Mittelfeldstratege Dier Der englische Portugiese

Eric Dier ist der wohl wichtigste Spieler Englands. Und er ist der am wenigsten englische Profi in der Auswahl der "Three Lions" - das Resultat seiner fußballerischen Sozialisation in Südeuropa.

AFP

Aus Nizza berichtet


Eric Dier hat in den EM-Qualifikationsspielen der englischen Nationalelf keine Sekunde auf dem Platz gestanden. Erst im Dezember gab er sein Debüt bei einem Freundschaftsspiel gegen Spanien. Ein halbes Jahr später ist er unersetzlich im Team von Trainer Roy Hodgson, das am Abend mit einem Sieg gegen Island (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) ins Viertelfinale des Turniers in Frankreich einziehen will. Und dieser rauschende Aufstieg in der Auswahl seines Landes ist nur ein Aspekt in der erstaunlichen Geschichte Diers.

Er ist der wohl am wenigsten typisch englische Profi in der englischen Auswahl. Das liegt an seiner fußballerischen Sozialisation. Als Dier sieben Jahre alt war, wanderte er mit seiner Familie nach Portugal aus, weil seine Mutter dort einen Job bei der Organisation der EM 2004 bekommen hatte. Seine Eltern gingen nach ein paar Jahren zurück in die Heimat, er blieb. Der junge Dier hatte Wurzeln geschlagen in Portugal, spielte im Nachwuchs von Sporting Lissabon, wo auch schon Luís Figo und Cristiano Ronaldo ausgebildet worden waren, und unterschrieb bald seinen ersten Profivertrag.

Mit 17 Jahren wurde er in seine englische Heimat ausgeliehen, zum FC Everton. Dier war sich jetzt selbst nicht mehr sicher, ob England überhaupt noch seine Heimat war. Alles war anders als in Lissabon: viel kühler, viel rauer. Das Wetter, die Lebensart und natürlich auch der Fußball. Der befristete Wechsel nach England sollte Dier voranbringen, er sollte reifen, als Mensch und als Spieler. Was Dier jedoch erlebte, war die Hölle, zumindest fühlte es sich damals so an für ihn. "Zu der Zeit dachte ich einfach: Holt mich hier raus!", sagte er im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem "Guardian". Doch er ist gereift.

Bei Tottenham den Durchbruch geschafft

Seit zwei Jahren ist er fest in England beschäftigt, bei Tottenham Hotspur steht er unter Vertrag. In der ersten Saison spielte er auf seiner gelernten Position in der Innenverteidigung oder auf der rechten Abwehrseite. Im vergangenen Sommer erfand ihn sein Trainer Mauricio Pochettino neu: Er benötigte einen defensiven Mittelfeldspieler - eine Aufgabe für Dier. Vorbild für die neue Rolle war Sergio Busquets, der beim FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft aus der Zentrale heraus den Spielaufbau organisiert. Tottenhams Videoanalysten luden Dier Spielszenen von Busquets aufs iPad, von denen er lernen sollte.

Und er lernte schnell, spielte die komplette Saison auf der neuen Position und war entscheidend daran beteiligt, dass sich der Klub als Tabellendritter der Premier League direkt für die Champions League qualifizierte. Die Berufung in die Nationalmannschaft und den EM-Kader war die logische Folge.

Dabei wäre Dier beinahe in der Auswahl seiner gefühlten Heimat gelandet: in der Auswahl Portugals. Die Verantwortlichen des portugiesischen Verbands verfolgten Diers Jugendzeit genau, doch er hätte erst mit 18 Jahren für die Nationalmannschaft spielen dürfen. Als er in einer Werbekampagne des englischen Ausrüsters auftauchte, zusammen mit Wayne Rooney, Joe Hart und Theo Walcott, übten die Medien Druck auf den englischen Verband aus, der Dier wohl nicht auf dem Schirm hatte. Danach wurde das Talent berufen.

Prägende Begegnung mit Beckham

Bei dieser EM ist der mittlerweile 22 Jahre alte Mittelfeldspieler Englands Bester. Er spielt die meisten erfolgreichen Pässe, hat die meisten Torschüsse abgegeben, ist Stratege zwischen Offensive und Defensive mit feiner Technik. Dier vereint das Beste aus seinen beiden Welten: die Eleganz des portugiesischen und die Robustheit des englischen Fußballs. Die Zweikampfstärke des Verteidigers und die Übersicht des Spielgestalters. Diers Fähigkeiten sollen auch den Verantwortlichen des FC Bayern aufgefallen sein, die im kommenden Jahr einen Nachfolger für Xabi Alonso brauchen.

Eines von Diers Idolen ist David Beckham. Es gibt ein Foto, das die beiden zusammen zeigt. Damals, bei der EM 2004 in Portugal: Dier, gerade einmal zehn Jahre alt, rote England-Mütze, Hasenzähne; und Beckham, kahlgeschorener Kopf, ein blaues Handtuch um die nackten Schultern gelegt. Die Begegnung prägte Dier.

Im Training in Lissabon machte er in den Jahren danach viele Sonderschichten, um Freistöße wie Beckham zu treten. Und beim EM-Auftakt gegen Russland (1:1) setzte Dier schließlich einen Schritt in die großen Fußstapfen seines Vorbilds. Aus bester Beckham-Position traf er per Freistoß zum ersten Tor der Engländer bei dieser EM. Dieser Höhepunkt soll nur eine Zwischenetappe in Diers Karriere sein.



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