Fußball Der neue und der alte Daum

Für Christoph Daum sollte Istanbul der Ort seiner Resozialisierung sein. Die Fußballfans von Besiktas hofften, dass sich mit dem Comeback des Meistertrainers auch der Erfolg wieder einstellen würde. Doch der deutsche Coach agiert seltsam emotionslos.


Sirin Berber ist vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen. "Ein Supertrainer", ruft der Sportreporter von der "Türkiye", fasst sich erst an die Brust, als ersticke er, streckt dann beide Arme in die Luft, als wolle er den Flutlichtmast umarmen, und kann es doch immer noch nicht fassen: "Daum ­ ein Supertrainer." Unten hat gerade Ilhan Mansiz das 1:0 für Besiktas Istanbul erzielt, ein Flachschuss ins lange Eck, und aus dem Fanblock fliegen Klopapierrollen aufs Feld, begleitet von atavistisch anmutenden Gesängen der Tausende auf der Stehplatztribüne. Ganz egal, dass das Tor gegen den Vorletzten der Tabelle, einen Provinzclub aus Samsun, erzielt wurde; egal, dass das Spiel noch lange nicht entschieden ist. Christoph Daum, 47, der deutsche Trainer, sitzt längst wieder in seinem Kunststoffkabuff an der Seitenlinie. Er trägt einen anthrazitfarbenen Anzug zu blauem Hemd und rostroter Seidenkrawatte ­ und die Führung seiner Mannschaft mit Contenance. Wenn einer jubelt und gestikuliert und vom Schiedsrichterteam sanft in die "Coachingzone" zurückgedrängt werden muss, dann ist es allenfalls Daums türkischer Übersetzer. Früher war das alles anders. Da war Daum manchmal gekleidet, als käme er gerade vom Kölner Karneval. Er hopste herum, schrie und schwitzte, und seine Arme drehten sich wie die Räder einer Windmühle. S¸irin Berber erinnert sich noch gut an die Zeit, als Daum mit einer durchschnittlichen Mannschaft 1994 erst Pokalsieger und im Jahr darauf Türkischer Meister wurde und so dem Branchenführer Galatasaray den Schneid abkaufte. Und er meint auch zu wissen, was heute los ist mit seinem Lieblingstrainer, der am Spielfeldrand hockt, als ginge ihn das alles auf dem Rasen nichts mehr an: Er scheint mit seinen Gedanken woanders. Es geht um Drogen, öffentliche Lügen und ab dieser Woche um einen peinlichen Prozess vor der 1. Strafkammer des Landgerichts in Koblenz, bei dem auch herausgefunden werden soll, warum die Laboranalyse von Daums Kopfhaaren anders ausgefallen ist als die seiner Schamhaare (siehe Kasten). Kokainerwerb in 63 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft Daum vor, zudem die Anstiftung zum Drogenhandel. In Istanbul hatte der Fußball-Lehrer seine Ruhe finden wollen, doch je näher der Verhandlungstermin rückte, um so stärker sah er die Bedrohung aus Deutschland heraufziehen. In den ersten Wochen seiner Resozialisierung am Bosporus glaubte Daum, seine persönliche Affäre ­ mit der er immerhin den DFB, die Nationalmannschaft und Bayer Leverkusen in Schieflage gebrachte hatte ­ totschweigen zu können: Er verbat sich schlicht Fragen nach dem "größten Bundesliga-Skandal seit Jahrzehnten" ("Die Welt"). Erst in den letzten Wochen stellte er sich der Realität, in dem er in sorgsam platzierten Statements vergleichsweise kleinlaut "um Fairness" im Verfahren flehte. Taugt die Türkei, so muss sich Daum fragen, als Refugium ­ auch wenn jetzt Woche für Woche sein Privatleben entblättert wird? Journalist Berber, immerhin als Spieler einmal in der Bayernliga tätig und mit einer Trainerlizenz des DFB ausgestattet, lacht fröhlich: "Rauchen? Kein Problem. Trinken? Kein Problem. Drogen? Kein Problem. Daum ist herzlich willkommen." Das sehen nicht alle so. Als Christoph Daum im März zurückkehrte an die Stätte seiner großen Erfolge, war die öffentliche Meinung mindestens gespalten. So verlangte der damalige Innenminister Sadettin Tantan, immerhin selbst Besiktas-Mitglied, von Daum ein Attest, aus dem hervorgeht, dass der Trainer keine Drogen mehr nehme. Sonst werde man ihm keine neue Arbeitserlaubnis erteilen.

Christoph Daum
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Christoph Daum

Der einflussreiche Kolumnist Hincal Uluç fragte in der Tageszeitung "Sabah" rhetorisch, ob etwa die Deutschen "einem Drogen konsumierenden türkischen Trainer erlauben, in Deutschland zu arbeiten", während Galatasaray-Anhänger beim Lokalderby kleine Säckchen mit Mehl auf den "Alman" schleuderten. Derlei Reaktionen kamen für Besiktas nicht unerwartet. Mete Düren, 38, Absolvent der deutschen Schule, Chirurg und Vorstandsmitglied des Clubs, setzte auf "das Vertrauen in Christoph Daum ­ es gab uns die Kraft, diese Verpflichtung durchzustehen". Und das sei eine richtige Entscheidung gewesen: Wer Fehler bereue und ein neues Leben beginne, lege ein "universelles, weltmännisches Verhalten an den Tag" ­ erstens. Und zweitens sei "deutsch" ein Begriff, der in der Türkei immer schon sehr positiv besetzt sei: "Im Ersten Weltkrieg bereits waren wir Waffenbrüder, dann kam die Gastarbeiterwelle nach Deutschland und später Jupp Derwall in die Türkei." Der als "Häuptling Ondulierte Silberlocke" verspottete frühere Bundestrainer führte in den achtziger Jahren den Club der bürgerlichen Intellektuellen, Galatasaray, zu dem Erfolg, den Daum in den neunziger Jahren dem Arbeiterverein Besiktas bescherte. Und so etwas vergessen sie nicht so schnell in der Türkei. "Wir sind bei Dir", malten Daum-Fans auf Transparente, als ihre Lichtgestalt im Frühjahr erstmals wieder im Stadion erschien. Sie haben sich wohl zu große Hoffnungen gemacht ­ die Fans von Besiktas und auch der Deutsche. Der erste Konter jedenfalls von Samsunspor führt an diesem ungemütlichen Oktober-Abend zum Ausgleich, und in der 83. Minute schießt Celil den Außenseiter aus Samsun zum Sieg. Als Sechsten weist die Tabelle danach Daums Club aus, neun Punkte hinter Galatasaray und drei hinter Fenerbahçe. Dass das zu wenig ist, weiß nicht nur Christoph Daum. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel bedrängen Dutzende Journalisten einen sichtlich um Fassung bemühten Besiktas-Coach. Ihr Halbkreis zieht sich mit dem Eintreffen jedes zusätzlichen Kamerateams enger um den Trainer, der mit seinem Stuhl unwillkürlich immer weiter an die Wand zurückweicht. Kazim Kanat, Besiktas-Experte der Zeitung "Akzam", hat Daum mit einem Skorpion verglichen, der sich ­ in die Enge getrieben ­ selbst sticht. Daum jedenfalls will nach dem Spiel erkannt haben: "Wir haben im Moment, weiß Gott, kein Glück." Und dann wiederholt er gebetsmühlenartig den Satz "Ich werde morgen mit dem Präsidium sprechen", bevor er fluchtartig den Raum verlässt. In der Wartehalle des Flughafens sitzt spät am Abend ein einsamer Trainer auf einer Holzbank, tief über den Block gebeugt und irgendwelche Dinge notierend, während seine Spieler Eis am Stiel verschlingen. Und als die Zeitung "Fotomaç" am nächsten Tag mit der Schlagzeile "Besiktas geschlachtet" am Kiosk hängt, hat Daum dem Präsidenten bereits seinen Rücktritt verkündet­ von dem er freilich am Abend wieder zurücktritt, nachdem Clubchef Serdar Bilgili gebeten hatte, ihn nicht im Stich zu lassen: jetzt, wo es dem Verein schlecht gehe, nachdem der Verein doch auch Daum geholfen habe, als es dem schlecht gegangen sei. Am Ende verspricht der Präsident seinem Trainer drei neue Spieler.

  • 1. Teil: Der neue und der alte Daum
  • 2. Teil


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