Deutsche Gewalttäter bei der EM Leichtes Spiel für Hooligans

Deutsche Hooligans und Rechtsextreme haben in Lille Jagd auf Ukrainer gemacht. Die Behörden rechnen mit noch schlimmeren Krawallen. Wieso können bekannte Gewalttäter zu den EM-Spielen reisen?

Aus Lille und Düsseldorf berichten , und


Früh morgens, viele Stunden vor dem Spiel Deutschland gegen Ukraine am Sonntag, hatten bereits größere Hooligan-Gruppen zahlreiche Kneipen in Lille besiedelt. Große Männer mit breiten Schultern und riesigen Tätowierungen auf ihren Waden. Vereinswappen von Dynamo Dresden, Lok Leipzig, dem FSV Zwickau oder dem Chemnitzer FC waren zu sehen. Die Männer trugen Schals und T-Shirts mit der Aufschrift "Menschenfresser", "Rebels" oder "Szenario" - alles einschlägige Hooligan-Gruppen.

Es waren teilweise Hooligans, die über Jahre miteinander verfeindet waren und sich in der Vergangenheit auch schon gegenseitig verprügelt haben. Am Sonntag saßen sie zusammen, tranken Bier und Schnaps und sangen "Hurra, die Deutschen die sind da" und "Deutschland ist die Nummer eins der Welt". In einer Brasserie hissten die Hooligans eine Reichskriegsflagge, manch einer riss zwischendurch den rechten Arm hoch.

Je mehr Alkohol floss, desto aggressiver wurde die Stimmung. Passanten wurden mit Essen und Getränken beworfen. Gegen 17:30 Uhr eskalierte die Situation, etwa drei Dutzend deutsche Hooligans griffen auf einem der Hauptplätze Lilles, der Place du Général-de-Gaulle, eine Gruppe friedlich feiernder ukrainischer Fans an.

Dieser Twitter-Post zeigt den Angriff der deutschen Hooligans:

Wie konnte das passieren? Bei einem Turnier, auf das die Weltöffentlichkeit schaut? In einem Land, das sich aufgrund der akuten Terrorgefahr im Ausnahmezustand befindet? In dem angeblich 90.000 Sicherheitskräfte für Ordnung sorgen sollen.

Polizei fürchtet noch schlimmere Krawalle

In einem internen Papier der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS), das SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es dazu, deutsche Hooligans seien "jederzeit Willens und in der Lage, sich zu einer gewaltbereiten Störergruppe zusammenzuschließen, von der massive, das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland im Ausland erheblich schädigende, Sicherheitsstörungen ausgehen".

Das kann man so sagen. Die Bilder aus Lille gingen am Sonntag um die Welt, manch einer fühlte sich an die schlimmen Szenen rund um die Weltmeisterschaft 1998 erinnert, als deutsche Hooligans den französischen Gendarmen Daniel Nivel ins Koma prügelten.

Dieses YouTube-Video zeigt den Angriff aus Sicht ukrainischer Fans:

Und die Verantwortlichen bei der ZIS, einer Sammelstelle für polizeiliche Ermittlung im Fußballumfeld, scheinen mit noch schlimmeren Krawallen zu rechnen: "Wenn es den deutschen Sicherheitsbehörden nicht gelingt, durch das nachfolgend beschriebene, konsequent angewandte Maßnahmenpaket den Großteil der deutschen Störer im Inland und/oder am Wohnort zu binden, ist von einer bundesweiten Mobilisierung anlässlich einzelner, szenerelevanter Spiele von 400 bis 500 Personen der Kategorien B/C auszugehen", schreiben die Beamten in ihrer Analyse. Mit "Kategorie C" werden gewaltsuchende Personen, mit "Kategorie B" gewaltbereite beschrieben.

An präventiven Maßnahmen stehen der Polizei dabei eine Vielzahl an Mitteln zur Verfügung: von Gefährderansprachen über Meldeauflagen bis hin zur Einziehung von Ausweisen und sogar Ingewahrsamnahmen. Nach Auskunft des Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) in Duisburg, bei dem die ZIS angesiedelt ist, wurden bislang 673 Gefährderansprachen mit gewaltbereiten- oder suchenden Personen durchgeführt. Sieben Hooligans wurden die Ausweise abgenommen, vier mit Meldeauflagen bedacht. 21 Störer griff die für Grenzsicherung zuständige Bundespolizei auf und hinderte sie daran, Deutschland zu verlassen.

Zahlreiche Rechtsextreme in Frankreich vor Ort

Trotzdem waren laut LZPD etwa 300 deutsche Hooligans in Lille. "Das zeigt uns, dass die Szene reisewillig ist und die EM für ihre Zwecke zu nutzen versucht", sagte LZPD-Sprecher Jan Schabacker SPIEGEL ONLINE. "Wir tun unser Möglichstes, diese Reisen zu unterbinden." Vollständig könne das in einem grenzenlosen Europa jedoch nicht gelingen. Insgesamt seien 20.000 deutsche Fans vor Ort gewesen.

Unter ihnen waren auch viele rechtsextreme Personen, unter anderem auch Anhänger der Dortmunder Hooligangruppe "Borussenfront". Sie folgen einem problematischen Trend: In den vergangenen Jahren tauchten immer wieder vermehrt rechte Fans bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft auf. In Warschau 2014 oder in Georgien 2015 kam es so jeweils zum "Klassentreffen", wie unabhängig voneinander mehrere Augenzeugen berichten. Viele der Gewaltsuchenden waren bei dem Spiel in Georgien beispielsweise auch mit Kleidung der Gruppe "Hooligans gegen Salafisten" anwesend. Sie sollen mit offiziellen Tickets des "Fanclub Nationalmannschaft" Zutritt zum Stadion erhalten haben.

Das zu verhindern, scheint allerdings schwierig zu sein: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gleicht bei der Ticketvergabe die einzelnen Namen mit der Liste all derer Fußballfans ab, die ein Stadionverbot haben. Bei Übereinstimmungen wird kein Ticket ausgestellt. Die politische Gesinnung ist dabei allerdings kein Ausschlusskriterium.

Beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft in Lille konnte man sich davon überzeugen: Auf der Tribüne tauchte Michael B. auf, ein Gemeinderat der Partei "Die Rechte". B. wurde aufgrund seiner Rechtspolitik 2014 von Borussia Dortmund als Mitglied ausgeschlossen, er hat seit einigen Jahren ein Stadionverbot beim BVB.

Personifizierte Karten können einfach weitergegeben werden

Da B. aber nicht als "Gewalttäter Sport" gelistet ist und ihm auch andere strafrechtliche Verfehlungen rund um Fußballspiele nicht nachzuweisen sind, gilt sein Stadionverbot bislang ausschließlich in Dortmund. Und das scheint nicht zu genügen, um ihn von der Europameisterschaft auszuschließen.

Ob er allerdings mit einem offiziellen Ticket vom Fan Club Nationalmannschaft ins Stadion gelangte, darf Jürgen Eißmann, der dort fürs Ticketing zuständig ist, "aus Gründen des Datenschutzes" nicht sagen. Wenn auf B.s Ticket ein anderer Name stehe oder er das Ticket in der zweiten Phase über die Uefa geordert habe, sei eine Handhabe aber schwierig.

Das wiederum bestätigt Volker Goll: "Dem DFB würde ich da tatsächlich nicht den Schwarzen Peter zuschieben", sagt der Mann, der für die Koordinierungsstelle der Fanprojekte vor Ort war. "Es war in Lille aber so, dass jeder, der ein gültiges Ticket hatte, reinkam. Von den Stichproben, die im Vorfeld angekündigt wurden, war jedenfalls nichts zu sehen."

Der ehemalige Sicherheitschef des DFB, Helmut Spahn, sagte SPIEGEL ONLINE: "So, wie das System der personifizierten Tickets umgesetzt wird, ist es vollkommen ineffektiv. Durch die Möglichkeit der Weitergabe der Tickets ist eine ernsthafte Personenprüfung eigentlich ausgeschlossen. Wer ins Stadion will, kommt auch ins Stadion."

Am kommenden Donnerstag trifft Deutschland in Paris auf Polen (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE). Beide Fangruppen sind verfeindet. Ein weiteres Hochsicherheitsspiel. Die Behörden sollten gewarnt sein.

Video über russische EM-Hooligans: "Ultraharte Gewalt"

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insgesamt 219 Beiträge
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Karl_Knapp 13.06.2016
1. Vorfälle gut dokumentiert
Die "Aktionen" der Schläger sind durch die zahlreichen Videos -wie im Beispiel- gut dokumentiert. Es muss doch möglich sein, diesem Gesindel in Deutschland habhaft zu werden, oder?
der_rookie 13.06.2016
2. Hm
Leider ist dies ein Problem einer freien Gesellschaft, dass sich Einzelne die Freiheit nehmen sich asozial zu verhalten. Die Erfahrung zeigt, dass für "Apelle" und rationale Argumente bei diesen Einzelnen nicht fruchten. Einzig die empfundene Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden treibt deren Verhalten. Diese Wahrscheinlichkeit schränkt aber immer auch die Freiheit der Gesellschaft ein. Denn um die Hooligans zu erwischen muss man sie in der Öffentlichkeit suchen. Und dazu muss man sich auch "normale" Menschen "ansehen". Absolute Freiheit der Gesellschaft und absoluten Schutz vor solchen Idioten schließen sich leider aus.
echoanswer 13.06.2016
3. Hört auf die fränzösische Polizei Versager zu nennen
Unsere Polizei weiß offenbar genau welcher Hooligan mit welchem Vorstrafenregister in Lille ist. Tolle Leistung dabei nichts zu unternehmen. Die gesamte Polizei aller EU-Staaten sollten mal darüber nachdenken was sie treiben.
freigeist1964 13.06.2016
4. Deutsch Hooligans und Rechtsextreme in Frankreich
dann stimmt ja ausnahmsweise mal die Theorie vom "kriminellen Ausländer"!!! Der französische Knast ist ja berühmt für seine Gastlichkeit, daher hoffe ich, dass die Franzoisen greifen ganz ganz hart durchgreifen und diese A... zu mehrjährigen Haftstrafen verknacken!
Nabob 13.06.2016
5. Stoppt die EM,
tut man es nicht, wird es von Meisterschaft zu Meisterschaft mehr Versuche von begleitender Gewalt geben, wo zum Schluss nicht mehr zu trennen ist, ob bekannter Terrorismus dahinter steckt oder ein paar Verrückte sich als Gruppe in der Tat deckungsgleich verhalten. tut man es nicht, werden die gewaltbereiten Schwachsinnigen es als Einladung verstehen, beim nächsten Mal noch mit Steigerungen aufzuwarten. Da diese Meisterschaften - wie man später stets lesen kann - sowieso nur aus finanziellen Gründen stattfinden und sehr viel Korruption im Spiel ist, wäre nichts verloren, die Spiele auszusetzen, Täter des Landes zu verweisen, bzw. Zuschauer bestimmter Länder gar nicht erst einreisen zu lassen. Das hohe Gut der französischen Liberalität ist am Ende nicht mit Liberalität zu schützen, das geht in die Hose, wie man sieht.
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