Gedicht zum Bundesliga-Spieltag Im Nirgends zwischen null und tausend Volt

Der knappe Meisterschaftskampf in der Bundesliga zehrt an den Nerven unseres Fußball-Dichters Thomas Gsella. Aber lesen Sie selbst.

Angesichts der kommenden Woche geraten die Titelkandidaten ins Schaudern
Filip Singer/EPA-EFE/REX

Angesichts der kommenden Woche geraten die Titelkandidaten ins Schaudern


Die ganze Woche tief im Ungewissen:
Wem bleibt das öde Silber? Wer holt Gold?
Die ganze Woche schrecklich aufgeschmissen
Im Nirgends zwischen null und tausend Volt.

Nun starren Menschen leer an die Tapeten,
Und mancher Bräutigam vergisst die Braut.
Nun falten blasse Hände sich zum Beten,
Und an den Fingernägeln wird gekaut.

Und eine Mutter hört man leise weinen:
"Gell, Lewandowski, schießt den Trapp ins Tor."
Und ein schwarz-gelber Vater singt den Seinen
Zum Schlafengehen Dortmunds Hymne vor.

Und manches Herz liegt in der Notaufnahme,
Und auf den Monitoren springt ein Ball.
Und mancher schleicht zu einer Kräuterdame
Und guckt in ihre Kugel aus Kristall.

So zittern sie wie Espenlaub und leiden,
Und allen tut die eine Wahrheit weh:
"Die Schale, ach, nur einer von den beiden
Hält sie am Samstag hoch, ojemine!"

Doch wer nicht dächte auch an die Verlierer,
An Nürnberg und Hannover, wäre kalt.
Gedenken wir, mit andern Worten, ihrer!
Und rufen ihnen zu: Macht's gut, bis bald!



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