Portugal vor dem Halbfinale Bloß keinen Starkult

Die Brasilianer Europas? Von wegen! Fernando Santos will Portugal mit pragmatischem Ergebnisfußball zum EM-Titel führen. Dabei wandelt er auf einem schmalen Grat.

REUTERS

Aus Lyon berichtet


Die Frage ist noch gar nicht zu Ende, da fängt Fernando Santos schon an zu lachen. Es ist kein herzliches Lachen, kein Lachen, das Fröhlichkeit ausstrahlt. Eher ein Lachen, aus dem sein Unverständnis darüber hervorgeht, dass er schon wieder diese Frage gestellt bekommt. Die Frage nach dem Stil der portugiesischen Nationalmannschaft und der Kritik an diesem Stil.

Früher waren die Portugiesen bekannt für ihr schönes, technisches Spiel. Die Brasilianer Europas wurden sie genannt. Unter dem knorrig wirkenden Santos, der seit zwei Jahren Nationaltrainer ist, zeigen sie humorlosen, teilweise schwer erträglichen Fußball. Bei dieser Europameisterschaft haben sie fünf Spiele gemacht, fünfmal stand es nach 90 Minuten unentschieden.

Die Vorrunde meisterten sie als Gruppendritter. Im Achtelfinale gegen Kroatien gelang ihnen in der Verlängerung das Siegtor, das Viertelfinale gegen Polen gewannen sie im Elfmeterschießen. Sie haben sich mit ihrer nüchternen Herangehensweise bis ins Halbfinale an diesem Mittwoch (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) gegen Wales vorgeschoben, sind einen Schritt vom ersten Finale seit 2004 und zwei Schritte vom ersten Titel überhaupt entfernt. Der Ertrag stimmt.

Deshalb kann Trainer Santos mit der Frage nach dem Stil nichts anfangen. Nach seinem kurzen Lachen gibt er die Antwort, die er sich für dieses Thema zurechtgelegt und schon mehrfach abgerufen hat in den vergangenen Tagen. "Wir wollen ins Endspiel. Nur das zählt", sagt er. Schön scheitern sollen andere, die Spanier oder die Kroaten. Portugals Nationalmannschaft ist bei dieser EM jedes Mittel recht. Der Weg ist das Ziel? Nein. Das Ziel ist das Ziel.

Das Spiel der Portugiesen hat sich verändert im Laufe dieses Turniers. In den ersten beiden Partien der Gruppenphase gegen Island und Österreich spielten sie wie der Favorit, der sie waren. Kombinationssicher und mit vielen Chancen. Nur im Abschluss hatten sie Pech. Zum Vorrunden-Finale gegen Ungarn brachten sie neue Elemente ein, Elemente wie Widerstandsfähigkeit und Kampfgeist. Dreimal lagen sie hinten, dreimal kamen sie zurück. Im Achtelfinale und im Viertelfinale haben sie sich endgültig vom kunstvollen Spiel verabschiedet. Sie taten, was zu tun war. Mit Außenseiterfußball schafften sie den Sprung ins Halbfinale.

Hauptsache, das Ergebnis stimmt

Trainer Santos hat keine Idealvorstellung vom Spiel seines Teams. Er hat nur eine Vorstellung von den Ergebnissen. Diese Haltung passt zu seiner Vita. Er hat lange in Griechenland gearbeitet und beerbte Otto Rehhagel 2010 als Nationaltrainer des Landes. Jenen Rehhagel, der die Griechen sechs Jahre zuvor mit Maurermeister-Fußball zum EM-Titel geführt hatte. Seit 2014 trainiert Santos die Portugiesen.

Es wäre Unsinn, die Portugiesen beim Turnier in Frankreich mit den Griechen von 2004 auf eine Stufe zu stellen. Santos lässt keinen zerstörerischen Defensivfußball spielen. Vielmehr passt er seine Maßnahmen immer wieder den Gegebenheiten an, reagiert flexibel auf Herausforderungen. Gegen Kroatien brachte er Mittelfeldspieler Adrien Silva neu in die Mannschaft, er sollte den kroatischen Regisseur Luka Modric aus dem Spiel nehmen. Dieses Unterfangen gelang. Das Siegtor schoss der eingewechselte Ricardo Quaresma. Was Rehhagels Griechen und die Portugiesen unter Santos verbindet, ist die Ergebnis-Orientierung.

Der Trainer hat die Mannschaft zu einer Einheit gemacht, zu einem Team, in dem jeder Spieler den gleichen Wert hat. Den Starkult um Cristiano Ronaldo will Santos nicht bedienen. "Große Turniere werden nicht von großen Spielern gewonnen, sondern von großen Mannschaften", sagt er. Durch die neue Ausrichtung, ein 4-4-2 mit kompaktem Mittelfeld und flexiblem Angriff, sind die Portugiesen weniger abhängig vom dreimaligen Weltfußballer von Real Madrid.

Die Chancen aufs Finale sind gut für die Portugiesen, dennoch bewegt sich Santos auf einem schmalen Grat damit, alles radikal dem Ergebnis unterzuordnen. Er verweist darauf, dass die Portugiesen bei dieser EM noch kein Spiel verloren haben. Gewonnen haben sie aber auch noch keins, streng genommen. Mehrmals standen sie am Rande des Ausscheidens. In der Vorrunde gegen Ungarn, im Viertelfinale bei der engen Partie gegen Kroatien, und den Sieg im Elfmeterschießen gegen Polen kann man kaum als logisches Ergebnis eines Plans bezeichnen. Ein Sieg im Elfmeterschießen ist immer auch Glück. Viel Glück.

Nach vollbrachtem Halbfinal-Einzug saß der Neu-Münchner Renato Sanches als Mann des Spiels vor der Presse, doch es schien, als würde Trainer Santos durch ihn sprechen. "Die Leute kritisieren unseren Stil. Aber das ist uns egal", sagte er. Santos ist im Recht, solange die Ergebnisse stimmen. Stimmen sie nicht mehr, bleibt von seinem Fußball wenig hängen.

Fotostrecke

20  Bilder
Polen vs. Portugal: Kubas Elfmeter-Albtraum
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
andromeda793624 06.07.2016
1. Ach der Trainer lacht mal ;)!
Portugal marschiert ins Finale! Hätten es verdient!
Freidenker10 06.07.2016
2.
Mal was anderes zur EM: Warum sind die Anstosszeiten immer so unnötig spät? Das ist für die Kinder blöd und auch für alle die am nächsten Morgen wieder raus müssen. Und warum ist das Finale am Sonntag zur selben Unzeit! Wo wäre das Problem den Anstoss auf 19.00 zu legen und das Finale am Samstag, würde doch deutlich mehr Sinn machen! Nur mal so nebenbei...
langenscheidt 06.07.2016
3. Portugal kommt ins Finale
Portugal ist nun mal besser als alle bisherigen Gegner: sie spielen unentschieden oder gewinnen nach Elfmeterschiessen oder nach Verlängerung. Was ist daran ein Makel? Nur weil ihre Gegner zu blöd oder unfähig sind Tote zu schiessen oder zu gewinnen ist Portugal nicht schlechter. Übrigens: gegen Wales gibt es einen klaren Sieg nach 90 Minuten.
kartackel 06.07.2016
4. Aber..
Zitat von Freidenker10Mal was anderes zur EM: Warum sind die Anstosszeiten immer so unnötig spät? Das ist für die Kinder blöd und auch für alle die am nächsten Morgen wieder raus müssen. Und warum ist das Finale am Sonntag zur selben Unzeit! Wo wäre das Problem den Anstoss auf 19.00 zu legen und das Finale am Samstag, würde doch deutlich mehr Sinn machen! Nur mal so nebenbei...
..es ist für die die es noch packen bis 23 oder max 23.45 Uhr wach zu bleiben viel schöner das der Anstoss um 21 Uhr ist! Es gibt eben nicht nur Leute die früh aufstehen müssen (ganz ehrlich selbst wenn ich um 6 raus musste ginge das) oder Kinder die die EM sehen wollen, sondern auch Menschen die Später aufstehen oder um 19 Uhr noch gar nicht von der Arbeit zu Hause sind! Soll sogar Leute geben die Samstags arbeiten müssen... Nicht nur Andreas Mustermann und seine Familie mit 1,4 Kindern hat ein Recht auf Fußball.. Finale am Samstag is nich weil Spiel um Platz 3 vermarktet werden muss (im Fussball soll es um Geld gehen.. gerüchtehalber..) und das würde sich kaum jemand nach einem Finale am Samstag, dann am Sonntag antun.. Sie verstehen?!
Freidenker10 06.07.2016
5. kartackel
Gibt aber kein Spiel um Platz 3... Deswegen vollkommen unlogisch das Finale am Sonntag auszutragen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.