EM-Schiedsrichter Rizzoli Alles richtig gemacht

Ist die deutsche Nationalmannschaft einer Verschwörung des Italieners Nicola Rizzoli zum Opfer gefallen? Ein Vergleich der EM mit der Copa América zeigt, wie gut die europäischen Schiedsrichter wirklich sind.
Rizzoli (l.) diskutiert mit Draxler und Müller

Rizzoli (l.) diskutiert mit Draxler und Müller

Foto: Mohamed Messara/ dpa

Es läuft die Nachspielzeit der ersten Halbzeit im EM-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich. Antoine Griezmann schlägt einen Eckball herein. Patrice Evra steigt zum Kopfball hoch. Der Ball springt an den ausgestreckten Arm von Bastian Schweinsteiger. Schiedsrichter Nicola Rizzoli steht direkt hinter dem deutschen Kapitän und Evra, hat einen exzellenten Blick auf die Szene. Der Italiener zögert kurz, vergewissert sich noch mal bei seinem Linienrichter - und entscheidet auf Elfmeter.

Trotzdem wird Rizzoli in den sozialen Medien oder von "Experten" wie Waldemar Hartmann als Verantwortlicher der Niederlage ausgemacht.

Der Unparteiische habe sich für Italiens Pleite im EM-Viertelfinale rächen wollen. Der Finalschiri der WM 2014 habe seine damals durchwachsene Leistung wiedergutmachen wollen. Es sei eine von Uefa-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina gelenkte Verschwörung gegen das DFB-Team. Rizzoli habe gar nicht auf Elfmeter entscheiden wollen und sich - unerlaubterweise - erst vom Linienrichter überzeugen lassen. Die Vorwürfe sind massiv - und haltlos.

Tatsächlich war es zwingend Elfmeter. Schweinsteigers Hand hat in der Höhe nichts verloren. Auch die vier Gelben Karten gegen deutsche Spieler waren korrekt. Der Schiedsrichter leistete sich keinen entscheidenden Fehler. In der 21. Minute hätte er nach einem Foul an Toni Kroos auf Freistoß in aussichtsreicher Position für die deutsche Mannschaft entscheiden können, aber auch dieser ausbleibende Pfiff war kein Skandal. Der Vorwurf der Parteilichkeit entbehrt jeder Grundlage.

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Deutschland gegen Frankreich: EM-Aus in Marseille

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Stattdessen stehen Rizzolis Entscheidungen im Halbfinale für die bemerkenswerte Gesamtleistung der Schiedsrichter bei der Europameisterschaft in Frankreich. Vor vier Jahren etwa erkannte Schiedsrichter Viktor Kassai ein klares Tor von EM-Gastgeber Ukraine nicht an - eine solche Fehlentscheidung gab es bei diesem Turnier nicht.

Vielmehr haben es die Schiedsrichter bei den bisherigen 50 Spielen in Frankreich geschafft, mit Respekt, zumeist positiver Ausstrahlung und Kommunikation, einer einheitlichen Regelauslegung, nur drei Platzverweisen sowie der geringen Fehlerquote für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Das größte Kompliment erhalten Schiedsrichter, wenn wenig über sie gesprochen wird - und genau so war es bei der EM.

Ein Blick auf die diesjährige Copa América zeigt, was mit schlechten Schiedsrichtern passieren kann:

  • Brasilien schied nach einem mit der Hand erzielten Tor des Peruaners Raúl Ruidíaz in der Vorrunde aus.
  • Chile gewann das Gruppenspiel gegen Bolivien in der zehnten Minute der Nachspielzeit durch einen unberechtigten Handelfmeter.
  • Ecuador wurde gegen Brasilien ein regulär erzielter Treffer nicht anerkannt.
  • Es gab 15, zum Teil sehr zweifelhafte, Platzverweise.

Das EM-Finale am kommenden Sonntg (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) wird Mark Clattenburg leiten. Der Engländer ist dann zum insgesamt vierten Mal im Einsatz - bisher agierte er fehlerfrei. Man darf gespannt sein, ob es dann in Frankreich oder Portugal auch schlechte Verlierer geben wird.

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