Jan Göbel

EM-Halbfinale gegen Spanien Warum ich Italiens Nationalelf einst hasste – und heute liebe

Als 16-Jähriger war ich sicher: Ich würde Italien nie für das abrupte Ende des deutschen Sommermärchens 2006 verzeihen. So war es auch – bis zu dieser EM.
Immer laut, immer mit Power: Italiens Squadra Azzurra bei der EM

Immer laut, immer mit Power: Italiens Squadra Azzurra bei der EM

Foto:

Claudio Villa / Getty Images

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Noch vor wenigen Jahren hätte er wütend den Kontakt zu mir abgebrochen, schrieb mir kürzlich ein Bekannter. Ohne Ankündigung, auf Nimmerwiedersehen. Es ging bei seinem kurzen Aufreger um ein Foto von mir, das ich kürzlich in einem sozialen Netzwerk geteilt hatte. Es zeigte mich in einem Trikot der italienischen Nationalmannschaft.

Jetzt aber, so der Bekannte, habe sich sein Italienbild »grundlegend ins Positive geändert«. Er könne sich das Foto nun ansehen, ohne mir böse zu sein.

Meinem Bekannten geht es nicht allein so. Italiens Fußballer stehen bei der Europameisterschaft im Halbfinale, dort wartet Spanien (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de; TV: ARD). Und wenn man die Stimmung rund um das Turnier verfolgt, dann gibt es auch in Deutschland viele Fußballfans, die nach dem Aus der DFB-Elf zu Italien halten. Oder zumindest viele, die nicht gleich einen Aufstand anzetteln würden, wenn Italien erstmals seit 1968 wieder Europameister wird.

Die einen finden die Anzüge von Trainer Roberto Mancini schön, andere können sich über das nimmermüde Abwehrpaar  Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini erfreuen. Oder sie sind einfach überrascht, wie gut das Team sich ergänzt. Auch ich sympathisiere bei diesem Turnier mit den Italienern, deswegen auch der Trikotkauf.

Roberto Mancini bei der EM

Roberto Mancini bei der EM

Foto: Fabio Ferrari/LaPresse / imago images/LaPresse

Dabei war das auch für mich lange Zeit undenkbar. Im Sommer 2006 hatten Freunde und ich (wie gefühlt alle anderen deutschen Fußballfans) einen Beschluss gefasst: Wir werden Italien hassen, für immer und ewig. Kleiner, gnädiger ging es nicht. Sie hatten schließlich uns (!) aus dem Turnier geworfen, aus der Weltmeisterschaft in Deutschland, Sommermärchen vorbei. Für meine Freunde und mich fühlte sich das damals wie eine persönliche Schmach an.

Wir waren damals gerade einmal 16 Jahre alt und durften unser erstes Bier kaufen, ganz legal, ohne den gefälschten Schülerausweis. Wir waren Buben, aber in diesem ersten Sommer der Fastvolljährigkeit fühlten wir uns wie Helden.

Ein Schuss, eine Wunde

In dieser Zeit haben wir uns vielleicht die ein oder andere Abfuhr einer Klassenkameradin eingefangen. Aber das war nicht wichtig, wir liebten ohnehin nur den Fußball. Umso härter traf es uns, als ausgerechnet ein Fußballer uns das Herz brechen sollte: Fabio Grosso im WM-Halbfinale, fast auf den Tag genau ist das 15 Jahre her. Grossos Schuss muss ich nicht noch einmal sehen, ich weiß, dass er ins lange Eck flog. Und ich bin mir noch heute sicher, dass mein damaliges Idol Oliver Kahn den Ball gefangen hätte. Aber im Tor stand Jens Lehmann.

Wie auch immer: Es war auf jeden Fall das Ende unserer Träume, und Italien kam auf die schwarze Liste.

Es war eigentlich ein herrlicher Sommer, den wir in deutschen Großstädten auf Fanfesten verbracht hatten, in Berlin oder Hamburg, immer am Puls des Turniers, keine Sorgen, nicht mal die schlechten Zeugnisse brachten uns aus der Ruhe.

Jens Lehmann konnte ihn nicht halten – den Schuss von Grosso

Jens Lehmann konnte ihn nicht halten – den Schuss von Grosso

Foto: Andreas Rentz/ Bongarts/Getty Images

Doch beim Halbfinale gegen Italien blieben wir in unserer Heimat. Celle, niedersächsische Provinz. Es fühlte sich falsch an, als würden wir uns verstecken. Am Abend gab es ein schweres Gewitter, die TV-Leinwand auf dem Fanfest fiel kurz vor Anpfiff aus, wir mussten durch die halbe Stadt rennen, um noch irgendwo einen Fernseher zu finden. Wir sahen nicht viel vom Spiel, aber wir sahen, wie die Italiener für unseren Geschmack viel Zeit schindeten, immer wieder theatralisch zu Boden gingen, wir sahen Grosso. Und Italien jubeln.

Wir wollten das damals nie verzeihen.

Die Niederlande galten lange Zeit als Erzfeind der DFB-Elf, aber mit der entscheidenden Niederlage bei der Heim-WM nahm Italien diesen Platz ein.

Schuldbewusster Blick: der Autor im Italientrikot

Schuldbewusster Blick: der Autor im Italientrikot

Besuch in Italien

Einige Jahre später verbrachte ich erstmals einen Sommer in Italien. Es musste sein: Ich brauchte Geld für das Studium, und mit Praktika im Journalismus kann man herzlich wenig Geld verdienen. Man zahlt bloß drauf. Ich wurde also Erntehelfer in der Region Emilia-Romagna, zwischen Bologna und der Adria. Und dann fing die EM 2012 an.

Ich habe dieses Turnier nur mit müden Augen verfolgt, meistens schlief ich während der Spiele ein, nachdem wir bei brütender Hitze stundenlang Roggen und Weizen aus dem staubtrockenen Boden gezogen hatten.

Im Halbfinale Deutschland gegen Italien gab es das erste Wiedersehen mit dem alten Rivalen. Jetzt oder nie! Aber dann zeigte Mario Balotelli seine Muskeln. Wieder war die DFB-Elf raus.

Wir deutschen Erntehelfer hatten uns beim Frühstück auf böse Sprüche der Italiener eingestellt. Aber die gab es nicht. Es war eher so: »Nächstes Mal seid ihr dran.« Ein kurzes Nicken, ein Zwinkern. Alles erschreckend harmlos. Wenn man nicht mal mehr als Rivale ernst genommen wird, ist das auch kein gutes Zeichen.

Zwei Tore von Balotelli führten Italien ins EM-Finale 2012

Zwei Tore von Balotelli führten Italien ins EM-Finale 2012

Foto: AFP

Später, nach Feierabend, tranken wir bei einem italienischen Bauern Rotwein, er hatte ihn uns angeboten, damit wir für die Italiener im Finale gegen Spanien sind. Verbrüderung statt Häme. Und für mich war dieser Rotwein, von dem nach zwölf Stunden Feldarbeit bereits ein Tropfen reichte, auch ein bisschen die Entdeckung von »La dolce vita«. Heute steht Italien auf der Reiseliste immer ganz oben.

Die italienische Nationalmannschaft verfolgte ich seitdem nie wieder mit den Gedanken von 2006. Es gab dafür in den folgenden Jahren auch immer weniger Anlass. Bei der EM von 2016 setzte sich das DFB-Team gegen die Italiener im Elfmeterschießen durch, 2018 sollte sich Italien gar nicht erst für die WM qualifizieren. Der einstige Riese, er wurde immer kleiner mit der Zeit (die DFB-Elf allerdings auch). Und man selbst wird mit dem Alter auch entspannter.

Ohne Arroganz, dafür mit Herz

Es beeindruckt, wie stark die italienische Mannschaft nach 2018 zurückgekommen ist, wie gut der Tiefpunkt genutzt worden ist, um wieder ein Team zu entwickeln, das als Einheit funktioniert und dabei auch schönen Fußball spielt. Italien ist natürlich eine große Fußballnation, und doch ist sie zum EM-Start so etwas wie ein Außenseiter gewesen, zu groß war die Blamage von 2018, zu durchschnittlich schien der Kader in der Breite.

Und vielleicht ist das genau das Erfolgsgeheimnis und der Grund für meine Sympathie: Die Italiener sind ohne Superstar angereist, ohne die großen Sprüche, ohne die Arroganz, die Frankreich vielleicht zum Verhängnis geworden ist. Bereits nach dem dritten Spiel hatte Mancini 25 von 26 Spielern aus seinem Kader EM-Minuten geschenkt. Keiner hatte ihn enttäuscht, keiner hatte sich hängen lassen. Sie hatten einfach gespielt und gewonnen.

Der italienische Fußball hat bei dieser EM etwas Rockiges, sie spielen wie die italienische Band Måneskin beim Eurovision Song Contest gesungen (und damit gewonnen) hat: mutig, mitreißend. Es ist Fußball fürs Herz.

Dieses Team pusht sich gegenseitig und nimmt das Publikum mit, auch mich. Italientrikots kann man wieder tragen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.