HSV-Mitgliederversammlung Auf der Tagesordnung steht die Revolution

Für den Hamburger SV könnte es ein historischer Tag werden. Am Sonntag beraten die Mitglieder über eine Ausgliederung des Profifußballs aus dem Verein. Die Befürworter hoffen auf frisches Geld, die Gegner machen falsches Personal für die Club-Probleme verantwortlich.

DPA

Die geplante Revolution verbirgt sich unscheinbar, hinter Punkt sechs der Tagesordnung. "Anträge zur Strukturreform" heißt es da trocken. Trotzdem wird Punkt sechs für eine Erschütterung beim Hamburger SV sorgen. Am Sonntag findet die jährliche Mitgliederversammlung des Vereins statt, die Verantwortlichen rechnen mit mehr als 10.000 Teilnehmern. Das wäre Rekord. Über allem steht die Frage: Wie soll es mit dem HSV weitergehen?

"Wir brauchen eine Aufbruchstimmung. Alles muss einmal durchgerüttelt werden", sagte Ernst-Otto Rieckhoff während einer Diskussionsrunde beim TV-Sender Hamburg 1. Der 62-Jährige war mal Chef des HSV-Aufsichtsrates, ist Gründer der Initiative "HSVPlus" und hat mit seinem Konzept den Club nicht nur durchgerüttelt - er hat ihn gespalten.

Insgesamt fünf Konzepte für eine Strukturreform stehen am Sonntag zur Wahl. Durch das eine soll die Macht des Aufsichtsrats gestärkt werden, durch das andere die Kompetenzen des Vorstandes. In vielen Details sind sich die Papiere ähnlich, aber die alles entscheidende Frage lautet: Soll der Profi-Fußball, so wie bei 14 anderen Bundesligisten auch, aus dem Verein ausgegliedert und in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt werden? Denn genau das sieht Rieckhoffs Konzept vor. Es geht um die Antwort auf eine der ältesten Fragen der Fans: Wem gehört der Fußball?

"Wir sind uns alle einig, dass es Veränderungen geben muss", sagt Jürgen Hunke. Der 70 Jahre alte Unternehmer war von 1990 bis 1993 Präsident des HSV, ist Mitglied des Aufsichtsrats und einer der schärfsten Kritiker von Rieckhoffs Konzept. Daher hat er ein eigenes Papier mit dem Namen "Zukunft mit Tradition" vorgelegt. Untertitel: "Die Seele des Vereins ist unantastbar". Für den streitbaren Hunke ist der traditionelle e.V., der eingetragene Verein, heilig. Rieckhoff und Hunke repräsentieren die zwei Lager, in die Fans und Mitglieder gespalten sind.

HSV-Strukturreform - die fünf Konzepte

"HSVPlus":

  • Hauptanliegen: Ausgliederung der Profiabteilung und Umwandlung dieser in eine Kapitalgesellschaft
  • Einstieg von Investoren ermöglichen
  • Verkleinerung des Aufsichtsrats von elf auf sechs Personen
  • Aufsichtsrat wird nicht mehr von den Club-Mitgliedern sondern von einem siebenköpfigen Wahlausschuss gewählt und ernennt drei bis fünf Vorstände der AG
  • www.hsvplus.de

"Zukunft mit Tradition":

  • Hauptanliegen: Ausgliederung des Profi-Fußballs innerhalb des e.V.
  • Profibereich wird neues Organ innerhalb des Clubs mit eigener Geschäftsführung
  • Verkleinerung des Aufsichtsrats von elf auf sieben Personen
  • Macht des Aufsichtsrat stärken (auch für Spieler-Verkäufe zuständig, kontrolliert sowohl den Vorstand Profibereich als auch das Präsidium)
  • www.hsv-zukunft-mit-tradition.de

"Reform für einen modernen und erfolgreichen HSV e.V.":

  • Hauptanliegen: Vorstand stärken, keine Ausgliederung
  • Verkleinerung des Aufsichtsrats von elf auf acht Personen
  • Aufsichtsrat ist vom operativen Geschäft befreit, genehmigt dem Vorstand nur noch ein Transferbudget und soll bei Spieler-Verkäufen kein Mitspracherecht haben
  • Installierung eines eigenen Vorstandes für Finanzen
  • www.hsv-reform.de

"Rautenherz-Konzept":

  • Hauptanliegen: Ausgliederung des Profi-Fußballs in eine GmbH & Co KG auf Aktienbasis
  • Der HSV e.V. alleiniger Gesellschafter der entscheidenden HSV Geschäftsführung-GmbH
  • Mitglieder stimmen über den Verkauf von Anteilen ab
  • Beirat (der die Geschäftsführung einsetzt) und Aufsichtsrat (der die Geschäftsführung kontrolliert) bestehen aus jeweils fünf Personen, von denen drei direkt von den Mitgliedern gewählt werden
  • www.rautenherz.com

"HSV-Stiftung":

  • Hauptanliegen: Einrichtung einer HSV-Stiftung
  • Profi-Fußball, Amateursport und Supporter/Förderer als eigenständige Säulen, die rechtlich selbstständig agieren und die Stiftung tragen
  • Jede Säule hat einen Vertreter im Stiftungsrat, dazu kommen drei Externe aus der Wirtschaft/öffentliches Leben
  • Stiftungsversammlung ersetzt die Mitgliederversammlung und wählt Vorsitzenden des Stiftungsrates, zugleich HSV-Präsident
  • Kein eigener Internetauftritt

Vor achteinhalb Jahren hatte es schon einmal einen Vorstoß in Sachen Ausgliederung des Profi-Fußballs und Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft beim HSV gegeben, doch der damalige Vorstandschef Bernd Hoffmann scheiterte mit seinem Anliegen. Allerdings waren es damals, im Sommer 2005, auch andere Zeiten beim HSV. Erfolgreichere. Der Verein schrieb schwarze Zahlen und spielte in der Bundesliga stets um die internationalen Plätze mit. Die Basis sah den Club auf einem guten Weg und daher keine Notwendigkeit, die Struktur des Vereins zu ändern. Doch der Optimismus von einst ist längst verflogen.

Um die negative Entwicklung des HSV zu beschreiben, reichen wenige Zahlen und Fakten der vergangenen Jahre aus. In der Saison 2008/2009 wurde der Club Fünfter der Bundesliga, stand sowohl im DFB-Pokal als auch im Uefa-Pokal im Halbfinale. Es war die wirtschaftlich erfolgreichste Spielzeit der Vereinsgeschichte mit einem Rekordgewinn in Höhe von 13,4 Millionen Euro. Aktuell ist der HSV Tabellen-14. und schwebt in Abstiegsgefahr, in der Bilanz der Saison 2012/2013 steht ein Minus von 9,8 Millionen Euro.

Bundesliga-Platzierungen des HSV seit der Saison 1999/2000
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Bundesliga-Platzierungen des HSV seit der Saison 1999/2000

Seit der Spielzeit 2008/2009 hat sich der HSV nicht mehr für den Europapokal qualifiziert und musste am Ende jedes Geschäftsjahrs einen Minusbetrag in Millionenhöhe verkünden. In den viereinhalb Saisons seit Sommer 2009 hatte der HSV sechs verschiedene Trainer und vier verschiedene Sportchefs.

"Wir brauchen dringend neue finanzielle Flexibilität und daher die Ausgliederung. Alles andere wäre Weitergewurschtel auf dem derzeitigen Niveau", sagt Rieckhoff, dessen Vorstoß bei vielen Anhängern großen Anklang gefunden hat, und das aus drei Gründen: Es war das erste und lange Zeit einzige der fünf Konzepte. Von allen Papieren sieht es die radikalste Umstrukturierung vor. Und Rieckhoff konnte in Thomas von Heesen, Holger Hieronymus sowie Ditmar Jakobs drei frühere HSV-Helden als Unterstützer gewinnen, die mit dem Club 1983 den Europapokal der Landesmeister holten und für viele Fans die Sehnsucht nach Erfolg verkörpern.

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Von Hieronymus bis Kreuzer: HSV-Sportchefs seit 1998
Aber ist es schlau, ausgerechnet in einer Situation zu verkaufen, in der der Verein mit dem Rücken zur Wand steht? Rieckhoffs Konzept sieht vor, nach der Umwandlung 24,9 Prozent der Anteile an der dann neu entstandenen Kapitalgesellschaft zu verkaufen und damit Investoren den Einstieg zu ermöglichen. Um die 100 Millionen Euro soll das einbringen. Dafür müssten bei der anstehenden Versammlung zunächst mehr als 50 Prozent für "HSVPlus" stimmen, um das Konzept auf den Weg zu bringen. Bei einer zweiten Versammlung im Frühjahr/Sommer müssten dann 75 Prozent aller Mitglieder für die Ausgliederung stimmen, nur dann wird es sie geben. Modalitäten, die auch für die vier anderen Konzepte gelten.

"Sportlicher Erfolg hängt nicht von Strukturen ab, sondern von handelnden Personen", hält Manfred Ertel dagegen. Der SPIEGEL-Redakteur ist derzeit Aufsichtsratsvorsitzender und Verfechter des Konzepts "Reform für einen modernen und erfolgreichen HSV e.V.", das eine Ausgliederung ablehnt und stattdessen eine Stärkung des Vorstandes vorsieht. Auch Hunke, der dem Aufsichtsrat mehr Macht einräumen will, sagt: "Wir haben ein Problem, dass wir nicht die richtigen Leute an den richtigen Stellen haben."

Beide, Hunke und Ertel, betonen, Geld allein garantiere keinen sportlichen Erfolg. Am Ende, so ihre Befürchtung, seien die Millionen weg, aber der Investor noch da - und redet dem Verein rein. Rieckhoff entgegnet, natürlich würde es im Zuge einer Strukturreform auch personelle Änderungen beim HSV geben.

Bevor die von Rieckhoff, Hunke und Ertel favorisierten Konzepte sowie die erst vor kurzem präsentierten Vorschläge "Rautenherz" und "HSV-Stiftung" am Sonntag vorgestellt werden, wird Aufsichtsratmitglied Eckart Westphalen einen Antrag präsentieren. Dieser sieht vor, die Abstimmung über die fünf Konzepte zurückzustellen und ein großes Gesamtkonzept zu erarbeiten, das alle Parteien mittragen.

Dann würde die Revolution beim HSV noch einmal vertagt. Wieder einmal.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
tovalop 17.01.2014
1. Spaltung?
Wie kann man von einer Spaltung des Verein sprechen, wenn nach derzeitigem Kenntnisstand ca. 85% der Mitglieder hinter HSV+ stehen und keines der rückwärtsgewandten Alternativkonzepte für sich mehr als 5% verbuchen kann?
Thomas_Brecht 17.01.2014
2. Das Problem ist nur...
..., dass das Geld leider schnell weg ist. Ich bin auch für eine Ausgliederung. Aber ich glaube nicht, dass Kreuzer mit dem Geld umgehen kann. In zwei Jahren würden wir dann echt ohne Geld, aber mit Investoren da stehen.
raumzeit3000 17.01.2014
3. HSV Plus ist die letzte Chance
Lustig ist geradezu, dass die Gegner der Ausgliederung "personelle Probleme" für die Probleme für den Niedergang des HSV verantwortlich machen. SIE sind es ja im Wesentlichen, die das Personal des HSV bislang gestellt haben und damit für die Probleme hauptverantwortlich sind. Herr Hunke zB ist mittlerweile mehr als 20 Jahre an vorderster Front beim HSV dabei. Was hat es gebracht?
drmm 17.01.2014
4. Die Susanne Gascke des Profifussballs...
ist Herr Ertel. Wie die ehemalige Kieler Oberbürgermeisterin hat auch er eindrücklich bewiesen, dass es sehr einfach ist als Journalist alles besser zu wissen und sehr schwer selber zu handeln. Allerdings hatte Frau Gaschke den Anstand zurückzutreten. Von Herrn Ertel, der es geschafft hat den erfolgreichsten HSV-Vorsitzenden der jüngeren Geschichte, Bernd Hoffmann, aus dem Amt zu jagen und die sportlich und finanziell desaströsen letzten 3 Jahre verantwortet, ist ein solcher Anstand leider nicht zu erwarten.
klube47 17.01.2014
5. Vergebene Liebesmüh !
Zitat von sysopDPAFür den Hamburger SV könnte es ein historischer Tag werden. Am Sonntag beraten die Mitglieder über eine Ausgliederung des Profi-Fußballs aus dem Verein. Die Befürworter hoffen auf frisches Geld, die Gegner machen falsches Personal für die Club-Probleme verantwortlich. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-bundesliga-hsv-mitglieder-stimmen-ueber-ausgliederung-ab-a-943431.html
die dringend notwendige Strukturreform wird vielleicht am Sonntag die Mehrheit bekommen, aber die 75 % werden nicht erreichbar sein Die Supporters, die vordringlich dafür verantwortlich sind, dass der Aufsichtsrat mit unfähigen Selbstdarstellern besetzt ist, werden verhindern ihren Einfluss zu verlieren. Denen ist das Schicksal des Vereins egal, wichtiger ist denen ihr Machterhalt. Profi Fussballvereine sind kleine Wirtschaftsunternehmen und so müssen sie auch geführt werden. Es werden sich weder Investoren, Sponsoren und fachlich geeignete Personen bereit erklären den Verein weiterhin zu unterstützen, wenn wie z.B. die Supporters, ohne jedwede Fachkompetenz, die Arbeit des Vorstandes behindern können. Man sollte auch die steuerlichen Probleme bei der Lösung e.V. berücksichtigen. Wenn die Supporters nicht bereit sind sich aus dem täglichen Geschäft heraus zu halten wird der Verein leider ohne Bundesliga Zukunft sein. Ich war lange Zeit ein großer Fan des HSV, seit dem legendären Spielen gegen Barcellona in den 60 er Jahren,leider ist der Verein dank der Supporters zu einer Lachnummer der Bundesliga verkommen.
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