Reaktionen auf Regenbogen-Verbot »Eine politisch feige Entscheidung«

Mit der Absage an eine Toleranzaktion durch das Münchner EM-Stadion hat die Uefa Politikerinnen und Ex-Spieler empört. DFB-Interimspräsident Rainer Koch aber verteidigt den Verband. Die Reaktionen im Überblick.
Die Münchner Arena 2020

Die Münchner Arena 2020

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Die Entscheidung der Europäischen Fußball-Union Uefa, das Münchner EM-Stadion nicht in Regenbogenfarben erleuchten zu lassen, hat für heftige Kritik in Politik und Gesellschaft gesorgt.

Janine Wissler etwa sieht in dem Verbot ein »fatales Zeichen«. Die Parteivorsitzende und Spitzenkandidatin der Linken sagte dem SPIEGEL: »Die Uefa untersagt dem Münchner Stadion, Flagge zu zeigen, aus Rücksicht auf Orbán und die ungarische Regierung und stärkt sie damit.«

Mit der Entscheidung falle die Uefa allen Menschen, die sich in Ungarn und andernorts für die Rechte von Minderheiten, gegen Homophobie und für die Akzeptanz sexueller Vielfalt einsetzen, in den Rücken, so die Linkenchefin: »Und sie beschädigt damit auch die Kampagnen im Fußball gegen Rassismus und für Akzeptanz, wenn man den Einsatz für Menschenrechte und gegen Diskriminierung als nicht vereinbar mit dem Gebot der politischen Neutralität erklärt.«

Der Münchner Stadtrat hatte sich in einem fraktionsübergreifenden Antrag dafür ausgesprochen, die EM-Arena in Fröttmaning zum Gruppenspiel Deutschland gegen Ungarn am Mittwoch (21 Uhr, TV: ZDF, Liveticker: SPIEGEL.de) in Regenbogenfarben zu beleuchten. Die Uefa lehnte das aber ab. Stattdessen solle die Arena wie vorgesehen in den Farben der Uefa und der teilnehmenden Nationen leuchten.

Politikerinnen und Politiker nahezu aller Parteien äußerten ihr Missfallen.

SPD-Parteichefin Saskia Esken sagte dem SPIEGEL: »Es macht mich sprachlos.« Das Gebot politischer Neutralität solle nicht mit der Abwesenheit von Haltung verwechselt werden. »Die bisherigen Kampagnen der Uefa gegen Rassismus und für eine weltoffene und tolerante Gesellschaft muss man offenbar als reine Lippenbekenntnisse einer Marketingabteilung bewerten. Das Verbot, Haltung zu zeigen, ist eine politisch feige Entscheidung.«

Jutta Paulus, Mitglied der Grünenfraktion im Europäischen Parlament, sagte dem SPIEGEL: »Das Verhalten der Uefa entlarvt ihren Slogan vom ›equal game‹ als leere Hülle«. Die Regenbogenflagge sei kein politisches Statement, sondern ein Symbol für grundlegende demokratische Werte, allen voran für Respekt, Toleranz und Frieden: »Demokratische Grundwerte und Gesundheitsschutz sind offensichtlich Nebensache, wenn es um Geld oder Sonderrechte für Sponsoren und VIPs geht. Sowohl im Kampf gegen die Pandemie als auch gegen Homophobie ist die Uefa ein Querschläger und erweist dem Sport damit einen Bärendienst.«

»Ein Armutszeugnis für die Uefa«

Sven Lehmann, queerpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, nennt das Verbot »ein Armutszeugnis für die Uefa«. »Die ungarische Regierung verletzt seit Jahren massiv die Menschenrechte von Homo- und Transsexuellen. Das darf sich eine offene Gesellschaft nicht bieten lassen – vor allem innerhalb der EU nicht«, sagte Lehmann dem SPIEGEL. »Die öffentliche Debatte ist unglaublich wichtig, denn sie trägt dazu bei, dass wir uns als Gesellschaft mit den wichtigen Belangen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen auseinandersetzen und uns mit ihnen solidarisieren.«

Mariana Harder-Kühnel, familienpolitische Obfrau der AfD-Fraktion im Bundestag, wird Deutschland im Umgang mit anderen EU-Mitgliedsstaaten hingegen Überheblichkeit vor. »Ein vielbeachtetes Fußballturnier dafür zu instrumentalisieren, die Politik Ungarns zu kritisieren, steht uns weder zu, noch ergibt sich irgendein Zusammenhang mit der Europameisterschaft. Ungarn ist stattdessen für seine Politik zu beneiden. Es stellt nicht nur die herkömmliche Familie als Keimzelle der Gesellschaft in den Vordergrund, sondern verfolgt auch in Sachen Migrationspolitik eine völlig andere Agenda, die auch uns gut zu Gesicht stehen würde.«

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) äußerte sich bei Twitter: »Schade, dass die Münchner Arena nicht in Regenbogenfarben leuchten darf. Das wäre ein sehr gutes Zeichen für Toleranz und Freiheit gewesen«, schrieb Söder. »Wir müssen uns stark machen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung.«

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sagte, er hätte sich den Entscheid gut anders vorstellen können – auch »deswegen, weil ich empört darüber bin, was da wieder für eine Diskussion in Deutschland von Teilen der AfD losgetreten wird«, so Dobrindt vor der letzten regulären Sitzung der Unionsfraktion vor der Sommerpause. Eine andere Entscheidung wäre »auch ein Signal gegen vollkommen beschämende und unanständige Wortmeldungen von AfD-Vertretern bezüglich der Regenbogenfarben« gewesen, sagte Dobrindt mit Blick auf Kritik aus den Reihen der Rechtspopulisten an der Regenbogen-Kapitänsbinde von Fußball-Nationaltorwart Manuel Neuer. Gegen solche Tendenzen müsse klar Flagge gezeigt werden, sagte Dobrindt mit Blick auf die AfD.

Der ehemalige deutsche Nationalspieler und heutige Vorstandsvorsitzende des Bundesliga-Klubs VfB Stuttgart, Thomas Hitzlsperger, der nach Ende seiner aktiven Karriere 2015 seine Homosexualität öffentlich machte, twitterte:

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Rekordmeister Bayern München bedauert die Entscheidung der Uefa. »Wir hätten uns gefreut, wenn die Allianz-Arena am Mittwoch in den Regenbogenfarben hätte strahlen können«, teilte Präsident Herbert Hainer auf Twitter mit. Das Stadion ist die Heimstätte der Bayern. Hainer ergänzte: »Weltoffenheit und Toleranz sind grundsätzliche Werte, für die unsere Gesellschaft steht und für die der FC Bayern steht.«

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Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland findet es »sehr befremdlich, wie die Uefa mit Werten umgeht, die in der Gesellschaft allgemein akzeptiert werden sollten«, sagte LSVD-Sprecher Markus Ulrich dem Sport-Informations-Dienst: »Die Uefa hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt – und es ist klar zu erkennen, auf welche Seite sie sich mit ihrer Entscheidung stellt.«

Koch verteidigt, Ungarn lobt die Uefa

Rainer Koch hat in seinen Rollen als Co-Interimspräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Uefa-Exekutivkomitee-Mitglied die Entscheidung verteidigt. »Da die Beleuchtung vom Münchner Stadtrat als eine gezielte Aktion gegen die Entscheidung des ungarischen Parlaments begründet worden ist, handelt es sich nicht mehr um ein bloßes Statement im gemeinsamen Kampf gegen jede Form von Diskriminierung, sondern um eine politische Aktion«, schrieb Koch bei Facebook.

Auf SPIEGEL-Anfrage teilte Koch weiter mit, es sei »natürlich schade, dass die Arena morgen nicht in Regenbogenfarben erstrahlt«. Es sei nun wichtig, dass das Anliegen nicht in Gänze untergehe, sondern »jetzt Zeichen in den nächsten Tagen noch während der Europameisterschaft abseits des Spieles gegen Ungarn erfolgen müssen. Und dazu ist die Uefa auch bereit.«

Wie sehr dies alles der ungarischen Regierung missfallen dürfte, wurde schon am Dienstag deutlich. »Gott sei Dank herrscht in den Kreisen der europäischen Fußballführung noch der gesunde Menschenverstand und man hat die politische Provokation nicht mitgespielt«, sagte Außenminister Péter Szijjártó, der schon am Montag mit einer Anspielung aufgefallen war: »Eine Sportveranstaltung mit Politik zu mischen, ist schlecht. Die Geschichte zeigt, dass das schlecht ist – und die Deutschen sollten das ganz genau wissen.«

Nun sieht es allerdings so aus, als hätten sich die Uefa und Ungarn isoliert. Das zeigt auch die Reaktion aus Frankreich. So bedauerte der französische Staatssekretär für europäische Angelegenheiten, Clément Beaune, das Uefa-Verbot. »Ich denke, es wäre ein sehr starkes Symbol gewesen«, sagte er: »Wir sind jenseits einer politischen Botschaft, es ist eine Botschaft tiefer Werte.«

Deutschlandweite Soli-Aktionen

Deutschlandweit tauchen zudem immer mehr Ankündigungen zu Ersatzaktionen auf. Nachdem zum Beispiel die Bundesligavereine aus Köln und Frankfurt am Main angekündigt hatten, ihre Stadien am Mittwoch während der EM-Partie der deutschen Mannschaft gegen Ungarn (21 Uhr, TV: ZDF; Liveticker: SPIEGEL.de) in Regenbogenfarben leuchten zu lassen, zog auch das Berliner Olympiastadion nach. »Wir machen da gerne mit, weil wir uns für Toleranz und Menschenrechte einsetzen«, sagte Christoph Meyer, Sprecher der Olympiastadion GmbH, der »Berliner Zeitung«. Demnach soll auch der Berliner Senat aktuell darüber nachdenken, ob auch das Brandenburger Tor in den Regenbogenfarben erstrahlen könnte.

Der Dachverband des deutschen Christopher Street Day's (CSD) wird mit Partnern wie Amnesty International den Zuschauerinnen und Zuschauern in München 11.000 Fahnen zur Verfügung stellen. Sogar der Münchner Olympiaturm wird in Regenbogenfarben leuchten. Und der Fernsehsender ProSieben will sein Logo in diesen Farben erstrahlen lassen.

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Mit einer eindeutigen Nachricht an die Elektrotechnik der Münchner EM-Arena meldete sich unterdessen der ehemalige englische Nationalspieler und heutige TV-Experte Gary Lineker zu Wort: »Macht es trotzdem – die können uns mal«, twitterte die englische Fußball-Ikone. »Macht es, München. Macht es. Macht ein Licht, das die ganze Welt sehen kann.«

sak/cte/sog/til/ptz/sid/dpa
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