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HSV-Trainer seit 1997: Trainertausch wie im Rausch

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HSV-Mitgliederversammlung Auf der Tagesordnung steht die Revolution

Für den Hamburger SV könnte es ein historischer Tag werden. Am Sonntag beraten die Mitglieder über eine Ausgliederung des Profifußballs aus dem Verein. Die Befürworter hoffen auf frisches Geld, die Gegner machen falsches Personal für die Club-Probleme verantwortlich.

Die geplante Revolution verbirgt sich unscheinbar, hinter Punkt sechs der Tagesordnung. "Anträge zur Strukturreform" heißt es da trocken. Trotzdem wird Punkt sechs für eine Erschütterung beim Hamburger SV sorgen. Am Sonntag findet die jährliche Mitgliederversammlung des Vereins statt, die Verantwortlichen rechnen mit mehr als 10.000 Teilnehmern. Das wäre Rekord. Über allem steht die Frage: Wie soll es mit dem HSV weitergehen?

"Wir brauchen eine Aufbruchstimmung. Alles muss einmal durchgerüttelt werden", sagte Ernst-Otto Rieckhoff während einer Diskussionsrunde beim TV-Sender Hamburg 1 . Der 62-Jährige war mal Chef des HSV-Aufsichtsrates, ist Gründer der Initiative "HSVPlus"  und hat mit seinem Konzept den Club nicht nur durchgerüttelt - er hat ihn gespalten.

Insgesamt fünf Konzepte für eine Strukturreform stehen am Sonntag zur Wahl. Durch das eine soll die Macht des Aufsichtsrats gestärkt werden, durch das andere die Kompetenzen des Vorstandes. In vielen Details sind sich die Papiere ähnlich, aber die alles entscheidende Frage lautet: Soll der Profi-Fußball, so wie bei 14 anderen Bundesligisten auch, aus dem Verein ausgegliedert und in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt werden? Denn genau das sieht Rieckhoffs Konzept vor. Es geht um die Antwort auf eine der ältesten Fragen der Fans: Wem gehört der Fußball?

"Wir sind uns alle einig, dass es Veränderungen geben muss", sagt Jürgen Hunke. Der 70 Jahre alte Unternehmer war von 1990 bis 1993 Präsident des HSV, ist Mitglied des Aufsichtsrats und einer der schärfsten Kritiker von Rieckhoffs Konzept. Daher hat er ein eigenes Papier mit dem Namen "Zukunft mit Tradition"  vorgelegt. Untertitel: "Die Seele des Vereins ist unantastbar". Für den streitbaren Hunke ist der traditionelle e.V., der eingetragene Verein, heilig. Rieckhoff und Hunke repräsentieren die zwei Lager, in die Fans und Mitglieder gespalten sind.

Vor achteinhalb Jahren hatte es schon einmal einen Vorstoß in Sachen Ausgliederung des Profi-Fußballs und Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft beim HSV gegeben, doch der damalige Vorstandschef Bernd Hoffmann scheiterte mit seinem Anliegen. Allerdings waren es damals, im Sommer 2005, auch andere Zeiten beim HSV. Erfolgreichere. Der Verein schrieb schwarze Zahlen und spielte in der Bundesliga stets um die internationalen Plätze mit. Die Basis sah den Club auf einem guten Weg und daher keine Notwendigkeit, die Struktur des Vereins zu ändern. Doch der Optimismus von einst ist längst verflogen.

Um die negative Entwicklung des HSV zu beschreiben, reichen wenige Zahlen und Fakten der vergangenen Jahre aus. In der Saison 2008/2009 wurde der Club Fünfter der Bundesliga, stand sowohl im DFB-Pokal als auch im Uefa-Pokal im Halbfinale. Es war die wirtschaftlich erfolgreichste Spielzeit der Vereinsgeschichte mit einem Rekordgewinn in Höhe von 13,4 Millionen Euro. Aktuell ist der HSV Tabellen-14. und schwebt in Abstiegsgefahr, in der Bilanz der Saison 2012/2013 steht ein Minus von 9,8 Millionen Euro.

Bundesliga-Platzierungen des HSV seit der Saison 1999/2000

Bundesliga-Platzierungen des HSV seit der Saison 1999/2000

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Seit der Spielzeit 2008/2009 hat sich der HSV nicht mehr für den Europapokal qualifiziert und musste am Ende jedes Geschäftsjahrs einen Minusbetrag in Millionenhöhe verkünden. In den viereinhalb Saisons seit Sommer 2009 hatte der HSV sechs verschiedene Trainer und vier verschiedene Sportchefs.

"Wir brauchen dringend neue finanzielle Flexibilität und daher die Ausgliederung. Alles andere wäre Weitergewurschtel auf dem derzeitigen Niveau", sagt Rieckhoff, dessen Vorstoß bei vielen Anhängern großen Anklang gefunden hat, und das aus drei Gründen: Es war das erste und lange Zeit einzige der fünf Konzepte. Von allen Papieren sieht es die radikalste Umstrukturierung vor. Und Rieckhoff konnte in Thomas von Heesen, Holger Hieronymus sowie Ditmar Jakobs drei frühere HSV-Helden als Unterstützer gewinnen, die mit dem Club 1983 den Europapokal der Landesmeister holten und für viele Fans die Sehnsucht nach Erfolg verkörpern.

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Von Hieronymus bis Kreuzer: HSV-Sportchefs seit 1998

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Aber ist es schlau, ausgerechnet in einer Situation zu verkaufen, in der der Verein mit dem Rücken zur Wand steht? Rieckhoffs Konzept sieht vor, nach der Umwandlung 24,9 Prozent der Anteile an der dann neu entstandenen Kapitalgesellschaft zu verkaufen und damit Investoren den Einstieg zu ermöglichen. Um die 100 Millionen Euro soll das einbringen. Dafür müssten bei der anstehenden Versammlung zunächst mehr als 50 Prozent für "HSVPlus" stimmen, um das Konzept auf den Weg zu bringen. Bei einer zweiten Versammlung im Frühjahr/Sommer müssten dann 75 Prozent aller Mitglieder für die Ausgliederung stimmen, nur dann wird es sie geben. Modalitäten, die auch für die vier anderen Konzepte gelten.

"Sportlicher Erfolg hängt nicht von Strukturen ab, sondern von handelnden Personen", hält Manfred Ertel dagegen. Der SPIEGEL-Redakteur ist derzeit Aufsichtsratsvorsitzender und Verfechter des Konzepts "Reform für einen modernen und erfolgreichen HSV e.V." , das eine Ausgliederung ablehnt und stattdessen eine Stärkung des Vorstandes vorsieht. Auch Hunke, der dem Aufsichtsrat mehr Macht einräumen will, sagt: "Wir haben ein Problem, dass wir nicht die richtigen Leute an den richtigen Stellen haben."

Beide, Hunke und Ertel, betonen, Geld allein garantiere keinen sportlichen Erfolg. Am Ende, so ihre Befürchtung, seien die Millionen weg, aber der Investor noch da - und redet dem Verein rein. Rieckhoff entgegnet, natürlich würde es im Zuge einer Strukturreform auch personelle Änderungen beim HSV geben.

Bevor die von Rieckhoff, Hunke und Ertel favorisierten Konzepte sowie die erst vor kurzem präsentierten Vorschläge "Rautenherz"  und "HSV-Stiftung" am Sonntag vorgestellt werden, wird Aufsichtsratmitglied Eckart Westphalen einen Antrag präsentieren. Dieser sieht vor, die Abstimmung über die fünf Konzepte zurückzustellen und ein großes Gesamtkonzept zu erarbeiten, das alle Parteien mittragen.

Dann würde die Revolution beim HSV noch einmal vertagt. Wieder einmal.

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