Deutschland in der Einzelkritik Passt Thomas Müller überhaupt zu dieser Mannschaft?

Goretzka, Müller, Werner – mit einem neuen Trio wollte Bundestrainer Löw England wehtun. Ausgerechnet Müller sollte für das DFB-Team zur tragischen Figur werden. Löw verabschiedet sich ohne klare Spielidee.
Aus London berichtet Marcus Krämer
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Manuel Neuer, Torwart: Bisher war es noch nicht die EM des Kapitäns. Fünf Gegentore, aber kaum Möglichkeiten zu glänzen. Da tut so eine Flugeinlage wie in der 16. Minute gut. Den Schuss von Sterling musste Neuer allerdings auch halten. Die Engländer taten sich in der Folge schwer, gute Torchancen herauszuspielen, deshalb war Neuer vor allem bei Flanken oder langen Pässen gefordert und löste diese Aufgaben aufmerksam. In der zweiten Hälfte blieb es zunächst bei der geringen Beschäftigung, doch dann schlugen die Engländer zweimal zu und Neuer war machtlos.

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Matthias Ginter, Abwehr (bis 86.): Der Gladbacher sah früh die Gelbe Karte. Es gibt bessere Nachrichten für Innenverteidiger, doch er ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Anders als noch gegen Ungarn war Ginter auch kaum in den Spielaufbau eingebunden.

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Emre Can, Abwehr (ab 86.): Er stand schon bereit, als es noch 0:1 stand. Sah den zweiten Treffer von außen. Das Spiel war entschieden, als er eingewechselt wurde.

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Mats Hummels, Abwehr: Die DFB-Elf hatte bei dieser EM schon einige Schwierigkeiten in der Verteidigung von defensiven Standards. Hummels kennt das aus Dortmund und rief seine Teamkollegen auf, wacher und entschlossener in die Zweikämpfe zu gehen. Gegen England ging Hummels mit gutem Beispiel voran, er räumte im Zentrum mit dem Kopf sehr gut auf. Kurz vor der Pause war Hummels dann auch am Boden gegen Kane gefordert – und löste das Problem mit einer starken Grätsche. Bei den Toren kam Hummels dann im Zentrum beide Male nicht in die Zweikämpfe, doch die Fehler passierten vorher.

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Antonio Rüdiger, Abwehr: Sein Einsatz stand etwas auf der Kippe, da Rüdiger ein, zwei Tage mit einer Erkältung zu kämpfen hatte. In der ersten Hälfte wirkte sein Auftritt, als habe er die Müdigkeit in seinem 45. Länderspiel nicht ganz aus seinem Körper bekommen. Ein missglückter Sololauf im Spielaufbau hätte böse enden können, doch die Engländer nutzten den sich bietenden Platz nicht. Nach der Pause zeigte Rüdiger dann, wozu er in der Kombination aus Zweikampf- und Aufbauverhalten fähig ist. Nach einer starken Balleroberung leitete er einen Konter über Havertz ein, den Werner zu zaghaft beendete (58.).

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Joshua Kimmich, Abwehr/Mittelfeld: Die Diskussionen um Kimmichs Rollen in der Nationalmannschaft werden auch nach diesem Spiel nicht gänzlich verstummen. Im Zentrum lief es durch Goretzkas Hereinnahme besser, doch Kimmich hat auf der rechten Seite weniger Einfluss auf das deutsche Spiel. Grundsätzlich war er zwar besser eingebunden, als noch in der ersten Hälfte gegen Ungarn, doch Kimmichs Flanken blieben insgesamt zu ungefährlich. Nach der Einwechslung von Grealish schaffte es Kimmich im Verbund nicht, die rechte Seite dichtzuhalten. Beide Tore wurden über diese Seite vorbereitet.

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Leon Goretzka, Mittelfeld: Die Hereinnahme des Münchners machte sich früh bezahlt. Goretzka ging nach einem herausragenden Pass von Müller allein auf Pickford zu und war nur durch ein Foul zu bremsen (8.). Diese Dynamik hatte in den bisherigen Spielen gefehlt. Goretzka war auch im weiteren Verlauf darum bemüht, das Spiel bei Ballgewinnen schnell zu machen. In den längeren Ballbesitzphasen der deutschen Mannschaft schaffte er es nicht, sich so zu positionieren, dass er gut angespielt werden konnte.

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Toni Kroos, Mittelfeld: Nach drei Spielen an der Seite von İlkay Gündoğan bekam Kroos mit Goretzka einen neuen Partner. Der Real-Profi übernahm dabei die defensivere Rolle, was angesichts der Defizite in der Schnelligkeit schon mal Bauchschmerzen bereiten kann. Doch mit einer Dreierkette hinter ihm ist die Gefahr des Überlaufenwerdens geringer und die Engländer machten auch gar keine Anstalten, durch das Zentrum gefährlich werden zu wollen. Kroos konnte ordnen und passen, ganz so wie er es mag. Bis zur Schlussphase, als England dann die beiden Treffer erzielte, blieb es dabei. Doch auch Kroos schaffte es letztlich nicht, die Offensive erfolgreich zu orchestrieren.

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Leroy Sane, Angriff (ab 86.): Seine Einwechslung beim Stand von 0:2 brachte keine Wende.

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Robin Gosens, Abwehr/Mittelfeld (bis 86.): Nach dem schwachen Auftritt gegen Ungarn bekam Gosens eine weitere Chance, auch weil der Bundestrainer das System nicht ändern wollte. Der Linksverteidiger sollte wieder mehr für die Offensive tun, das gelang allerdings kaum, was auch an Werners Positionierung lag. Defensiv machte Gosens seine Sache dagegen gut, ging beherzt in die Zweikämpfe und machte keine Fehler. Auch nach der Pause kam zu wenig von Gosens, das Spiel gegen Portugal wird sein einmaliger EM-Höhepunkt bleiben.

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Thomas Müller, Angriff (bis 90.): Gegen den Ball war der Rückkehrer in die Startelf der Taktgeber, derjenige, der seine Kollegen animierte und dirigierte. Ob Müller auch zu hören war, ist unklar, das Wembleystadion bot auch mit 45.000 Zuschauern eine eindrucksvolle Kulisse. Ansonsten lief das Spiel in der Offensive in der ersten Hälfte weitestgehend an Müller vorbei, Ausnahme war der Traumpass auf Goretzka in der Anfangsphase. Nach der Pause wurde es mit Müllers Einfluss auf das Spiel nicht besser. Seine Rückholaktion war richtig, auf unterschiedlichen Ebenen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob er zu dieser Mannschaft, mit dieser Ausrichtung, ohne Fixpunkt im Sturmzentrum überhaupt passt. Um Räume zu deuten, braucht Müller Räume – und Bälle. Und dann kam diese 81. Minute, als er frei auf Pickford zulief, den Ball aber Zentimeter am linken Pfosten vorbeisetzte. Die weitere Zukunft liegt nun an Müller selbst – und am neuen Bundestrainer Hansi Flick.

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Jamal Musiala, Mittelfeld (ab 90.): Auch seine Einwechslung verpuffte wirkungslos, das DFB-Team agierte ohnehin nur noch mit langen Bällen.

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Timo Werner, Angriff (bis 68.): Seine Nominierung für die Startelf war eine kleine Überraschung, Gnabry musste weichen. Werner sollte mit seinen schnellen Läufen hinter die Abwehrkette für Torgefahr sorgen – und die Idee ging teilweise auf, wenn auch nicht so häufig, wie es sich Löw gewünscht hätte. Werner lauerte in der Regel auf der halblinken Seite auf Zuspiele, dort fanden ihn seine Mitspieler jedoch zu selten. Seine größte Chance hatte Werner im Zentrum, als er von Havertz geschickt wurde, dann aber aus fünf Metern am herausstürzenden Pickford hängen blieb (32.). Im Zeugnis stünde bei Werner vermutlich eine 3-, er war bemüht, brachte sich ein, war aber alles andere als fehlerfrei. Aus dem Konter in der 58. Minute hätte er auch mehr machen müssen.

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Serge Gnabry, Angriff (ab 68.): Es war nicht die Europameisterschaft des Serge Gnabry. Der Münchner blieb ohne Tor, sein Bankplatz war überraschend, doch nicht unlogisch. Gnabry fand nach seiner Einwechslung überhaupt nicht ins Spiel, nun kann er im Urlaub reflektieren.

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Kai Havertz, Angriff: Der Stürmer des FC Chelsea zeigte in der Anfangsphase gleich zweimal, was er in der Premier League gelernt hat: Körpereinsatz. Mit Werner an seiner Seite veränderte sich Havertz' Spiel ein wenig, er war weniger für Tiefenläufe zuständig, dafür leitete er einige gute Angriffe ein. Allein in der 32. Minute spielte er zunächst Kimmich auf rechts frei und kurz darauf passte er in den Lauf von Werner, der knapp scheiterte. Die DFB-Elf startete auch im zweiten Durchgang besser, ein Schuss von Havertz von der Strafraumgrenze wurde von Pickford über die Latte gelenkt (48.). Havertz war in der Offensive der wichtigste Mann, seine gute Idee bei einem Konter brachte Werner in aussichtsreiche Position (58.).

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Joachim Löw: Der Bundestrainer war vor dem Spiel zum wiederholten Male gefragt worden, wie er sich vor seinem vermeintlich letzten Spiel als Bundestrainer fühle. Die Antwort blieb er schuldig, was will man darauf auch sagen? Nun hat Löw aber die Gewissheit, seine 15-jährige Reise als Coach der Nationalmannschaft endete im Wembleystadion, immerhin vor einer würdigen Kulisse. Löw hatte sich wieder für das 5-2-3 entschieden, das Spiel gab ihm recht und unrecht zugleich. Sein Team schaffte es über weite Strecken, den Gegner vom eigenen Tor fernzuhalten. Bis zur 75. Minute, als sich die Engländer einmal gekonnt durchkombinierten und sofort zustachen. Insgesamt war es aber mal wieder ein Spiel, in dem Löws Team zu wenig auf ein eigenes Tor aus war. Er hat es bei dieser EM einfach nicht geschafft, dauerhaft eine Spielidee zu etablieren, die Torgefahr entwickelte.

Foto: ANDY RAIN / AFP

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