Deutsche Nationalmannschaft Es fehlt die Kälte vor dem Tor

Die DFB-Elf war im EM-Halbfinale gegen Frankreich spielbestimmend, feldüberlegen - aber hat einfach das Tor nicht getroffen. Plötzlich vermisst man Mario Gomez. Doch er allein ist nicht die Lösung.

AFP

Aus Marseille berichten und


Sechs Spiele hat die deutsche Nationalmannschaft bei dieser EM absolviert, sie hat dabei sieben Tore geschossen. Das haben die Franzosen in den vergangenen zwei Partien geschafft.

Die schlechte Chancenverwertung hat Bundestrainer Joachim Löw in der Vergangenheit schon wiederholt beklagt, aber ihm fehlten bei diesem Turnier auch die Spieler, die dafür hätten sorgen können, dies abzustellen. Eigentlich hatte Löw nur Mario Gomez, und der fehlte gegen Frankreich verletzt.

"Es hat heute einer gefehlt, der den Ball reinschießt", hat der wegen seiner Gelbsperre zum Zuschauen verurteilte Mats Hummels nach dem 0:2 von Marseille gesagt. Gomez konnte nicht spielen, Thomas Müller rannte sechs Spiele lang seiner Torgefahr hinterher, Julian Draxler trifft nur in Ausnahmefällen, Mario Götze ist nur noch ein Schatten, von André Schürrle sprach am Ende ohnehin keiner mehr.

Hinter Gomez klafft die große Lücke

Hummels hat noch angefügt: "Gegen so tief stehende Teams brauchst du in meinen Augen einen echten Mittelstürmer." Der Bundestrainer ist nie ein Fan von Mittelstürmern gewesen, er hat Gomez mitgenommen, weil er irgendwie gespürt hat, dass er ihn und seine Tore braucht. Aber es ist der einzige Job im Team, den Löw in seinem Kader nicht doppelt besetzt hat. Als Gomez ausfiel, fehlte der Ersatz.

Der Bundestrainer hat sich immer auf seine Offensive verlassen können, jahrelang galt der Fokus der Abwehr, die es zu stabilisieren galt. Jetzt hat Löw in der Defensive mit Hummels, mit Jérome Boateng, mit Benedikt Höwedes erstklassige Spezialkräfte, mit Jonas Hector sogar einen veritablen Linksverteidiger, und auf der rechten Seite ist der junge Joshua Kimmich auch auf einem guten Weg.

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Aber bei diesem Turnier hat ihn die Offensive im Stich gelassen, man hätte nicht gedacht, dass dies in der Ära Löw noch einmal passieren würde. "Vor dem Tor hatten wir Pech, ich will es nicht Unvermögen nennen", hat Torwart Manuel Neuer nach der Partie gesagt. Pech war sicher im Spiel, aber angesichts der deutschen Dominanz im Mittelfeld tauchte schon irgendwann zum Ende der ersten Halbzeit die Frage auf, warum dieses Team trotzdem noch nicht in Führung gegangen ist.

Müller steht für die unglückliche Offensive

Das besorgten stattdessen die Franzosen, "die wussten wahrscheinlich selber nicht, warum sie plötzlich vorne lagen", spottete Müller. Wobei er aufpassen musste, dass der Spott nicht auf ihn zurückfällt. Der Münchner, ansonsten der Torgarant in der deutschen Mannschaft, mühte sich in der Spitze, aber er kam immer einen Tick zu spät, ob beim Kopfball oder beim Versuch, den Ball mit seinen langen Beinen irgendwie ins Tor zu grätschen. Müller war die Personifikation des unglücklichen Offensivspiels bei dieser EM.

Löw hat im Lauf des Turniers beklagt, in Deutschland gebe es zu wenige Angreifer, die das Dribbling noch beherrschten, die erfolgreiche Eins-zu-eins-Situation. Aber das stimmt eigentlich nicht. Julian Draxler hat gegen die Slowakei bewiesen, dass er es kann. Es gibt die Leverkusener Julian Brandt und Karim Bellarabi, die dies durchaus beherrschen. Beide hat Löw vor dem Turnier aus seinem Kader gestrichen.

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Was in Deutschland aber wirklich fehlt, das sind die Spieler, die die Kaltschnäuzigkeit, die Coolness, die Abgeklärtheit vor dem Tor haben. Für die der Strafraum des Gegners das eigentliche Revier ist. Es ist der gute alte Mittelstürmer, der in Deutschland - auch weil es so gewollt war - auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Spielertypen steht. Es gibt in Deutschland außer Mario Gomez keinen Mario Gomez. Löw wollte diese Spieler nicht in seinem Team haben, es widersprach seinem Verständnis von modernem Angriffsspiel. Er hatte Thomas Müller, und er hatte Mario Götze, die haben das Toreschießen erledigt. Aber beide sind bei diesem Turnier dafür ausgefallen. Und dann fiel die große Lücke auf.

Dem Leitbild der Nationalmannschaft haben sich in den vergangenen fetten Jahren viele angepasst, Vereine, Ausbilder, die Scouts, die Talentsucher - der spielende Angreifer, der flexibel einsetzbar ist, davon gibt es mittlerweile in Deutschland viele hochbegabte junge Spieler. Aber der Torinstinkt, die Kälte vor dem gegnerischen Torwart, das haben nicht viele. Und das dürfte sich auch in naher Zukunft nicht ändern.

Löw hat die Debatten um die richtige oder falsche Neun immer als irrelevant abgetan. Er wird sich notgedrungen wieder mit dem Thema befassen müssen. Das ist aus deutscher Sicht die Lehre aus der Europameisterschaft 2016.

insgesamt 323 Beiträge
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matbhmx 08.07.2016
1. Es nützt der statistisch ...
... überlegene Ballbesitz nichts, wenn man nicht weiß, was man mit dem Ball anfangen soll. Und wenn man sich Mal die Vielzahl von Fehlpässen der deutschen Mannschaft ansieht - und zwar die gesamte EM über - , dann hat man das Gefühl, dass die deutsche Mannschaft aus dem Fußballplatz einen Bolzplatz gemacht hat. Man hat mit irrsinnig viel - bewundernswertem - Krafteinsatz die Bälle zum Teil sinnlos in der Gegend verschossen. Irgendwie hatte man das Gefühl, dass das kein "Team" ist, dass da zusammenspielt. Es waren vielleicht 6 oder 7 Spieler, die die Mannschaft zur Mannschaft machten, der Rest war irgendwie einfach nur dabei! Und das reicht eben einfach nicht.
wihelm 08.07.2016
2.
Liebe Fußball Freund bleiben sie mal alle auf dem Teppich im Halbfinale auszuscheiden ist keine Schande
urlauber10 08.07.2016
3. die englische Krankheit halt...
wenn die Stuermerpositionen in der Bundesliga von Legionaeren besetzt sind kann sich da kein einheimisches Talent fuer die Nationalmannschaft etablieren. Loew muss ifuer die WM seinen eigenen Griezman/Ronaldo finden.
ironbutt 08.07.2016
4. es fehlt ein Egomane, ein Knipser
bei dem ganzen Mannschafts-Gejaule wird vergessen, dass ein spieler wie zB Robben in seiner Phase 2011 bis 2014 gestern einen riesigen Unterschied gemacht hätte. Einer, der nicht immer nur abspielen will, sondern den starken Zug zum Tor hat.
troy_mcclure 08.07.2016
5.
Na ja, mit Müller war ja jemand dabei, der auch MS spielen kann, aber der war bei diesem Turnier ja absoult torungefährlich. Außerdem fehlte die Durchschlagskraft nach vorne auch deshalb, weil sowohl Özil als auch Kroos kein gutes Turnier gespielt haben.
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