fans würden sich bei Spielen nun vor den Stadien treffen, teilten die Anhänger nicht. Das Bündnis "Unsere Kurve" verwies auf das Verantwortungsbewusstsein vieler Fußballfans, was sich auch an ihrem gesellschaftlichen Engagement für andere in der Krise aktuell zeige.

Und die Spieler?

Anders als etwa in der Premier League haben sich Bundesligaprofis bislang kaum zu Wort gemeldet. Als Kölns Mittelfeldspieler Birger Verstraete seine Sorgen kundtat, wurde er vom Verein direkt wieder eingefangen und das Interview als "Missverständnis" abgetan. Auf eine Anfrage des SPIEGEL bei den 36 Erst- und Zweitligaklubs bestätigten mit Leipzig, Dresden und Aue nur drei Klubs, dass Spieler Sorgen oder Bedenken bezüglich des Infektionsrisikos geäußert hätten. Der überwiegende Teil der Vereine verneinte die Frage oder wollte sie nicht beantworten.

Geht die Saison auf jeden Fall ohne Zuschauer zu Ende?

Bund und Länder hatten sich bereits vor Wochen darauf geeinigt, keine Großveranstaltungen bis vorerst 31. August 2020 zu genehmigen. Bundesligaspiele mit Stadionkapazitäten zwischen 15.000 und 80.000 Zuschauer gehören sicher in diese Kategorie, auch wenn die Definitionen von Großveranstaltungen in den Bundesländern variieren. In der DFL gehen die Verantwortlichen davon aus, dass das Verbot verlängert wird, die Absage des Oktoberfests in München (19. September bis 4. Oktober) ist ein deutliches Indiz. Spiele mit Zuschauern wird es wohl frühestens 2021 wieder geben.

Wird sich der Fußball durch die Krise reformieren?

Das kann man heute noch nicht beantworten. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hat sich bereits öffentlich für Reformen ausgesprochen. Er will eine Task Force "Zukunft Profifußball" gründen, die ab Herbst erarbeiten soll, welche Regulierungsmaßnahmen es geben kann. Stichwort: Salary Cap, Begrenzung der Beraterhonorare. Ob Seifert und die DFL es damit ernst meinen, wird man auch daran erkennen, wer dieser Arbeitsgruppe angehören wird: Vertreter von Großklubs und Zweitligisten müssen gleichermaßen berücksichtigt werden. Eine große Reform hat sich die DFL bereits vorgenommen: Sie will nach SPIEGEL-Informationen künftig das Verpfänden von TV-Geldern der Zukunft an Banken wie das Internationale Bankhaus Bodensee, oder den Luxemburger Quattrex-Fonds verhindern. Diese Finanzpraktik ist ein Grund, warum manche Klubs in der aktuellen Krise in Schwierigkeiten geraten sind. Sie haben Geld ausgegeben, das erst in der Zukunft durch die Ausschüttung der TV-Raten hereinkommt. Bleiben diese Zahlungen aber wie zuletzt für ein paar Wochen aus, entstehen Engpässe.