Remis im EM-Duell mit England Punktsieger Schottland

Bei zehn Europa- oder Weltmeisterschaften haben die Schotten noch nie die zweite Runde erreicht. Nach dem Remis gegen England könnte es gelingen – dank eines Ex-Ticketverkäufers als Kapitän und eines Nobodys vom FC Chelsea.
Die Schotten jubeln nach dem Abpfiff

Die Schotten jubeln nach dem Abpfiff

Foto: Nick Potts / imago images/PA Images

So viel mehr als ein Spiel: Schottland gegen England ist nicht nur das älteste Duell der Fußballgeschichte, es ist auch beladen mit der leidenschaftlichen gegenseitigen Abneigung der Bewohner beider Länder. Die EU-affinen Schotten gegen die Brexit-Engländer und das ironischerweise bei einer Europameisterschaft – das 0:0 des Außenseiters gegen die wieder einmal in den Rang eines Mitfavoriten erhobenen Engländer ist ein Sieg für die Schotten, für den es nur einen Punkt gibt.

Das Ergebnis: 0:0 haben sich England und Schottland am 2. Spieltag der Gruppe D getrennt. Hier geht es zum Spielbericht.

Nur Mut, Steve Clarke: Schottlands Nationaltrainer nahm sich die Kritik an seiner Aufstellung beim 0:2 gegen Tschechien zu Herzen: Vorne durfte Ché Adams ran, der hoffnungsvolle Billy Gilmour verstärkte das Mittelfeld. Arsenal-Profi Kieran Tierney, im Eröffnungsspiel noch wegen einer Verletzung abwesend, konnte ebenfalls mittun. »Vier Punkte brauchen wir aus zwei Spielen«, sagte Clarke. Mit einer vergleichsweise offensiven Aufstellung sollte der erste Schritt dahin unternommen werden.

Die erste Hälfte: Im Dauerregen von Wembley sorgte Englands Innenverteidiger John Stones für den ersten Aufreger: Sein Kopfball nach einer Ecke klatschte an den Innenpfosten (11.). Zwei Minuten später verpasste Mason Mount die Führung nur knapp. Danach beruhigte sich die Partie, die Schotten stellten gut die Räume zu und streuten immer wieder Unterbrechungen ein: Nach 26 Minuten hatten sie schon zwölfmal gefoult, so oft wie in 90 Minuten gegen die Tschechen. In der 30. Minute zwang Schottlands Stephen O'Donnell Torhüter Jordan Pickford mit einem Rechtsschuss zu einer Glanzparade. Der Underdog hatte die Partie weitgehend im Griff.

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Klassiker aus Zufall: Als im November 2020 für diesen zweiten Spieltag die Begegnung England vs Gewinner Play-off-Pfad C festgelegt wurde, war das bodenlos unspektakulär. Doch zwei schottische Siege im Elfmeterschießen brachten die Neuauflage des ältesten Duells der Welt: 1872 bestritten diese beiden Teams das erste offizielle Länderspiel der Fußballgeschichte, 1996, bei der letzten schottischen EM-Teilnahme, gab es ebenfalls am 2. Spieltag das denkwürdige 2:0 für England inklusive Traumtor von Paul Gascoigne. Und nun das: Wembley! Bruderduell! 22.500 Zuschauer!

Die zweite Hälfte: England kam mit viel Schwung aus der Kabine, dieser hielt allerdings nur wenige Angriffe und Halbchancen. Vorne passierte dann erst einmal wenig, hinten wäre es dann fast passiert: Einen Schuss von Lyndon Dykes konnte Reece James für seinen bereits geschlagenen Keeper Pickford auf der Linie klären (62.). Glück für die Schotten in der 79. Minute: Robertson trat Raheem Sterling im Strafraum auf den Fuß, Antonio Mateu Lahoz entschied auf Weiterspielen, der VAR griff nicht ein. Weitere Gelegenheiten gab es für die enttäuschenden Three Lions nicht mehr.

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Gegeneinander und zusammen: Die schottische Hymne wurde von den englischen Fans mit reichlich Pfiffen bedacht, die Gästefans revanchierten sich ihrerseits mit Buhrufen bei »God save the Queen«. Danach wurde es solidarisch: Die Schotten schlossen sich dem Kniefall des englischen Teams gegen Rassismus an.

Andy Robertson, der Alleskönner: Der Linksverteidiger des FC Liverpool ist der überragende schottische Spieler seiner Generation, der in einem Atemzug mit Jimmy Johnstone, Willie Miller und Gordon Strachan genannt werden darf. Dabei war er als Jugendlicher bei Celtic aussortiert worden (»zu klein«), mit 18 Jahren arbeitete er 40 Stunden die Woche im Ticketverkauf seines Klubs FC Queen's Park. Im Nationalteam muss er ob seiner Klasse viele Rollen gleichzeitig ausüben – der 27-jährige Kapitän ist auf der linken Außenseite sowohl defensiver wie offensiver Organisator.

Billy Gilmour

Billy Gilmour

Foto: FACUNDO ARRIZABALAGA / AFP

Billy Gilmour, die Entdeckung: Gilmour hat in der vergangenen Spielzeit 95 Minuten für seinen Klub FC Chelsea in der Königsklasse gespielt, darf sich also ohne rot zu werden Champions-League-Sieger nennen. Ansonsten spielt der 20-Jährige nur eine Nebenrolle im Londoner Starensemble. Das könnte sich nach Auftritten wie gegen England ändern - Gilmour spielte bei seinem Startelfdebüt zahlreiche kluge Pässe und verlangte auch in schwierigsten Situationen den Ball, den er dann stark verarbeitete.

Die Lage in der Gruppe: Zwei Europameisterschaften und acht Weltmeisterschaften haben die Schotten bislang gespielt, nie schafften sie es in die nächste Runde. Bei Endrunde Nummer elf würde ein Sieg gegen Kroatien (Dienstag, 21 Uhr, Liveticker: SPIEGEL.de) höchstwahrscheinlich für das Erreichen des Achtelfinals genügen. Den Engländern genügt im Parallelspiel ein Punkt gegen die Tschechen zum sicheren Weiterkommen.

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