Remis gegen Japan Darf Deutschland auf den WM-Titel hoffen?

Siege gegen Frankreich und Schweden, Unentschieden gegen Japan: Die Ergebnisse des DFB-Teams sprechen für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft. Doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich Probleme.
Lena Goeßling (links) und Dzsenifer Marozsán gehören zum Kreis der Führungsspielerinnen

Lena Goeßling (links) und Dzsenifer Marozsán gehören zum Kreis der Führungsspielerinnen

Foto: Christof Koepsel / Getty Images

Es lief die fünfte Minute der Nachspielzeit und die deutsche Nationalmannschaft lieferte beim 2:2 gegen Japan innerhalb weniger Sekunden die Beweise, warum das DFB-Team nach dem frühen EM-Aus 2017 und vielen unglücklichen Spielen unter Ex-Trainerin Steffi Jones wieder zum erweiterten, aber eben nicht zum Topfavoritenkreis der WM 2019 in Frankreich gehören wird.

Nach dem unglücklichen Spielverlauf mit zwei Gegentor-Geschenken von Torhüterin Almuth Schult drängten die Spielerinnen von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg in der Schlussphase auf den Siegtreffer.

Moral, Einsatz, Spielfreude, all das stimmte in der zweiten Hälfte und so kam zunächst Turid Knaak zu einer guten Torchance und wenig später hatte Dzsenifer Marozsán mit einem Volleyschuss aus 13 Metern die noch bessere Gelegenheit. Doch die Spielmacherin von Olympique Lyon schoss ihre Teamkollegin Lina Magull an, haderte mit ihrem Pech, statt weiter nachzusetzen und vergab so die Chance auf eine weitere Balleroberung. Die Entwicklung ist positiv, doch das verjüngte Team - das Durchschnittsalter des Kaders gegen Schweden und Japan lag bei 24,9 Jahren - steht sich noch zu oft selbst im Weg.

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Unentschieden gegen Japan: DFB-Frauen in der Einzekritik

Foto: imago images/ DeFodi

Das weiß auch Voss-Tecklenburg, die mit der ersten Halbzeit gegen die Weltmeisterinnen von 2011 unzufrieden war. "Wir hatten große Probleme im Spielaufbau", sagte die 51-Jährige. "Passtempo, Passgenauigkeit, das hat uns alles nicht gefallen."

Unterm Strich bleibt aber eine Serie von elf ungeschlagenen Spielen, angefangen unter Interimstrainer Horst Hrubesch und fortgeführt von Voss-Tecklenburg, die seit drei Partien die Verantwortung trägt. Darunter waren Siege gegen starke Kanadierinnen, WM-Gastgeber Frankreich, traditionell gut aufgestellte Schwedinnen und nun eben das Remis gegen Japan. Deutschland ist wieder in der Weltspitze angekommen, aber es gibt einige Dinge, die gegen den dritten WM-Titel nach 2003 und 2007 sprechen:

Individuelle Fehler

Es ist äußerst selten, dass eine Spielerin auf diesem Niveau in einem Spiel zweimal den gleichen Fehler begeht und so zwei Gegentore verschuldet. Torhüterin Schult passierte mit ihren nicht erzwungenen Fehlpässen genau das und sie steht damit exemplarisch für ein Problem, das Voss-Tecklenburg in der WM-Vorbereitung im bayerischen Grassau angehen muss: "Wir brauchen in der Defensive über 90 Minuten Konstanz, noch haben es die Gegnerinnen zu leicht", fasste Kapitänin Alexandra Popp zusammen.

Führungsspielerinnen

Popp bildet zusammen mit Schult, Lena Goeßling, Marozsán, Svenja Huth sowie den gegen Japan fehlenden Melanie Leupolz und Sara Däbritz das Gerüst, um das die WM-Stammelf gebaut werden soll. Dieses Septett bringt Erfahrung ein, kämpft aber mit unterschiedlichen Problemen:

  • Schult muss, abgesehen von ihren Fehlern, nach langer Krankheit noch ihr Fitnesslevel erhöhen.
  • Goeßling ist keine unumstrittene Stammspielerin und wegen fehlender Geschwindigkeit nicht die ideale Innenverteidigerin gegen absolute Topstürmerinnen.
  • Leupolz und Däbritz fallen zwar nicht länger aus, können mit dem FC Bayern aber noch die Champions League gewinnen und deshalb ohne die nötige Frische zur WM fahren.
  • Marozsán ist weiter die beste Fußballerin im DFB-Kader, zeigt aber immer mal wieder ein leistungshemmendes Phlegma.
  • Bleiben noch die beiden Stürmerinnen Popp und Huth, die ihre Torgefahr häufig unter Beweis stellen, das in den ganz großen Spielen aber noch bestätigen müssen.

Chancenverwertung

Denn auch das Spiel gegen Japan hat gezeigt, dass die deutsche Mannschaft noch Defizite in der Verwertung ihrer Großchancen hat. Popp und Huth erzielten jeweils per Kopf die beiden Tore, doch Marozsán, Knaak und Magull verpassten es mehrmals, aus dem Remis einen klaren Sieg zu machen.

Fehlende Stammelf

Es ist nachvollziehbar, dass sich Voss-Tecklenburg nach ihrem Jobantritt Anfang des Jahres zunächst einen Überblick verschaffen und möglichst viele Spielerinnen testen wollte. Doch das hat zur Folge, dass die Bundestrainerin ohne eingespielte Stammelf in die WM-Vorbereitung geht. Bis zum WM-Auftakt gegen China am 8. Juni in Rennes steht nur noch ein Testspiel gegen Chile am 30. Mai auf dem Programm. Die Trainingseinheiten in Grassau bekommen so eine ungleich höhere Bedeutung.

Immerhin: Das Team selbst sieht die Ausgangslage realistisch. "WM-reif würde ich die Leistung noch nicht nennen", sagte Popp nach dem Remis in Paderborn vor knapp 5000 Zuschauern. Und Marozsán ergänzte: Wir haben noch viel Arbeit vor uns." Ein frühes Turnierende wie vor zwei Jahren soll es trotzdem nicht noch einmal geben.