Fußball-EM 2016 Ein merkwürdiges Turnier

Die EM ist vorbei. SPIEGEL-ONLINE-Reporter schildern im Rückblick ihre persönlichen Eindrücke.

Krawalle in Marseille
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Krawalle in Marseille


"Krawalle am Hafen, kannst du dir das ansehen?"

Für mich begann die EM in Marseille, vier Spiele sollte ich dort sehen, dazu drei in Toulouse und zwei in Nizza. Viele Stadien würde ich sehen, mich an vielen Bahnhöfen aufhalten, viel mit der Metro fahren. Eine intensive Tour stand bevor.

Vorfreude war dennoch da, vor allem auf Marseille. Ich war gerade gelandet, tippte auf meinem Telefon auf das Flugzeugsymbol und sah, wie sich das französische Netz aufbaute. Schon leuchtete die erste Nachricht aus der Redaktion auf: "Krawalle am Hafen, kannst du dir das mal ansehen?"

Und so begann die EM für mich nicht mit dem Besuch einer Pressekonferenz, dem Beobachten eines Trainings oder einem Spiel. Sondern damit, herauszufinden, wer jetzt eigentlich gerade wen durch die Altstadtgassen von Marseille jagte, Bierflaschen schmiss und mit Restaurantmobiliar um sich schlug.

Gewarnt worden war schon lange vor der Gefahr durch Hooligans bei dieser EM, in der Angst vor Terroranschlägen war die Furcht davor aber verblasst. Auch die Polizei schien zu Beginn nicht gerüstet für das, was sich rund um den Alten Hafen Marseilles abspielte, für die Massen an betrunkenen Engländern, die beängstigend kaltblütig und trainiert auftretenden Russen und die Marseiller Jugendlichen, die sich anscheinend nicht die Gewalthoheit in ihrer Stadt nehmen lassen wollten und mit drauflosprügelten.

Diese drei Tage in Marseille bescherten der EM furchtbare Bilder. Man kann nur mutmaßen, ob das Turnier in der Wahrnehmung der Fans in Frankreich und vor den Fernsehern ohne diesen furchtbaren Start schöner gewesen wäre. Ich glaube eher, die Zeit unbeschwerter Großereignisse ist einfach vorbei.

Lukas Rilke

Zu viele Lückenfüller-Spiele

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14 Spiele habe ich bei der EM im Stadion erlebt, und es waren einige Spiele darunter, die sich nicht so richtig nach EM anfühlten. Nordirland gegen die Ukraine zum Beispiel. Rumänien gegen Albanien. Oder auch Polen gegen die Schweiz. Sie standen symbolisch für das überschaubare Niveau des Turniers, für die allgemein beklagte Aufblähung des Teilnehmerfeldes und für vier Wochen voller Fußball, in denen sich der emotionale Rausch nicht einstellte.

Die EM hat nicht richtig gezündet, weil es zu viele dieser Spiele gab. Zu viele der Spiele, die man sich als normaler Zuschauer, als Fan, nur anguckt, weil sie eben zum Turnier gehören und weil ja irgendwie die Zeit bis zum nächsten Auftritt von Spaniern, Franzosen, Italienern oder dem DFB-Team überbrückt werden muss. Dass es in der Gruppenphase kaum Partien gab, bei denen es um alles oder nichts ging, weil ja auch der dritte Platz noch zum Weiterkommen reichte, verstärkte den trüben Eindruck.

Ich fand es interessant und abwechslungsreich, ein paar Mannschaften zu sehen, die man sonst nicht sieht. Zu denen einem sonst der Zugang fehlt. Alleine das hat die EM für mich persönlich zu einem Gewinn gemacht. Doch vom spielerischen Niveau und dem Flair, das viele Spiele des Turniers umwehte, fühlte man sich teilweise ins Hamburger Volksparkstadion versetzt, zu den Bundesliga-Partien des HSV.

Hendrik Buchheister

Marchons, marchons!

AFP

Zu Nationalhymnen habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Eigentlich halte ich sie für überholt, auf der anderen Seite ist es gut, etwas zu haben, mit dem sich viele Menschen identifizieren können, und sei es ein Song. Und außerdem sind es teilweise einfach mitreißende Lieder. Das "Het Wilhelmus" der Niederlande, die italienische Hymne "Il Canto degli Italiani", Portugals "A Portuguesa".

Als vor dem Halbfinale in diesem ohnehin unfassbar lauten Stade Vélodrome die Franzosen ihre Hymne gesungen haben, in der Stadt, die der "Marseillaise" den Namen gegeben hat, in dem Land, in dem vor acht Monaten so viele Menschen starben, weil Terroristen das so wollten - in diesem Moment habe ich jeden bedauert, der da nicht mitsingen möchte.

Das französische Publikum war bei diesem Turnier nicht das allersympathischste. Es hat andere Teams ausgepfiffen, gejubelt, wenn der Gegner einen Fehlpass gespielt hat. Das ist nicht besonders fair. Aber in diesem Augenblick war das völlig egal. "Aux Armes, Citoyens. Formez vos Bataillons! Marchons, marchons!"

Peter Ahrens

Wut und Verbitterung

DPA

In einem EM-Finale ist der Blutdruck zwangsläufig hoch. Das merken auch Reporter, die vor dem Anpfiff nach bestem Wissen und Gewissen gesagt hätten, dass ihnen das Ergebnis herzlich egal sei. Doch so war es beim Finale nicht. Wenn eine Mannschaft Fußball spielt und eine Chance nach der nächsten hat, aber dann das andere Team, das rein destruktiv auftritt, am Ende gewinnt, dann muss man schon aus Holz sein, um nicht Mitleid mit dem Verlierer zu haben. Je nach Temperament kann auch ein guter Schuss Wut und Verbitterung im Gefühlscocktail auftauchen.

Doch was machten die Franzosen, nachdem sie ihren ersten Schock halbwegs verdaut hatten? Sie blieben im Stadion, als die Portugiesen den Pokal in die Luft reckten und zu Jubelchorälen herumtanzten, die 70.000 von 79.000 Besuchern wie Hohngesänge vorkommen mussten. Sie blieben und sie applaudierten. Und zeigten sich damit so fair wie in der ersten Halbzeit, als Cristiano Ronaldo verletzt ausgewechselt werden musste. Auch da klatschte fast das ganze Stadion. Aus Respekt vor einem herausragenden Fußballspieler, von dem man annehmen musste, dass er sich gerade schwer verletzt hatte.

"Respect", stand auf den Uefa-Werbebanden in den EM-Stadien. Geschätzte 99,99 Prozent der Fans haben am Sonntag gezeigt, dass sie an dieses Gebot von niemandem erinnert werden müssen. Hätten die großen Fußballverbände eine ähnlich gute Quote, müsste man sich um den Fußball keine Sorgen machen.

Christoph Ruf

Der falsche Gareth

REUTERS

Wo soll man das Eröffnungsspiel schauen, um dem Gefühl der Einsamkeit zu entgehen? Das fragte ich mich am 10. Juni in Toulouse. Der Irish Pub De Danu an der Pont Guilhemery erschien geeignet: ein gemischtes Publikum, darunter viele Waliser. Einer stellte sich nach dem zweiten Bier vor: "My name is Gareth. I come from Wales. But I am not Gareth Bale." Dann prustete er los. Ein Fan fürs Lehrbuch: friedlich und feierfreudig.

Der falsche Gareth sagte, er reise nach den drei Gruppenspielen wieder nach Hause zu seiner Frau. Er konnte auch prima erklären, warum eine ausgeprägte Rivalität zu den Engländern besteht: Es sei wie beim kleinen Bruder, der immer gegängelt wird. Gareth Morse hatte es vor der EM auf ein Foto mit den Nationalspielern geschafft, das im Hensol Castle in Cardiff entstand. Mannschaft und Anhänger posierten für das Motto "Together. Stronger". Der falsche Gareth durfte ganz links außen stehen, während der richtige Gareth in der Mitte saß.

Beide haben dann die komplette Tour de Freude mitgemacht. "Don't take me home" - eine der einprägsamsten Hymnen des Turniers - galt eben auch für ihn. Also ging es immer weiter. Achtelfinale in Paris, Viertelfinale in Lille, Halbfinale in Lyon. Der falsche Gareth hatte ab Paris seine Frau dabei: Sie war shoppen, er im Stadion. In Lyon haben wir uns bei der Abreise vom Gare Part-Dieu nur knapp verfehlt, wir hatten das ganze Turnier über Kontakt. Aber wir wollen uns besuchen - das nächste Champions-League-Endspiel 2017 in Cardiff wäre eine gute Gelegenheit.

Frank Hellmann

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vhn 12.07.2016
1. Unfaires Publikum
Finde ich gut, dass das ein Journalist aufgreift. Als Fernsehzuschauer habe ich allerdings im Finale nur Pfiffe gegen Ronaldo gehört bei seiner Verletzung. Von daher, kein Mitleid mit den Franzosen. Die haben sich wirklich unsympathisch präsentiert. Leider.
ka117 12.07.2016
2. Neu
Richtig neu waren bei dieser EM "Hooligans" mit einem klaren Auftrag, die mit einer gecharterten Maschine ein- und ausgeflogen wurden und den Schutz des russischen Konsuls vor Ort und sogar des Außenministers genossen haben. So etwas gab es bis jetzt noch nie.
at.engel 12.07.2016
3. Ganz vergessen...
Vergessen haben sie alle (die Autoren), dass man eigentlich seit November nur noch Angst vor einem terroristischen Anschlag hatte. Dass es gereicht hätte, dass sich irgendwo einer (ein einziger...) in die Luft sprengt, und mit sich ein paar zig Fans, und man heute die Hooligans, die vielen kleine Mannschaften, Griezmann, Ronaldo, der wahrscheinlich zum letzten Mal bei einer EM auf dem Rasen stand... Portugal, das zum ersten Mal gewann... dass das alles schon lange vergessen wäre. Es gab auch Stimmen, diese EM aus Sicherheitsgründen komplett abzusagen. So gesehen fragt man sich, wo eigentlich Lukas Rilke die letzten eineinhalb Jahre verbracht hat... sie müssen aber vergleichsweise "unbeschwert" gewesen sein.
nachtnebel1169 12.07.2016
4. zu viel und zu wenig
Zu viele Spiele mit zu wenig Qualität. Dafür aber hat man Nationen kennen gelernt die man sonst nie zu sehen bekommen hätte. Island, Wales und Nordirland beispielweise. Was mach so gestört hatte: Nach dem Frankreich Spiel war KEIN einziger Deutscher - auch nicht der sonst immer so scheinbar souveräne Herr Löw - bereit, dem Gegner fair zu gratulieren. Dabei ist diese deutsch-spanische Klein-Klein-Balli-halten Spiel, ja auch gar nicht attraktiv. Wer fast 80% der Zeit nur den Ball hält und dabei aber kein Tor schießt der muss eben heim. Das ist Fußball.
torflut 12.07.2016
5. und noch etwas
Wir haben doch über weite Strecken fußallerische Schonkost serviert bekommen. Die Qualität der CL ist, wenigstens nach der dortigen Gruppenphase, deutlich höher als bei der EM. Dafür gibt es sicher auch Gründe. Zum Beispiel als CL-Teilnehmer in einem weltweiten Goldfischteich fischen zu dürfen. Dennoch zeigt diese EM, dass ein Mehr an Spielen zu immer schwächeren Spielen führt. Schade!!!
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