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28. März 2018, 00:02 Uhr

Testspiel-Niederlage gegen Brasilien

7:1 ohne 7

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Was haben ein WM-Halbfinale und ein Testspiel gemeinsam? Nicht viel. Außer vielleicht einen übermütigen Kommentator.

"Mineiraço": Vor, nach und während der Partie wurde immer wieder an den deutschen 7:1-Sieg im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2014 erinnert. Als "Mineiraço" ("Schock von Mineirão") wird die Klatsche in Brasilien bezeichnet. Unabhängig von der Frage, ob ein Testspiel wirklich zur Revanche für ein WM-Halbfinale taugt, standen bei beiden Mannschaften nur zwei Spieler in der Startelf, die auch vor vier Jahren begonnen hatten: Jérôme Boateng und Toni Kroos für die DFB-Auswahl, Marcelo und Fernandinho für die Seleção. Mit dem 7:1 hatte das Spiel von Beginn an denkbar wenig zu tun.

Das Ergebnis: Deutschland verliert gegen Brasilien 0:1 (0:1). Es war die erste Niederlage für die DFB-Auswahl seit dem EM-Halbfinale 2016. Hier geht es zur Meldung.

Personalkarussell: Joachim Löw hatte nach dem 1:1 gegen Spanien Mesut Özil und Thomas Müller zur Schonung nach Hause geschickt, insgesamt stellte der Bundestrainer im Vergleich zum vorangegangenen Test auf sieben Positionen um. Man merkte der Mannschaft an, dass sie in dieser Konstellation noch nicht zusammengespielt hatte.

Kapitän auf Heimaturlaub: Jérôme Boateng führte die Nationalmannschaft zum ersten Mal als Spielführer aufs Feld - und das ausgerechnet im Berliner Olympiastadion. Boateng wurde in Berlin geboren, das Fußballspielen lernte er bei Tennis Borussia und Hertha. "Davon habe ich als Kind geträumt", sagte Boateng vor der Partie. "Im Olympiastadion gegen Brasilien zu spielen. Das ist etwas ganz Besonderes."

Die erste Hälfte: Die DFB-Auswahl begann gut, konnte sich aber keine klaren Chancen erspielen. Im Gegensatz zu den Brasilianern. In der 36. Minute wurde Gabriel Jesus steil geschickt, Joshua Kimmich hob das Abseits auf. Jesus stoppte im Strafraum ab und nahm so Boateng und Antonio Rüdiger aus dem Spiel, schoss im Anschluss aber über das Tor. Eine Minute später machte es der Stürmer von Manchester City unter gütiger Mithilfe von Kevin Trapp besser. Eine Flanke von Willian köpfte Jesus direkt auf den deutschen Keeper, der sich den Ball unglücklich ins eigene Netz lenkte.

Dick und doof: Über die Mannschaften kann man das nicht vorbehaltlos sagen, aber zumindest Kommentator Béla Réthy war schon in WM-Form. "Verteidigt haben früher nur die Dicken und die Doofen", wusste Fußballhistoriker Réthy Mitte der ersten Hälfte über die Brasilianer zu berichten. Zum Glück haben Mauro Ramos, Nílton Santos, Carlos Alberto, Brito, Cafu, Roberto Carlos und viele, viele andere das nicht gehört.

Die zweite Hälfte: Überragend viel passierte nach der Pause nicht mehr. Brasilien war die gefährlichere Mannschaft und hätte durch Paulinho und Philippe Coutinho weitere Tore erzielen können. Die beste Chance zum Ausgleich vergab Draxler in der Nachspielzeit, als er mit einem Schuss von der Strafraumgrenze am brasilianischen Schlussmann Alisson scheiterte.

"Langweilig! Waaaaaaas?": Insgesamt hatte die Partie nicht annähernd so viel Tempo und so viele Torraumszenen wie das 1:1 gegen Spanien zu bieten. Das haben nicht nur die allermeisten Zuschauer so gesehen, sondern auch ZDF-Experte Zé Roberto. "Ein bisschen langweilig" sei das Spiel gewesen, sagte er in seinem besten Deutsch. Katrin Müller-Hohenstein reagierte mit einem entrüsteten "Waaaaaaaaas?" und legte dem ehemaligen Bundesligaprofi nahe, seine weiteren Antworten auf Portugiesisch zu geben.

Niederlage mit Tradition: 0:1 gegen Argentinien, 1:2 gegen Frankreich, 3:5 gegen die Schweiz, 2:3 gegen England. Seit der WM 2010 hat die deutsche Nationalmannschaft vor großen Turnieren bei Testspielen im März immer mindestens eine Partie verloren - und dann doch das Halbfinale erreicht. Das könnte ein gutes Omen sein, oder? Die einzige Ausnahme: Vor der Weltmeisterschaft 2014 gab es keine Niederlage. Aber wer glaubt schon an Omen?

Deutschland - Brasilien 0:1 (0:1)
0:1 Gabriel Jesus (37.)
Deutschland: Trapp - Kimmich, Rüdiger, Boateng (68. Süle), Plattenhardt - Gündogan (81. Werner), Kroos - Goretzka (61. Brandt), Draxler, Sané (61. Stindl) - Gomez (62. Wagner)
Brasilien: Alisson - Dani Alves, Thiago Silva, Miranda, Marcelo - Casemiro - Willian, Paulinho, Fernandinho, Coutinho (73. Douglas Costa) - Gabriel Jesus
Schiedsrichter: Jonas Eriksson
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)

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