Taktische Muster der EM-Vorrunde Der Zufall kommt zu Fall

In der EM-Vorrunde fielen wenige Tore, aber eine Analyse des Instituts für Spielanalyse zeigt: Zurückgegangen ist vor allem der Zufall. Außerdem: Ein Plädoyer für Mario Götze.

Robbie Brady trifft für Irland gegen Italien
REUTERS

Robbie Brady trifft für Irland gegen Italien


Die grenzenlose Freude der irischen Fans über den Siegtreffer von Robbie Brady gegen Italien wird keine Fußballstatistik in Zahlen fassen können. Dennoch hat das Tor auch statistisch eine Bedeutung. Es steht gleich für eine ganze Reihe von Mustern, die in der EM-Vorrunde zu sehen waren: Bradys Treffer war eine kontrollierte Vorbereitung ohne Zufälle gegen einen defensiv noch nicht wieder geordneten Gegner innerhalb von 12 Sekunden.

Die Muster der Vorrunde im Detail:

1. Weniger Zufall

Die bislang geschossenen Tore dieser Euro 2016 sind bislang durch weniger Zufall geprägt, als es bei den beiden vorherigen Turnieren der Fall war, der Europameisterschaft 2012 und der Fußball-WM 2014. Von den bislang 69 erzielten Toren waren nur rund ein Viertel (17 Tore) mit mindestens einem Zufallsfaktor behaftet. Bei EM 2012 und WM 2014 waren es noch rund 40 Prozent gewesen.

Als Zufallskriterien, weil vom angreifenden Team nicht zu kontrollieren, können folgende fünf Merkmale gelten, die auch kombiniert bei Treffern auftreten können:

  • Der Torschuss wurde abgefälscht;
  • Der Ball prallte unmittelbar vor dem Torerfolg unkontrolliert vom Torgestänge zu den Angreifern oder ging direkt hinein;
  • Der Ball ging trotz einer starken Berührung durch den Torwart ins Netz;
  • Die Abwehr half unfreiwillig mit, indem sie den Ball unmittelbar vor dem Tor an die Angreifer verlor oder selbst ins Tor schob;
  • Das Tor fiel durch einen Schuss aus mehr als 25 Metern unter günstigen Umständen - etwa mit Sichtbehinderung des Torwarts, Aufsetzer oder Flatterball.

Die häufigsten Zufälle bei dieser EM (jeweils sechs Tore): Distanzschüsse, abgefälschte Bälle und unmittelbar vom Gegner kommende Bälle. Schwächer vertreten sind vor allem Tore, die unter der Mitwirkung des Gehäuses, also von Latte oder Pfosten fielen. Eine mögliche Interpretation: Die Tore werden bei dieser EM klarer und kontrollierter herausgespielt. Wales und Ungarn profitierten vom Zufall bislang jeweils bereits dreimal.

Zufällige Tore bei der EM

2. Erfolgreiches Gegenpressing

Sieht man sich die bisher gefallenen Tore hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte an, dann lassen sich drei grundsätzliche Typen unterscheiden:

  • Tore nach Standardsituationen (18 bei dieser EM);
  • Tore, bei denen die verteidigende Mannschaft in Grundformation, also geordnet agiert (32);
  • Situationen, in denen die erfolgreiche Mannschaft nach der eigenen Balleroberung schnell nach vorne umschaltet und die Abstände zwischen den noch nicht wieder formierten Gegnern nutzt (19).

Besonders häufig sind bei dieser EM Tore nach Gegenpressing zu beobachten. Damit sind Spielszenen gemeint, in denen ein Team den Ball kontrolliert, ihn dann im gegnerischen Drittel kurz verliert - entweder an den Gegner oder keiner der Beteiligten kann ihn kontrollieren (Chaosphase) - dann die Kontrolle wieder erlangt und innerhalb von vier bis fünf Sekunden abschließt. Durch die kurze Unterbrechung ergeben sich Räume und es werden Pässe in den Strafraum möglich, die vorher durch veränderte Abstände und Timings nicht möglich waren. Gut ein Drittel der Tore bei dieser EM fielen nach diesem Muster.

Tore nach Spielsituation, davon mit Zufall und ohne
Institut für Spielanalyse

Tore nach Spielsituation, davon mit Zufall und ohne

3. Weniger Tore = defensive EM?

Wer die Spiele bei der Euro 2016 verfolgt, der hat den Eindruck, dass es wesentlich defensiver zugeht als bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren. Der subjektive Eindruck lässt sich zunächst einmal mit den durchschnittlich pro Partie geschossenen Toren belegen. Während bei der Euro 2012 2,45 Tore pro Partie fielen und bei der WM in Brasilien 2,7 Tore, sind es nach der Vorrunde der Euro 2016 1,92 Tore pro Spiel.

Das Bild korrigiert sich etwas, wenn man weitere statistische Werte zur Rekonstruktion hinzuzieht. Zunächst die abgegebenen Torschüsse pro Spiel: Bei der EM 2012 gaben die Teams pro Partie 26,5 Torschüsse ab. In der Vorrunde waren es jetzt 25,9 - aber die Tendenz steigt (von 24,6 am ersten Spieltag bis zu 27,7 im Verlauf des dritten). Das lässt uns für das Achtelfinale hoffen - auch wenn es keinen linearen Zusammenhang zwischen Torschüssen und tatsächlich gefallenen Toren gibt.

Aber was passiert, wenn man die Anzahl der Torschüsse auf die effektive Spielzeit des jeweiligen Turniers bezieht, also die Zeit, in der der Ball tatsächlich rollt und die Teams auch die Chance haben, einen Torschuss abzugeben? Dann kommt die Euro 2012 auf einen Schnitt von 2,19, die WM 2014 von 2,17 und die Euro 2016 auf einen Schnitt von 2,18 Torschüssen pro effektiver Spielminute. Spätestens hier relativieren sich die Aussagen über ein vermeintlich allzu defensives Turnier.

Mario Götze gegen die Ukraine
DPA

Mario Götze gegen die Ukraine

4. Mario Götzes 18 Minuten ohne Ballberührung - ein Plädoyer für innovative Spieldaten

Noch für einen weiteren Trend steht das 1:0 von Irland gegen Italien: den Wert der Spieldaten für die Öffentlichkeit. Den durchgezogenen Sprint von Seamus Coleman auf den linken italienischen Flügelspieler Stephan El Shaarawy wird kaum jemand beachtet oder registriert haben. Aber nur deshalb konnte Wes Hoolahan seine butterweiche Flanke auf Robbie Brady servieren.

Wie sinnvoll es sein kann, auch den indirekten Interaktionen auf dem Spielfeld Aufmerksamkeit zu schenken, verdeutlicht nichts so gut wie der Fall Mario Götze. Der Datenerheber Deltatre hatte nach dem 2:0 gegen die Ukraine öffentlichkeitswirksam verkündet, dass der DFB-Stürmer von der 18. bis zur 37. Minute nicht eine einzige Ballberührung hatte. War Götze also teilnahms- und wertlos für das deutsche Spiel?

Zunächst: Die Nettospielzeit innerhalb der inkriminierten 18 Minuten betrug lediglich zehn Minuten und 40 Sekunden. In acht der 18 Minuten hatte also niemand auf dem Platz die Möglichkeit, den Ball zu berühren.

Zwischen der vorerst letzten Aktion mit Ballberührung in der 18. Minute und der nächsten Ballberührung in der 37. Minute war Mario Götze zwar nicht am Ball, aber an 13 Aktionen indirekt beteiligt. Zwei Beispiele:

In der 22. Minute löst sich Götze aus der Viererkette zwischen den Linien, bindet dadurch einen defensiven Mittelfeldspieler der Ukraine und erwartet ein Zuspiel von Toni Kroos. Der passt stattdessen quer auf Draxler - der nur deshalb frei ist, weil sich der Mittelfeldspieler zu Götze orientiert hat.

In der 25. Minute führt die Ukraine einen Freistoß kurz aus, Götze läuft den Innenverteidiger an, der deshalb zum Torwart passen muss. Der schlägt unter Druck den Ball weg - ein geordnetes Aufbauspiel ist somit nicht möglich.

Götze mag 18 Minuten nicht am Ball gewesen sein. Aber er war ins Spiel eingebunden wie jeder andere. Man muss nur hinschauen.

Das Institut für Spielanalyse
    Das Institut für Spielanalyse arbeitet seit 2010 in der Nahtstelle zwischen Sportwissenschaft und Sportspiel-Praxis. Grundlage für die Analysen sind trainingswissenschaftliche sowie sportinformatorische Forschungsstrategien und Methoden, die dabei helfen, das Spiel zu lesen.

    Zu den bisherigen Kunden zählen unter anderen die Deutsche Fußball Liga DFL, die Beko Basketball Bundesliga, der FC Augsburg, 1899 Hoffenheim oder der VfL Wolfsburg.

    Seit 2015 bewertet das Institut für Spielanalyse unter der Marke Pro Facts für Fußballfans über den eigenen Facebook- und Instagram-Kanal die Leistung von Mannschaften vor, während und nach Spielen.

    Für SPIEGEL ONLINE kommen diese während der EM 2016 in Frankreich zum Einsatz.


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.