EM-Euphorie Warum "wir" nicht Europameister werden

Deutschland ist Weltmeister. Und Deutschland kann Europameister werden. Aber deshalb muss nicht jeder Mensch in Deutschland jubeln. Das sollten auch ARD und ZDF wissen.
Deutschland-Fans auf der Fanmeile in Berlin

Deutschland-Fans auf der Fanmeile in Berlin

Foto: Britta Pedersen/ dpa

"Liebe italienische Nachbarn, ihr habt so oft gegen uns gejubelt", rief ARD-Kommentator Steffen Simon nach Deutschlands gewonnenem Elfmeterschießen gegen Italien. Welche Nachbarn meinte Simon? Die in Italien lebenden Italiener? Die sind ja genau genommen keine Nachbarn Deutschlands und sahen auch nicht bei der ARD zu. Oder die "italienischen Nachbarn" in Deutschland, also eingewanderte EU-Bürger? Warum zählen die dann nicht zu "uns"?

16,4 Millionen Menschen in Deutschland haben laut Statistischem Bundesamt  einen "Migrationshintergrund". Das sind mehr als 20 Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik. Bei großen Fußballturnieren aber spielt das für viele Medien keine Rolle. Gerade in der ARD sprechen inzwischen zahlreiche Kommentatoren und Moderatoren von "wir", wenn es um die deutsche Nationalmannschaft geht.

Das ist aus mehreren Gründen problematisch, auch weil jede Distanz aufgegeben wird, wenn Medien sich als Teil der deutschen Mannschaft begreifen, also als eingebettete Journalisten auftreten. Vor allem aber behauptet es eine schicksalhafte Übereinstimmung der deutschen Nationalmannschaft, ihrer Fans und aller Zuschauer von ARD und ZDF. Diese Übereinstimmung behaupten Boulevardmedien natürlich schon lange. Aber die fanden auch, dass "wir" Papst waren . Und sie machen es nicht mit Gebührengeldern.

Als der AfD-Politiker Alexander Gauland sich vor der EM abfällig über Jérôme Boateng äußerte, empörten sich viele Menschen zu Recht darüber, dass Boateng aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt wurde. Aber will man Boateng nur deshalb als Nachbarn, weil er für die DFB-Auswahlmannschaft spielt? Jérômes Bruder Kevin-Prince ist auch Deutscher, spielt aber für Ghana. Gehört er jetzt nicht mehr zu "uns"?

Auch die Beispiele von Jermaine Jones, der als Deutscher für die USA spielt, oder Nuri Sahin, der sich für die Türkei entschieden hat, zeigen: Es gibt keine Deckungsgleichheit zwischen der deutschen Bevölkerung und der DFB-Auswahl. Das trifft für Fans auch zu, wie jeder bezeugen kann, der während der EM durch deutsche Großstädte geht. Viele Menschen sympathisieren mit anderen Mannschaften. Sei es wegen ihres familiären Hintergrunds, sei es, weil sie die Spielweise anderer Teams mögen.

"Steht auf, wenn ihr Deutsche seid"

Natürlich gibt es sehr viele Migranten, die für die deutsche Mannschaft sind. Dagegen ist ebenso wenig einzuwenden wie gegen jede andere Unterstützung von Fußballmannschaften. Andreas Borcholte hat vor der EM aber darauf hingewiesen, dass es mit der Sympathie für eine Nationalmannschaft - insbesondere der Deutschen - etwas komplizierter ist als mit der Liebe zu einem Verein.

Bei deutschen Länderspielen wird von vielen Fans oft "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid" gesungen. Deshalb steht nicht gleich das Vierte Reich vor der Tür. Aber die Setzung "Deutscher = jemand, der für die deutsche Nationalmannschaft ist" beinhaltet eben immer auch die Ausgrenzung "Wer nicht für Deutschland ist, ist kein Deutscher".

Wenn man das betont, gibt es fast immer empörte Reaktionen, es sei übertrieben, sich mit solchen Themen überhaupt zu beschäftigen. Menschen, deren "Deutschsein" aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Religion im Alltag regelmäßig infrage gestellt wird, würden es wahrscheinlich auch lieber ignorieren, können es aber nicht.

Deshalb müssen jetzt nicht alle gleich die Trikots ausziehen und die Fahnen vom Auto abmontieren. Aber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen könnte man ja Sendungen machen, die nicht gedankenlos davon ausgehen, dass 80 Millionen Deutsche wie ein Mensch hinter "unserer" Mannschaft stehen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel