Vorfälle bei der EM 2016 Bühne der Rassisten

Bei der EM in Frankreich kam es wiederholt zu hässlichen rassistischen Vorfällen. Trotzdem zieht die Organisation FARE ein positives Fazit. Die anstehenden Turniere in Russland bereiten jedoch Sorge.

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Gründe für die Halbfinal-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich gibt es viele: Die mangelnde Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, individuelle Fehler, der Ausfall von Spielern wie Mario Gomez oder Jérôme Boateng sowie eine französische Mannschaft, die effizient ihre wenigen Chancen nutzte.

Doch so mancher deutsche Fan hatte einen anderen Verantwortlichen für das 0:2 ausgemacht. "Scheiß Italiener, wir singen scheiß Italiener", hörte man aus der Kurve der deutschen Fans in Richtung des italienischen Schiedsrichters Nicola Rizzoli, der einen Handelfmeter gegen Deutschland gepfiffen hatte.

Es war nicht das erste Mal, dass deutsche Fans diesen Gesang anstimmten. Bereits beim Viertelfinale gegen Italien war er aus Tausenden Kehlen zu vernehmen - und dies auch gleich noch in italienischer Übersetzung. Wahrlich kein Ruhmesblatt für die deutschen Anhänger, die damit leider jedoch beileibe keine Ausnahme waren. Bei insgesamt acht EM-Spielen registrierte die Organisation FARE, die gegen Rassismus und Homophobie im Fußball kämpft und seit Jahren offiziell mit der Uefa zusammenarbeitet, fremdenfeindliche und homophobe Vorfälle in den Stadien.

"Die EM in Frankreich war die Projektionsfläche für viele kulturelle Konflikte, die Europa momentan erlebt", sagte der FARE-Vorsitzende Piara Powar SPIEGEL ONLINE. "Schon während der Saison haben wir vor allem in Zentral- und Osteuropa beobachtet, wie islamophobe und rechtsradikale Bewegungen in den Stadien versuchen, Fuß zu fassen. Eine Entwicklung, die viele Fans mit nach Frankreich gebracht haben", so Powar.

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EM 2016: Krawalle in Lille

Etliche Rassismus-Vorfälle während der EM

Bestätigt wird diese Aussage nun durch einen von FARE veröffentlichten Bericht. Kroatische Fans, die in den vergangenen Jahren wiederholt für Schlagzeilen wegen rassistischer und rechtsradikaler Vorfälle sorgten, fielen gleich bei allen drei Gruppenspielen ihrer Nationalmannschaft durch die Zurschaustellung rechtsradikaler Symbole auf.

Polnische Ultras wiederum präsentierten beim Spiel gegen die Ukraine ein großes Transparent mit der Aufschrift "Defenders of European Culture", nachdem sie vorher mit ihm durch die Straßen von Marseille marschiert waren. Bereits in der vergangenen Saison zeigten polnische Ultras bei Ligaspielen islamfeindliche und rassistische Choreographien. In den EM-Stadien negativ aufgefallen sind ebenfalls Anhänger aus der Ukraine, Ungarn und Russland.

Rassistische Vorfälle registrierte FARE jedoch nicht nur in den EM-Arenen, für deren Sanktionierung die Uefa verantwortlich ist, sondern auch an den Spielorten. Eine beschämende Liste, auf die es auch deutsche Hooligans geschafft haben. Vor dem ersten Gruppenspiel der DFB-Mannschaft in Lille griffen gewaltbereite Fußballfans aus Deutschland nicht nur ukrainische Anhänger an, sondern zeigten auch die Reichskriegsflagge. Beim Achtelfinalspiel gegen die Slowakei war diese im Zentrum von Lille abermals zu sehen. In Paris wiederum griffen am 16. Juni deutsche Hooligans ein brasilianisches TV-Team an und beschimpften es rassistisch.

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EM-Spielort Marseille: Tränengas und fliegende Stühle

Doch trotz der Vorfälle sieht FARE, das bei jedem Spiel mit 45 Beobachtern vertreten war, den Verlauf der EM positiv. "Es gab weniger Vorfälle als erwartet und auch schon bei vergangenen Turnieren gesehen", erklärt Powar: "Die meisten der nach Frankreich gereisten Anhänger haben sich gut benommen und waren interessiert an Kontakten mit den Fans aus den anderen Ländern."

Banger Blick auf kommende Großereignisse in Russland

Was für FARE jedoch kein Grund ist, optimistisch auf den im nächsten Jahr stattfindenden Confedarations Cup sowie die WM 2018 in Russland zu blicken. "Mit Sorge beobachten wir die immer stärker werdenden Verbindungen zwischen rechtsradikalen Organisationen und der Fanszene im russischen Fußball", sagt Powar und verweist dabei auf die Ereignisse von Marseille, als russische Hooligans rund um das Spiel gegen England mit brutalen Gewaltexzessen für Angst und Schrecken sorgten.

Wie tief verwurzelt der Rechtsradikalismus in der russischen Hooliganszene ist, zeigt sich nicht nur in der Person von Aleksandr Schprygin, dem Vorsitzenden des Dachverbands russischer Fußballfans, sondern auch bei weiteren Vorfällen während der EM: Im Rahmen der Partie gegen England beleidigten russische Fans dunkelhäutige Stewards im Stadion mit Affenlauten. Zudem präsentierten sie zwei Banner mit rechtsradikalen und rassistischen Inhalten. Beim zweiten Gruppenspiel gegen die Slowakei in Lille wiederum trugen Anhänger der Sbornaja Kleidung mit rassistischen Symbolen und Slogans offen zur Schau.

"Gegen diese im ganzen Land auftretenden Gruppen müssen die russischen Politiker und Funktionäre dringend etwas tun", sagt Powar. "Ansonsten muss man um die Sicherheit afrikanischer, asiatischer oder homosexueller Fans während der Turniere in Russland fürchten", lautet seine beunruhigende Warnung.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
meinerlei 12.07.2016
1. WM verlegen
Leider werden die Austragungsorte für Sportgroßereignisse durch politische Überlegungen und Korruption entschieden. Bald werden die Olympioniken in verseuchtem Wasser ihre Kämpfe austragen, und die Fussballer 2018 in einer verseuchten Atmosphäre spielen. Olympia zu verlegen ist nicht mehr möglich, für die WM wäre es kein Problem.
darthkai 12.07.2016
2. Wenig Grund zur Sorge
Ich gehe davon aus, dass die russischen Sicherheitskräfte deutlich klarere Anweisungen erhalten werden als ihre französischen Kollegen, wie sie mit Randalieren und Provokateur umzugehen hat.
Reiner_Habitus 12.07.2016
3.
- Die Russen haben bis jetzt nix gegen Fangewalt getan - haben bei dieser EM hinreichend gezeigt, dass sie im Prinzip nix tun wollen -folglich werden sie auch nix tun.... -> Ergo...... Klarmachen dass man, wenn sich nix ändert die WM in der EU austragen wird. Das geht sofort mit wenigen Wochen Vorbereitungszeit.....
pauschaltourist 12.07.2016
4.
Lustig auch, dass die Russen, die ihre außenpolitischen Eskapaden gerne mit "Kampf gegen Faschismus" begründen, die hartnäckigsten Rassisten und Rechtsradikale stellen ;) Auf der Rückreise prügelten sie ja unter anderem in Köln auch aus Spanien stammende Linksaktivisten ins Krankenhaus...
troy_mcclure 12.07.2016
5.
Ich gehe mal davon aus, dass es nicht solche gewalt wie in Frankreich geben wird, da - die russische Polizei härter durchgreifen wird als die französische es getan hat - dementsprechend die Chaoten sich weniger trauen - Russland im Gegensatz zu Frankreich nicht im Schengenraum liegt und somit Hooligans aus der EU schon an der Grenze aufhalten/zurückweisen kann.
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