Vor DFB-Länderspiel gegen Ungarn Mit Papa in Wankdorf

Zu jedem Deutschlandspiel dieser EM erinnert sich unser Redakteur an eine besondere Partie gegen den jeweiligen Gegner. Diesmal ist der Vater bei einem echten Wunder dabei.
Vorne Fritz Walter, hinten irgendwo mein Vater

Vorne Fritz Walter, hinten irgendwo mein Vater

Foto: dpa/ picture-alliance / dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Durch meinen Vater bin ich Fußballfan geworden. Das können viele sagen. Mein Vater war beim Wunder von Bern dabei. Das können nicht viele sagen.

Mein Vater hat mich in den Siebzigerjahren mit ins Stadion genommen, ich lernte den 1. FC Paderborn durch ihn kennen, Michael Vanderfeesten, Johnny Brosda, Ali Fortkord, die kennt kein Mensch mehr, aber für mich waren es die ersten Fußballhelden.

Mein Vater hat mir die Liebe zu Borussia Mönchengladbach weitergegeben, eher ein zweifelhaftes Erbe, manchmal Segen, meistens Fluch. Aber was hilft es?

Die erste Reise ins Ausland

Dass mein Vater lange davor schon viel größere Spiele gesehen hatte als das Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die zweite Liga des 1. FC Paderborn gegen Holstein Kiel, das habe ich erst viel später mitbekommen. Er hat damit nie angegeben, dabei hätte ich das in der Schule doch so gerne getan. Mein Vater war am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion. Als Boss Rahn aus dem Hintergrund schoss. Und Herbert Zimmermann ausrief: »Turek, du bist ein Fußballgott!« 3:2 gegen die Ungarn. Was hätte ich Eindruck schinden können.

Grün-Weiß Paderborn, so hieß der Fußballverein, in dem mein Vater spielte. Und mit dem er sich in diesem Sommer 1954 Richtung Süden aufmachte, Campingurlaub mit den Vereinskumpels. Er war 22, das erste Mal in seinem Leben ins Ausland, der Krieg erst neun Jahre vorbei. Karten fürs Spiel um den dritten Platz und das Endspiel hatte der Klubboss schon besorgt, Kosten pro Karte: sechs Schweizer Franken. Es gab auch welche aus der Reisegruppe, die auf ihr Endspielticket verzichteten. Begründung: Das Wetter war ihnen zu schlecht.

Meinem Vater war das Wetter egal. Er und seine Teamkollegen waren schon Stunden vor dem Anpfiff im Stadion, um sich auf den Stehplatzrängen einen guten Blick auf den Platz zu sichern. Es regnete und regnete. Dem Fritz sein Wetter. Herbert Zimmermanns berühmte Reportage hat das aufgenommen: »Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren aus, wie könnten sie auch! Eine Fußballweltmeisterschaft ist alle vier Jahre, und wann sieht man ein solches Endspiel.« Jeder kennt es.

Dann floss es

Tatsächlich, so hat mein Vater berichtet, harrten die Zuschauer aus. Keiner wollte seinen Stehplatz für einen Gang zur Toilette räumen, in der Angst, dass er anschließend besetzt war, so sehr es auch goss, so sehr die Blase nach ein, zwei Bieren irgendwann drückte. Er hat erzählt, dass man es deswegen irgendwann habe fließen lassen, war bei dem Regen und den wasserfesten Pelerinen, die die Leute trugen, ja fast egal. Ich habe keine Ahnung, ob das eine mythische Geschichte war oder ob es sich wirklich so zugetragen hat. Die Geschichte des Wunders von Bern müsste neu geschrieben werden.

Was auf jeden Fall stimmt: Aus, Aus, das Spiel ist aus, Deutschland wird Weltmeister, und die Jungs von Grün-Weiß Paderborn wissen am nächsten Tag nach verklungener Feier und leicht verkatert nicht so genau, was sie mit dem Tag anfangen sollten. Einer hat dann die Idee, die frisch gebackenen Weltmeister zu besuchen. Also ab in den Bus und auf nach Spiez an den Thuner See.

Unbefangen, wie sie sind, stiefeln sie in die Lobby des Hotels, in dem die Helden von Bern logieren. Der Einzige im Tross, der eine Fotokamera bei sich hat, interessiert sich eigentlich gar nicht für Fußball, er kennt die Spieler nicht. Bis er angehauen wird: »Mensch, nun mach doch mal ein Foto, da ist der Herberger.« Auf den Fotos ist danach fast nichts zu erkennen, falsche Blende gewählt.

Herberger als »Kumpel Anton«

Mein Vater erzählte, die Spieler seien alle sehr nett gewesen, Herberger eher sogar »ein Kumpel Anton«, wie man im Westfälischen sagt. Der Trainer hat dann die Spieler zusammengetrommelt, schließlich waren die Paderborner Jungs die Ersten aus Deutschland, die den Weltmeistern gratuliert hatten. Fritz Walter, Helmut Rahn, Hans Schäfer, Toni Turek, allen haben sie die Hand gedrückt. Vor allem Max Morlock sei ein lustiger, lockerer Typ gewesen, erinnern sich die Grün-Weißen. »Ihr seid doch schließlich Fußballer. Kommt, ich führe euch mal rum.« Privatführung für Grün-Weiß Paderborn vom Schützen des Anschlusstreffers beim Wunder von Bern. Irre. Man stelle sich das mal ansatzweise heute vor. Nein, das kann man sich nicht vorstellen. Mein Vater hat gesagt: »Das war eigentlich unser Wunder.«

Als sich das Spiel zum 50. Mal jährte, hat ein Reporter vom Berliner »Tagesspiegel« bei uns auf der Terrasse gesessen, und mein Vater hat ihm noch mal alles von damals erzählt. Viel von dem habe ich erst dadurch erfahren.

Mein Vater ist jetzt 89 Jahre, heute Abend guckt er Fußball. Natürlich. Zumindest wenn der Fernseher, der in der Vorwoche seinen Geist aufgegeben hat, wieder rechtzeitig repariert ist. Deutschland gegen Ungarn, das erste Pflichtspiel beider Mannschaften seit dem 4. Juli 1954. Mein Vater war damals dabei. Eine wunderbare Geschichte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.