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EM-Spiel Polen vs. Russland "Das ist Politik, wir spielen Fußball"

Jubel oder Drama? Die EM hat am zweiten Spieltag ihr brisantestes Duell. Ausgerechnet am russischen Nationalfeiertag kämpft Polen gegen das frühe Aus in der Vorrunde. Doch die Aufgabe wird schwierig: Die Russen zeigen sich in einer herausragenden Form.

Lukasz Piszczek redete langsam und leise. Dem Deutschen Meister von Borussia Dortmund wurde kurz nach Abpfiff der EM-Eröffnungspartie klar, was das Unentschieden gegen Griechenland bedeutet. Der 27-Jährige sagte SPIEGEL ONLINE in den Katakomben des Warschauer Nationalstadions: "Gegen Russland erwartet uns schon so etwas wie ein Endspiel. Das wollten wir eigentlich vermeiden. Das Drumherum des Spiels ist eh schon heftig genug."

Um diese Einschätzung zu bestätigen, reicht ein Blick in die polnische Presse. Gleich zwei Zeitungen zeigen Nationaltrainer Franciszek Smuda dargestellt als den legendären Marschall Jozef Pilsudski. Der Armeeführer kämpfte sein halbes Leben lang in etlichen Schlachten gegen Russland und gilt noch heute als polnischer Nationalheld. Am Dienstag trifft Polen nun auf Russland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

"Klar, das Spiel bewegt die Emotionen", sagt Nationalmannschaftskapitän Jakub Blaszczykowski. Zusätzliche Brisanz entwickelt sich durch mehrere zehntausend russische Fans, die derzeit in der polnischen Hauptstadt weilen. Nur wenige Stunden vor dem Anpfiff werden tausende Menschen zum "Marsch der Russen" erwartet. Dieser findet anlässlich des russischen Nationalfeiertags an diesem Dienstag statt. Der Zug durch die Warschauer Innenstadt unter russischer Flagge gilt vielen Polen als Provokation. Die Stadt reagiert darauf mit einer deutlichen Aufstockung des Sicherheitspersonals, das Spiel hat damit die höchste Sicherheitsstufe.

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Russland gegen Polen: Die Weiß-Roten unter Erfolgszwang

Foto: DIMITAR DILKOFF/ AFP

"Das ist Politik, wir machen Sport", sagt Robert Lewandowski dazu. Er will weder von den Märschen noch von irgendwelchen Drohgebärden etwas hören. "Wir müssen uns auf uns konzentrieren. Die russische Mannschaft wird uns schon genug Probleme bereiten, da brauchen wir nicht auch noch irgendwelche historischen Sachen", sagt Lewandowski.

"Es geht um Herz und Willen"

Der BVB-Stürmer verweist dabei auf den starken Auftritt der Russen gegen Tschechien. Das 4:1 war ein Ausrufezeichen in diesem noch jungen Turnier, alle Tore spielten die Russen überlegen heraus. "Sie haben mit Arschawin, Dzagoev und Pawljutschenko überragende Akteure in der Offensive. Wir müssen alles abrufen, was wir haben", sagt Piszczek. Das bedeutet für die Polen vor allem, dass sie an die erste Halbzeit ihres Auftaktspiels gegen Griechenland anknüpfen müssen.

Der EM-Mit-Gastgeber zeigte in diesem ersten Durchgang, warum er vor dem Turnier von zahlreichen Experten zum Geheimfavoriten gezählt wurde. Die Polen ließen den Ball im Mittelfeld sehr gut laufen, kreierten zahlreiche Chancen, scheiterten jedoch viel zu oft im Abschluss. "Wir wissen, dass wir das Zeug dazu haben, unser Spiel 90. Minuten so zu gestalten, wie in dieser ersten Halbzeit", sagt Blaszczykowski.

Doch längst ist in der polnischen Presse eine Diskussion über den Zustand und die taktische Ausrichtung des Teams entbrannt. Die Sportzeitung "Pszeglad Sportowy" spekuliert bereits darüber, ob das Team in der zweiten Halbzeit des Auftaktspiels aufgrund von konditionellen Defiziten versagte. Das Fachblatt "Pilka Nozna" hingegen sieht das Aufrücken der beiden Außenverteidiger als größten Gefahrenherd.

Letzteres könnte gegen Russland tatsächlich das schwerwiegendste Problem werden. Denn das russische Team kombiniert vorzugsweise über die Flügel, die von Arschawin gekonnt in Szene gesetzt werden. Die Außenstürmer versuchen so immer wieder, in den Rücken der Abwehr zu gelangen und von dort die Bälle in den gegnerischen Strafraum zu befördern. Gerade die polnischen Außenverteidiger Sebastian Boenisch und Lukasz Piszczek stehen aber zumeist bei eigenem Ballbesitz weit in der gegnerischen Hälfte. Eine solche Ausrichtung ist ein gefundenes Fressen für eine schnelle Kontermannschaft. Sollten die Polen außen nicht diszipliniert genug agieren, droht ihnen schnell das Schicksal der Tschechen - und das vorzeitige Ende ihres EM-Sommermärchens.

"Ach, wir sollten nicht so schwarz malen. Es geht doch bei dem Spiel auch nicht um Taktik oder Politik. Es geht um Herz und Willen. Wir müssen für das Land und für den Stolz spielen, unsere Spieler müssen sich für den Sieg zerreißen", sagt der ehemalige polnische Starspieler und heutige Nationalheld Zbigniew Boniek SPIEGEL ONLINE. Für ihn wäre ein Ausscheiden in der Gruppenphase dieser Heim-EM "das Allerschlimmste, was man sich vorstellen kann. Vor allem für die Menschen hier."

Das Verhältnis zu Russland würde dies wohl ebenfalls nicht entspannen.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:
Polen:
Tyton - Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch - Murawski, Polanski - Blaszczykowski, Obraniak, Rybus - Lewandowski
Russland: Malafeev - Anyukov, A. Berezutskiy, Ignashevich, Zhirkov - Denisov - Zyryanov, Shirokov - Dzagoev, Arshavin - Pavlyuchenko
Schiedsrichter: Stark (Deutschland)

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