Pfiffe beim DFB-Länderspiel Voll auf die Ohren

Die Fans quittierten den Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Chile mit Pfiffen - besonders Mesut Özil und Manuel Neuer bekamen den Unmut zu spüren. Viele Spieler sind empört: "Das ist eine Frechheit."

Aus Stuttgart berichten und


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Als der vierte Offizielle in der 89. Minute die Anzeigetafel Richtung Himmel hob, begann ein lautes Pfeifkonzert. Mesut Özil, der von Joachim Löw aus dem Spiel genommen wurde, schaute kurz nach oben, sein Gesicht war wie versteinert. Langsam ging er vom Rasen, die Pfiffe wurden immer lauter. Özil hatte zwar den Siegtreffer gegen die Chilenen vorbereitet, aber ansonsten einen Auftritt hingelegt, mit dem er früher auf jedem Schulhof beim Versteckspiel locker gewonnen hätte. Es war eine gruselige, blutleere Vorstellung des Arsenal-Mittelfeldspielers beim 1:0-Erfolg.

Die Pfiffe des Stuttgarter Publikums gegen Özil und später die gesamte Mannschaft fand beim DFB-Team trotzdem niemand gerechtfertigt. Stattdessen ernteten die Zuschauer ehrliche Entrüstung: "Das war eine Frechheit. Nach dem Spiel können sie uns auspfeifen und ihren Frust rauslassen. Aber schon während des Spiels, das geht gar nicht!", sagte Abwehrspieler Jérôme Boateng. Ihn ärgerte besonders, dass auch Manuel Neuer ab Mitte der zweiten Halbzeit bei jedem Ballkontakt, bei jedem Abstoß Pfeifkonzerte ertragen musste. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass das Publikum gepfiffen hat. Und dann auch noch so früh! Insbesondere am Anfang war es doch ein sehr ansehnliches Spiel, und als die Chilenen dann immer stärker wurden, hätten wir doch eine positive Reaktion des Publikums umso mehr benötigt", sagte DFB-Manager Oliver Bierhoff SPIEGEL ONLINE.

Es war nicht das erste Mal, dass ein Länderspielpublikum seinen Unmut so deutlich äußerte. In den vergangenen Monaten kam es bereits an anderen Länderspielstandorten zu ähnlichen Rissen zwischen den Zuschauern und dem DFB-Team:

  • Deutschland gegen Irland in Köln: Mario Götze wird bei seiner Einwechslung in der 85. Minute ausgepfiffen.
  • Deutschland gegen Paraguay in Kaiserslautern: Als Mario Gomez in der 56. Minute für den Pfälzer Miroslav Klose eingewechselt wird, lassen ihn viele Zuschauer ihren Unmut spüren.
  • Deutschland gegen Kasachstan in Nürnberg: Manuel Neuer wird beinahe bei jeder Ballberührung verspottet, muss viele Buh-Rufe und Pfiffe ertragen.
  • Deutschland gegen Schweden in Berlin: Nach einem desaströsen 4:4 wird die DFB-Mannschaft mit einem schrillen Pfeifkonzert in die Katakomben verabschiedet.

Möglicherweise hat das DFB-Team durch den ansehnlichen und kreativen Fußball der Ära Löw mittlerweile ein solches Anspruchsdenken bei Länderspielbesuchern erzeugt, dass alles andere als ein furioser 6:2-Sieg als Enttäuschung verbucht wird.

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Deutschland-Spiel gegen Chile: Gutes Ergebnis, schwache Leistung
Auch die Tatsache, dass es keine gewachsene Fan-Tradition bei Länderspielen gibt, sondern die meisten DFB-Auftritte überwiegend von Zuschauern aus der jeweiligen Austragungsstadt besucht werden, sorgt für eine Kluft zwischen dem Team und seinen Zuschauern. Der vor Jahren gegründete "Fanclub Nationalmannschaft" ist lediglich ein verkapptes Sponsoringprogramm, das kaum echte Identifikation mit dem DFB-Team ermöglicht.

"Ich verstehe die Pfiffe, die Fans haben ja Eintritt bezahlt", sagte Kapitän Philipp Lahm. Er war der Einzige im Nationalteam, der die Reaktion der Zuschauer nicht verurteilte. Getreu dem Motto: Wer zahlt, hat das Recht, etwas zu erleben. Dabei geht es nicht um Identifikation, um Unterstützung, um den Sport, sondern um Eventisierung.

Per Mertesacker sagte zerknirscht: "Wir versuchen unser Bestes, aber manchmal gelingt es nicht so. Die Pfiffe helfen in den Momenten aber niemanden weiter."

Keiner im DFB-Team wirkte beim Verlassen der Stuttgarter Arena wirklich traurig darüber, dass dies der letzte Test vor der Nominierung des vorläufigen WM-Aufgebots auf deutschem Boden war.

insgesamt 157 Beiträge
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Seite 1
tialo 06.03.2014
1.
Zitat von sysopDPADie Fans quittierten den Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Chile mit Pfiffen - besonders Mesut Özil und Manuel Neuer bekamen den Unmut zu spüren. Viele Spieler sind empört: "Das ist eine Frechheit." http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-deutschland-gegen-chile-warum-die-fans-gepfiffen-haben-a-957184.html
Was soll man denn bitte vom deutschen Neidnörglertum und Wutbürgern anderes erwarten? Deutschland gewinnt das Spiel gegen eine recht starke Mannschaft in einem unwichtigen Testspiel und trotzdem wird gejammert und gebuht. So ist das halt in dieser verkommenen Neid- und Pessimistengesellschaft :)
dr.senf 06.03.2014
2.
Der letzte WM-Test auf deutschem Boden? Hamburg (gegen Polen)? Gladbach (gegen Kamerun)? Mainz (gegen Armenien)?
Lölölöwenbändiger 06.03.2014
3.
Zitat von sysopDPADie Fans quittierten den Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Chile mit Pfiffen - besonders Mesut Özil und Manuel Neuer bekamen den Unmut zu spüren. Viele Spieler sind empört: "Das ist eine Frechheit." http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-deutschland-gegen-chile-warum-die-fans-gepfiffen-haben-a-957184.html
Das muss man verstehen, ist das Stuttgarter Publikum doch einfach verwöhnt, was hochklassigen Fussball angeht. Außerdem hat die Heimmannschaft gewonnen, etwas, was dem Publikum wiederum fremd ist.
alexschneider75 06.03.2014
4. Tja, selbst schuld
Seit Bierhoff/Klinsmann/Löw wurde die Nationalmannschaft zu einer Eventveranstaltung herangezüchtet, bei der nur gejubelt, aber nicht kritisiert werden darf. Selbst schuld, wenn fabriziertes Image und Ertrag auf dem Platz dummerweise nicht zusammenpassen und das mittlerweile auch der durchschnittlichste Sommerfussballfan mit schwarz-rot-goldner Blumenkette und Klatschpappe merkt.
baerry 06.03.2014
5.
Dem eigenen Verein verzeiht man ein schlechtes Spiel weil es der eigene Verein ist. Ein langweiliges und letztlich auch unbedeutendes Spiel der Nationalmannschaft, für das man auch noch viel Geld bezahlt hat ohne eine gleichwertige Unterhaltung geboten zu bekommen ist eben Grund zur Aufregung. Das ist kein Vergleich zu einem Ligaspiel oder Tunier bei dem der Sieg an sich das wichtigste ist. Da geht es um Unterhaltung. Und wenn der Torwart ausgepfiffen wird liegt das nicht unbedingt an der Person, sondern daran, dass der Torwart ständig den Ball bekommt. Dafür zahlt keiner 50€ und mehr. Das hat Herr Lahm schon richtig erkannt.
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