Spanien in der Einzelkritik Wie ein Kick mit Freunden im Park

Die Gelassenheit und Eleganz von Sergio Busquets machte ihn im EM-Halbfinale gegen Italien unpressbar. In der Verlängerung musste der Kapitän aber Thiago weichen, dessen komplizierte Saison eine Fortführung fand.
Aus London berichtet Danial Montazeri
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Unai Simón, Tor: Spaniens Torwart hat eine bewegte EM hinter sich, mit großen Böcken und tollen Paraden. In diesem Halbfinale aber blieb ihm lange nur eine Nebenrolle. Dann kam das Elfmeterschießen. Gegen die Schweiz war er zum Helden geworden, diesmal parierte er gegen Locatelli, aber das war zu wenig fürs Endspiel.

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César Azpilicueta, Abwehr (bis 85. Minute): Seine Robustheit und seine Führungsqualitäten machen ihn zu einem wichtigen Spieler für Trainer Luis Enrique, das merkt man allein daran, wie viel die beiden während des Spiels kommunizieren. Gewann manch wichtigen Zweikampf, einmal leitete er eine Torchance mit einer Grätsche ein, die zu einem Steilpass wurde.

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Marcos Llorente (ab 85.): Stand zur Einwechslung bereit, als das 1:1 für Spanien fiel, da sprang ihm sein Trainer um den Hals. Durfte dann trotzdem noch mitspielen, im Gegensatz zu Adama Traoré, der ebenfalls das Trainingsjäckchen ausgezogen hatte. Blieb aber unauffällig.

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Eric García, Abwehr (bis 109.): Bei Spaniens großen Titelgewinnen hießen die Verteidiger Carles Puyol, Gerard Piqué und Sergio Ramos. Zur Klasse dieser Recken fehlt Talent García, 20, noch einiges. Er spielte manch guten Pass ins Mittelfeld, und er verteidigte bei Italiens langen Bällen in die Spitze aggressiv nach vorne. Das 0:1 durch Chiesa hätte er aber möglicherweise verhindern können, wäre er nicht so passiv gewesen.

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Pau Torres (ab 109.): Seine ausgefahrene Hacke war (fast) Gold wert, verhinderte sie doch eine mögliche Großchance für Italiens Berardi, indem Torres mit ihr einen Steilpass blockte.

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Aymeric Laporte, Abwehr: Hatte Glück, dass eine missratene Rettungstat gegen Ciro Immobile ohne Folgen blieb, der Stürmer schoss den Ball am Tor vorbei. Und dann hatte er Pech, dass eine sehr gelungene Rettungstat über Umwege zum 0:1 führte. Seine Grätsche verhinderte da zunächst eine Großchance, doch dann kam Chiesa an den Ball. Was nicht Laportes Fehler war, der Verteidiger machte eine sehr gute Figur gegen die italienischen Konterversuche.

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Jordi Alba, Abwehr: Fiel eher durch (wichtige!) Rettungstaten bei italienischen Kontern auf denn am gegnerischen Strafraum. Das war bei dieser EM meist ganz anders gewesen. Seine Pässe in den Strafraum kamen nicht an. Aber das mussten sie diesmal auch nicht.

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Koke, Mittelfeld (bis 70.): Hatte die wichtige Aufgabe, defensiv gegen Italiens Schlüsselspieler Lorenzo Insigne mitzuverteidigen. Machte das gut. Ansonsten solide, aber unauffällig. Dafür wichtig im Umgang mit den Kollegen. Als Dani Olmo einen Angriff mit einem überhasteten Abschluss zunichtemachte, lief Koke zu seinem jüngeren Mitspieler und klatschte demonstrativ mit ihm ab. Der Mann von Atlético ist einer der Leader im spanischen Team.

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Rodri (ab 70. Minute): Zu was Rodri fähig ist, deutete er in der ersten Hälfte der Verlängerung an, als er einen Angriff scheinbar abbrechen wollte und hinten herumzuspielen schien, dann plötzlich in die Tiefe auf Olmo passte. Allzu viele solcher Szenen hatte er aber nicht. Sein Pech bei dieser EM: Auf seiner Position spielt Busquets. Und der ist unerreicht.

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Sergio Busquets, Mittelfeld (bis 105.): Es war eine Schlüsselfrage vor dem Spiel: Welches Mittelfeldtrio würde die Spielkontrolle gewinnen? Dass die Antwort so eindeutig »Spanien« lautete, lag vor allem an Busquets. Als Italien zu Spielbeginn wie wild presste, ließ er die heranstürmenden Gegenspieler einfach aussteigen, als ginge es nicht ums EM-Finale, sondern um einen Kick mit Freunden im Park. Diese Gelassenheit und Eleganz machte ihn unpressbar und verlieh seiner Mannschaft die nötige Sicherheit, um Italien zu dominieren.

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Thiago (ab 105.): Hinter Thiago liegt eine komplizierte Saison beim FC Liverpool, mal machte ihm die Fitness zu schaffen, mal das englische Tempo, und vielleicht hängt beides zusammen. Aber für Spiele wie dieses, in denen eine Mannschaft den Ball hat und die andere verteidigt, ist Thiago eigentlich ideal. Eigentlich. Denn in den 15 Minuten, in denen er spielte, zeigte er den ein oder anderen ungewohnten Fehlpass.

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Pedri, Mittelfeld: Der 18-Jährige bekam vor dem Anpfiff bei der Verkündung der Startelf den lautesten Applaus aus dem spanischen Fanblock. Seine Ruhe unter Druck, seine Ballannahme, sein Passspiel, das alles wirkte, als sei er schon seit Jahren dabei und spielte gerade sein drittes EM-Halbfinale. Während der regulären Spielzeit versuchte er 56 Pässe. Jeder kam an.

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Ferran Torres, Angriff (bis 62.): Hatte nach eigenem Ballgewinn den ersten Abschluss der Spanier, da sah es aus, als könne es die Partie des schnellen und spielintelligenten Angreifer werden. Wurde es nicht. Mal übersahen ihn die Teamkollegen, wenn er zum Tiefensprint ansetzte, mal prallte er am italienischen Gegenspieler ab.

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Álvaro Morata (ab 62.): Ging das denn schon wieder los? Der Stürmer hat einen schweren Stand bei Teilen des spanischen Publikums, und dann führte er sich ins Spiel ein, indem er eine Chance vertändelte. Da hatte er nämlichen einen Gedanken zu viel, als er eine Viertelstunde vor Schluss im Strafraum auftauchte, aber nicht schoss, sondern nach einem besser postierten Teamkollegen suchte. Minuten danach gab es eine Geste der Versöhnung. Morata hatte doch getroffen und sein Tor gefeiert, indem er sich vor der spanischen Kurve niederhockte, während ihm Tausende zujubelten. Doch Moratas Geschichte bleibt eine brüchige. Zu ihr gehört, dass er es war, der Spanien in die Verlängerung rettete. Und er es war, der im Elfmeterschießen neben Olmo scheiterte.

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Dani Olmo, Angriff: Übernahm die Rolle von Morata als Falsche Neun, interpretierte sie aber noch extremer, der Leipziger stellte beständig Überzahl im Mittelfeld her, indem er sich aus dem Sturm fallen ließ. So kam er zu vielen Ballkontakten für einen Angreifer, aber zu wenigen Chancen. Die beiden besten hatte er nach 25 und 67 Minuten, da scheiterte er an Torwart Donnarumma und schoss am Tor vorbei. Wichtiger war sein Pass auf Morata vor dem 1:1 – und sein vergebener Versuch beim Elfmeterschießen. Dennoch: Eine gute Leistung eines guten Spielers, der noch viel, viel besser werden kann.

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Mikel Oyarzabal, Angriff (bis 70.): Die Überraschung in Spaniens Aufstellung. Der Angreifer von Real Sociedad war zuvor stets zu Kurzeinsätzen gekommen. Im Spiel sah man, weshalb er aufgestellt wurde: Spanien spielte ohne Mittelstürmer und wollte so Räume öffnen, in die Oyarzabal und Torres sprinten sollten. Was nur selten so richtig gelang. In der 40. Minute etwa, doch Oyarzabal fehlte die Ruhe, er nahm den Schuss direkt und jagte den Ball weit über das Tor, dass die italienischen Fans dahinter johlten. Seine beste Szene hatte er nach der Pause, als er Busquets dessen Torchance auflegte.

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Gerard Moreno (ab 70.): Ein ziemlich verunglückter Schuss war seine auffälligste Aktion nach seiner Einwechslung, dabei sind jene Abschlüsse mit links eigentlich eine Spezialität des Stürmers. Immerhin beschäftigte er mit seinen Läufen und seiner Strafraumpräsenz Italiens Verteidiger und schuf so Räume für Morata.

Foto: Matt Dunham / AP
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Luis Enrique, Trainer: Überraschende Personalentscheidungen in großen Spielen vorzunehmen, scheint eine Vorliebe ehemaliger Barcelona-Trainer zu sein. Der Plan von Luis Enrique, Stammstürmer Morata draußen zu lassen und dafür ohne Angreifer zu spielen, ging nicht schief, aber auch nicht ganz auf. Seine Mannschaft kontrollierte die Partie zu großen Teilen, aber der Preis dafür war die eigene Torgefahr. Als einer der seltenen italienischen Konter saß, ging er aufs Ganze, brachte zwei Mittelstürmer – und brachte Spanien so in die Verlängerung. Spanien mag ausgeschieden sein. Aber Luis Enrique ist einer der besten Trainer dieser EM.

Foto: Justin Tallis / AP

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