Englands EM-Aus Gescheitert - mal wieder

England ist raus, Trainer Roy Hodgson auch. Das EM-Desaster zeigt: Er hat es nicht geschafft, das große Potenzial der Mannschaft auszuschöpfen. Wer soll das Team nun aus der Dauerkrise führen?

Roy Hodgson
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Roy Hodgson

Aus Nizza berichtet


Roy Hodgson scheiterte regungslos. Es gibt Trainer, die an der Seitenlinie wilde Tänze aufführen, die gestikulieren, rumbrüllen, sich mit dem vierten Offiziellen angelegen und am liebsten selbst auf den Rasen rennen würden. Der Coach der englischen Nationalmannschaft tat nichts davon. Er stand da wie versteinert, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.

Ohne emotionale Regung beobachtete Hodgson, wie seine Spieler einen Ball nach dem anderen ideenlos nach vorne traten, wie die verzweifelten Schüsse aus zweiter Reihe am Tor der Isländer vorbeiflogen, wie die Flanken im Nirgendwo landeten. Ihm schien früh klarzuwerden, dass dieser Abend sein letzter als Trainer der englischen Nationalmannschaft sein würde.

Die 1:2-Niederlage gegen Island bedeutete das Aus der Engländer im Achtelfinale dieser Europameisterschaft, und es bedeutete das Aus des Trainers. Hodgsons Vertrag wäre ausgelaufen, und der Verband hatte mindestens den Einzug ins Viertelfinale zur Bedingung für eine weitere Zusammenarbeit erklärt. Nach der Niederlage gegen den EM-Neuling und dem nächsten enttäuschenden Turnier in der an enttäuschenden Turnieren reichen Geschichte des englischen Fußballs war der Trainer nicht mehr im Amt zu halten. Sein Ende war mit dem Abpfiff beschlossen.

"Das ist nicht akzeptabel"

In der Stunde der Niederlage übernahm Hodgson die Kontrolle über das Geschehen. Anstatt darauf zu warten, dass der Verband ihm das Unausweichliche in den kommenden Tagen auch offiziell mitteilen würde, gestand er selbst sein Scheitern ein und trat zurück. "Ich hätte gerne weitergemacht. Aber ich bin pragmatisch. Ich weiß, dass es in diesem Geschäft um Ergebnisse geht", sagte der 68 Jahre alte Fußballlehrer mit ruhiger Stimme. "Wir sind nicht so weit gekommen, wie ich es uns zugetraut hatte. Das ist nicht akzeptabel", gestand er. Jemand anders solle die Weiterentwicklung "dieser jungen und hungrigen Mannschaft" übernehmen. Hodgson sprach nicht frei. Er las seine Abschiedsnote von einem Blatt Papier ab. Wie es aussieht, war er auf sein Scheitern vorbereitet.

Im Video: Roy Hodgson erklärt seinen Rücktritt

Vier Jahre hat Hodgson die Mannschaft trainiert und in dieser Zeit nichts Zählbares erreicht. Bei der EM 2012 war im Viertelfinale gegen Italien Schluss, bei der WM vor zwei Jahren schieden die Engländer in der Vorrunde aus. Der Verband ließ mildernde Umstände gelten, weil sich die Mannschaft in einer schweren Gruppe mit Italien und Uruguay passabel verkauft hatte. Die Pleite gegen Island wiegt deutlich schwerer. Sie ist eine Schmach von historischem Ausmaß. Und das gegen ein Land, in dem weniger Menschen leben als in Leicester.

Möglicherweise erlebte der englische Fußball in Nizza die größte Demütigung seit der 0:1-Niederlage gegen eine Amateurauswahl der USA bei der WM 1950. Den Spielern wurde die Dimension ihrer Pleite direkt mit Abpfiff der Partie gewahr. Sie sanken zu Boden und mussten die dröhnenden Buhrufe des englischen Publikums über sich ergehen lassen. Doch der Zorn der Fans kochte nur kurz hoch. Dann verließe sie schweigend das Stadion. Es sah aus, als hätten sie sich schnell mit dem Aus abgefunden. Darin haben sie ja Erfahrung.Hodgson hinterlässt eine Mannschaft mit vielen hoffnungsvollen Jungprofis.

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England vs. Island: Einwurf ins Glück

Mit Profis wie Dele Alli, Ross Barkley, Harry Kane, Eric Dier, Raheem Sterling oder dem 18 Jahre jungen Marcus Rashford. "Er hat vielen Spielern zu ihrem Debüt verholfen. Im Moment mag es nicht so aussehen, doch die Aussichten für die Zukunft sind glänzend", sagte Kapitän Wayne Rooney. Eigentlich sollte diese glänzende Zukunft allerdings schon bei der EM beginnen. Doch Hodgson misslang es, das Potenzial der Mannschaft auszuschöpfen. Sein Rücktritt ist folgerichtig. Als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge gilt der U21-Trainer Gareth Southgate. Der ehemalige Nationalstürmer Alan Shearer brachte sich gleich nach dem Spiel selbst ins Gespräch.

Auf den neuen Mann kommt ein Berg an Arbeit zu. Vorne operierten die Engländer gegen Island ohne Inspiration und erkennbaren Plan, hinten machten sie erschütternde Fehler. Rooney hatte sein Team in der vierten Minute per Elfmeter in Führung gebracht, zwei Minuten später fiel der Ausgleich, weil sich die englische Defensive von einem Einwurf der Isländer übertölpeln ließ. Ragnar Sigurdsson traf.

Vor dem 2:1 wurde Kolbeinn Sigthórsson nicht angegriffen, sein Schuss rutschte Englands Torhüter Joe Hart durch die Hände. Es war sein zweiter Patzer im Turnier. Doch dass das traditionelle englische Problem zwischen den Pfosten wieder akut ist, geriet zur Nebensache in der Gesamtbetrachtung dieser Nacht von Nizza.

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