EM-Halbfinale in Marseille Frankreichs Sturm trifft Deutschlands Mauer

Halbfinale Deutschland gegen Frankreich, beste Abwehr gegen besten Angriff. Einer, der das deutsche Spiel verkörpert, ist Benedikt Höwedes. Eine DFB-Elf ohne ihn ist undenkbar.

AFP

Aus Marseille berichten und


Das Halbfinal-Duell zwischen Deutschland und Frankreich (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist auch das Aufeinandertreffen der besten Abwehr des Turniers und des besten Angriffs. Die DFB-Elf kassierte erst ein Gegentor - den Elfmetertreffer von Leonardo Bonucci im Viertelfinale gegen Italien. Die Franzosen haben schon elf Tore geschossen, zehn davon gehen aufs Konto des Offensiv-Trios Antoine Griezmann (vier Treffer), Olivier Giroud (drei Tore) und Dimitri Payet (drei Tore). Dazu kommt noch ein Tor von Paul Pogba gegen Island.

Diese Angriffswucht muss die deutsche Abwehr also stoppen, doch ausgerechnet nun fällt Mats Hummels mit einer Gelbsperre aus. Einer, auf den es ankommen wird, ist Benedikt Höwedes. Der Schalker gilt als erste Alternative zu Hummels in der Innenverteidigung.

Wenn Benedikt Höwedes nicht Benedikt Höwedes wäre, dann hätte er vermutlich Anlass, sich zu beschweren. Darüber, dass immer über die anderen geredet wird: Über Jérôme Boateng und seine artistischen Rettungstaten, über Manuel Neuer und dessen Reflexe, über Thomas Müller, der das Tor nicht trifft. Über Benedikt Höwedes liest man wenig, und das hat wohl auch den Bundestrainer gestört. So sehr, wie er den Schalker Kapitän zuletzt gelobt hat, hat er selten einen Spieler herausgestrichen.

Im Video: Löw ganz entspannt

imago

Höwedes selbst mag das nicht unbedingt gefallen. Er ist der Spielertyp, der die Aufgaben, die ihm gestellt werden, unauffällig erledigt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Höwedes sei "Gold wert", hat Joachim Löw geschwärmt, gegen Italien habe er jeden Zweikampf und jedes Kopfballduell für sich entschieden, und überhaupt habe er seine Sache bisher überragend gemacht.

Das mag ein bisschen übertrieben formuliert sein. In den ersten beiden Gruppenspielen gegen die Ukraine und Polen agierte Höwedes als Rechtsverteidiger und hielt seine Abwehrseite dicht. Aber seitdem der junge Joshua Kimmich an Höwedes' Stelle die rechte Seite beackert, sieht man, was offensiv aus so einer Position herausgeholt werden kann. Erst seither gibt es Flanken, die den Namen auch verdienen.

Höwedes weiß, was er kann - und was nicht

Den Schalker ficht das ebenso wenig an wie Löw. Beide wissen genau, was der Spieler kann und was eben nicht. Höwedes hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine offensiven Fähigkeiten als Flügelspieler arg limitiert sind. Gegen die Ukrainer und die Polen waren seine defensiven Qualitäten gefragt. Die brachte er ein und rückte anschließend zurück ins zweite Glied, als Löw auf Kimmich setzte.

Mittlerweile ist Höwedes längst wieder im Team, gegen die Italiener dichtete er in der Dreierkette die Fugen ab, die der offensiv ausgerichtete Kimmich hinter sich offen gelassen hatte. Denn auch das gehört zur ganzen Wahrheit: Höwedes kann zwar längst nicht so gut flanken wie der junge Münchner, aber in Sachen Abwehrarbeit kann sich der 21 Jahre alte Geselle noch eine Menge vom erfahreneren Handwerksmeister abgucken.

Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Benedikt Höwedes - das sind jetzt diejenigen, die für Löw Priorität haben. Der Schwerpunkt des Bundestrainers hat sich über die Jahre mehr und mehr verlagert, er ist nach hinten gerückt. Das schöne Spiel von 2010 und 2011, es zählt nicht mehr, es wird eher billigend in Kauf genommen, wenn es dann doch einmal dazu kommt. Aber es zählt nunmehr vorrangig das Ergebnis, und dafür hat Löw mit Benedikt Höwedes den idealen Mann.

imago/Ulmer/Teamfoto

Im Halbfinale gegen Frankreich (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) wird der 28-Jährige wieder in der Startelf stehen, so wie bei allen sieben Turnierspielen der WM vor zwei Jahren in Brasilien. Keiner hatte ihm das vorher zugetraut, am Ende war er der einzige Feldspieler, der alle Partien von der ersten bis zur letzten Minute absolviert hatte. Ob er nun gegen den Gastgeber wieder in einer Dreierkette agiert oder für den gesperrten Hummels in die Zentrale einer Viererkette rückt - Höwedes nimmt es, wie es kommt.

Seine Bedeutung ist über die Jahre gewachsen

Höwedes, der Unverzichtbare in der Nationalmannschaft - dass dies mal so weit kommen würde, das wäre vor ein paar Jahren noch niemandem eingefallen. Der Schalker gehörte zwar der erfolgreichen U21-Europameistermannschaft von 2009 an - aber als seine Mitspieler Boateng, Neuer, Sami Khedira und Mesut Özil ein Jahr später für die WM in Südafrika nominiert wurden, hatte Löw noch nicht an Höwedes gedacht. Bei der EM vor vier Jahren gehörte er dann zwar zum Aufgebot, aber auch zu den Spielern, die ohne jeden Einsatz anschließend wieder heimkehrten.

Das war die Zeit, als die Nationalmannschaft einen Stil kreierte, der die Leute begeistert hat. Siege und Tore ohne Ende, für so einen Fußball brauchte man keinen Benedikt Höwedes. Für den Fußball, den die Nationalmannschaft jetzt spielt, schon.

Vor dem Halbfinale hat er in einem Interview mit der "FAZ" darauf geantwortet, worauf es in der Partie gegen die Franzosen ankomme. Höwedes zählte auf: "Taktische Disziplin, absolute Bereitschaft, sich in jeden Zweikampf zu schmeißen, hohe Laufbereitschaft, den absoluten Willen, dieses Spiel zu gewinnen und den Gegner niederzukämpfen mit dem Teamgeist, den wir haben." Er hat damit das Regierungsprogramm von Joachim Löw im Jahr 2016 perfekt zusammengefasst. Von rauschhaftem Offensivspiel ist nicht mehr die Rede. Es herrscht das System Höwedes.

Im Video: So tippt der Außenminister

REUTERS


insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
blitzunddonner 07.07.2016
1.
genug orakelt. das bier ist temperiert. auf geht's ...
Nekton99 07.07.2016
2. Amen!
Dass die Franzosen gegen die netten, auf ehrgeizigem Regionalliganiveau spielenden Isländer, 5 Tore geschossen haben, besagt gar nichts. Eher dagegen schon, dass sie selber zwei Tore kassiert haben. Der Sturm der Franzosen wird einstweilen überbewertet, was aber hilft, ihn nicht zu unterschätzen. Amen!
schwaebischehausfrau 07.07.2016
3. Höwedes unverzichtbar??
Er ist im ganzen DFB-Kader, der fußballerisch am limitiertesten ist. Selbst Mustafi ist da noch besser, der hat wenigstens sein Tor gemacht, während Höwedes gnadenlos verstolpert, wenn ihm gelegentlich nach Ecken/Freistössen mal zufällig im gegnerischen 16er ein Ball vor die Füsse fällt. Daher bitte: Keine "Dreierkette" (sofern das nur mit Höwedes geht) und schon gar nicht Höwedes auf Aussen. Mag sein, dass er bei der WM aus purer Not "jede Minute gespielt" hat. Wenn Deutschland einen auch nur durchschnittlich begabten Aussenverteidiger gehabt hätte, dann hätte Höwedes NULL Minuten gespielt. Dem armen Kerl steht schon die Panik ins Gesicht geschrieben, sobald ein anderer DFB-Spieler nur Anstalten macht, ihm den Ball zuzuspielen.
udo.sowade 07.07.2016
4. Der Titel sagt alles....
Frankreichs Sturm trifft Deutschlands Mauer ..... Wenn das die Spielphilosophie des Weltmeisters ist, dann sehen wir natürlich vom Weltmeister ein attraktives Fußballspiel.....
Freidenker10 07.07.2016
5.
Deutschland hat ne gute Abwehr, definiert sich aber nicht über diese! Unser Spiel ist die Offensive! Sich hinten reinstellen wäre nicht gut und auch eines Weltmeisters unwürdig. Nein wir kaufen Frankreich direkt den Schneid ab, indem wir sie sofort unter Druck setzen und zwar offensiv! Hoffe nur das Schweisteiger das Spiel durch seine Rückpässe nicht zu langsam macht!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.