Deutschland-Remis gegen Ungarn Die Pralinenschachtel-Mannschaft

Fast wäre die Ära Löw in einem Fiasko geendet. Gegen Ungarn rettet sich die deutsche Elf kurz vor Schluss und trifft nun auf England. Aber es bleibt ein Team der Extreme – bei dem man nie weiß, was man bekommt.
Kai Havertz (l.) feiert sein 1:1 gegen Ungarn. Aber es sollte nicht lange halten

Kai Havertz (l.) feiert sein 1:1 gegen Ungarn. Aber es sollte nicht lange halten

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CHRISTOF STACHE / AFP

Die Szene des Spiels: Es lief die 84. Minute. Es schien, als würde an diesem chaotischen Abend von München die Ära Joachim Löw in der deutschen Fußballnationalmannschaft unwürdig enden. Seine Elf lag im dritten EM-Gruppenspiel gegen den Außenseiter Ungarn 1:2 zurück und drohte als Gruppenletzter auszuscheiden, wie schon bei der WM 2018. Ein Fiasko wäre das gewesen. Der Weltmeister-Trainer Löw wäre als doppelter Vorrunden-Aus-Coach abgetreten. Aber dann dribbelte der eben erst von Löw eingewechselte Jamal Musiala, gerade mal 18 Jahre jung, in den Strafraum. Der Ball kam zu Leon Goretzka, und der Münchner drosch ihn flach zum 2:2 ins Netz. Bevor ihn seine euphorischen Kollegen zu Boden warfen, zeigte Goretzka mit den Fingern ein Herz ins Publikum. Es war ein Herzschlagfinale an einem Tag, an dem es auch viel um die Liebe ging.

Das Ergebnis: Deutschland spielt 2:2 (0:1) gegen Ungarn, steht als Zweiter der Gruppe F im EM-Achtelfinale und trifft am Dienstag im Wembley-Stadion von London auf einen der Turnierfavoriten: England. Das Land im Übrigen, in das Musiala als Kind mit seinen Eltern ausgewandert war, und für dessen U-Nationalteams er lange spielte. Hier geht es zum Spielbericht.

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Zitat des Spiels: »Ja, geil«, sagte Joshua Kimmich nach dem Spiel, als er gefragt wurde, was er zum Achtelfinalgegner England sage. Man habe gegen Ungarn nicht gut gespielt. Von einem »Nervenkrimi« sprach auch Kapitän Manuel Neuer. Aber nach drei völlig unterschiedlichen Spielen in der Gruppe freue man sich jetzt auf England. »Wembley liegt uns«, sagte Neuer.

Erkenntnis des Spiels: Deutschland bleibt die Pralinenschachtel-Mannschaft dieser EM. Man weiß nie, was man bekommt. Nach dem furiosen 4:2 gegen Portugal am Samstag zeigte sich gegen Ungarn, wie schwer sich Löws Elf gegen tief stehende Gegner tut. Es war ein sehr enttäuschendes Spiel der deutschen Elf. Es bleibt wohl ein Team, das an guten Tagen gegen sehr gute Mannschaften gewinnen kann, aber an schlechten auch gegen viele vermeintlich schlechtere Gegner verlieren.

Ein junger Flitzer mit Regenbogenfahne vor dem Anpfiff

Ein junger Flitzer mit Regenbogenfahne vor dem Anpfiff

Foto: Jan Huebner / imago images/Jan Huebner

The Kids are alright: Eine ganz andere Szene des Spiels trug sich vor Anpfiff zu. Während der ungarischen Hymne rannte ein junger Flitzer auf das Spielfeld und reckte unter tosendem Beifall eine Regenbogenfahne in den Münchner Himmel. Es entstand ein Bild, das zur Ikone dieser EM werden müsste. Und man sollte es sich mit dem The-Who-Song »The Kids are alright« als Untermalung vorstellen. Denn obwohl nach der Regenbogen-Debatte der vergangenen Tage vor dem Stadion bunte Fahnen ausgeteilt wurden, waren sie in der Arena nicht übermäßig präsent. Dass es dieses Anti-Diskriminierung-Zeichen aber zwingend brauchte, zeigte sich, als vor dem Anpfiff ein paar der rund 2000 ungarischen Fans skandierten: »Deutschland, Deutschland, homosexuell.« Im Stadion waren offenbar auch ein paar homophobe, rassistische ungarische Ultras.

Die erste Hälfte: Ungarn war bisher im Turnierverlauf eines der Teams mit den wenigsten Torschüssen. Gegen Deutschland reichte der Erste für die Führung. Eine von Toni Kroos schlecht verteidigte Flanke, ein wuchtiger Kopfball des Stoßstürmers Ádám Szalai: 0:1 (11. Minute). Es war der sechste Versuch, der bei dieser EM aufs deutsche Tor ging, vier davon waren drin. Mit diesem Ergebnis wäre die DFB-Elf ausgeschieden. Aber sie stemmte sich zunächst dagegen: Mats Hummels köpfte an die Latte (21.), Matthias Ginter scheiterte frei am Fünfmeterraum (21.). Doch danach kam: nichts mehr. Die Ungarn verschanzten sich in der eigenen Hälfte. Und der Regen prasselte auf die Köpfe der deutschen Spieler.

Ádám Szalai (l.) jubelt über sein Führungstor für Ungarn

Ádám Szalai (l.) jubelt über sein Führungstor für Ungarn

Foto: Lukas Barth-Tuttas / EPA

Die zweite Hälfte: Als sich die deutsche Elf weiter kaum durch die ungarische Defensive spielen konnte, veränderte Löw das System: Goretzka kam für İlkay Gündoğan, statt 3-4-3 wurde eine 4-2-3-1-Formation mit Kimmich vor der Abwehr eingenommen. Und Deutschland glich glücklich aus: Eine Flanke von Kroos unterlief der sonst starke ungarische Torwart Péter Gulácsi. Kopfball Hummels, und Kai Havertz drückte den Ball über die Linie (66.): 1:1. Achtelfinale.

Der 15-Sekunden-Schock: Doch nur 15 Sekunden nach Wiederanpfiff lag Deutschland erneut hinten. Ein langer Ball, ein verlorenes Laufduell vom äußerst unglücklichen Leroy Sané, und András Schäfer köpfte zum 2:1 ein (68.). »Da sind wir einfach nicht wach genug. Und das darf niemals passieren, wenn du in einem Turnier weit kommen willst«, sagte Goretzka später. Löws Elf wirkte jetzt wie gehemmt. Alles sah nach Fiasko aus. Aber dann kam Musiala, dann kam Goretzka und zeigte Herz.

Leroy Sané (l.) machte kein gutes Spiel gegen Ungarn

Leroy Sané (l.) machte kein gutes Spiel gegen Ungarn

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Christian Charisius / dpa

Verlierer des Spiels: Leroy Sané. Löw hatte sich für den Münchner als Ersatz für den angeschlagenen Thomas Müller entschieden. Sané bemühte sich, er führte viele Zweikämpfe. Aber kaum ein Dribbling hatte Erfolg. Am Gegentor von Schäfer war er nicht unschuldig. Und dann schlug Sané auch noch eine Ecke ins Nichts. So zieht man den Zorn des Publikums auf sich. Der 25-Jährige ist ohnehin ein Spieler, der polarisiert. Die Debatte über ihn wird jetzt noch hitziger geführt.

Das Überraschungsteam der EM: Ungarn macht sich in Europa nicht gerade Freunde, das hat die Regenbogen-Debatte noch einmal verschärft. Der Nationalmannschaft aber muss man großen Respekt zollen. Wer gegen den Europameister Portugal (0:3) lange ebenbürtig war, wer gegen Weltmeister Frankreich ein 1:1 schaffte und wer dann auch noch Deutschland am Rande der Niederlage hatte, der hätte das Achtelfinale verdient.

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