EM-Teilnehmer England Roys Resterampe

Immer neue Verletzte: Englands EM-Kader ist wenige Tage vor Turnierstart zum Rumpfteam geschrumpft. Mit Chelsea-Verteidiger Gary Cahill muss ein weiterer Schlüsselspieler passen, gleichwertigen Ersatz hat Trainer Roy Hodgson nicht. Das Land ist nur noch krasser Außenseiter.

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England hat am Sonntag gefeiert. Die Queen beging ihr Jubiläum, seit 60 Jahren sitzt Elizabeth II. auf dem Thron, im gesamten Königreich herrschte Partystimmung. Na ja, nicht überall. Nationalcoach Roy Hodgson mag man es nachfühlen, dass er momentan nicht so recht mitfeiern will. Der Mann ist nicht einmal 60 Tage im Amt und schon jetzt größten Kummer gewohnt. Eine Woche vor dem EM-Start der "Three Lions" dezimiert sich Hodgsons Kader fast täglich.

Am Sonntag musste Innenverteidiger Gary Cahill als bisher letzter prominenter Ausfall verletzungsbedingt passen. Der Profi vom Champions-League-Sieger FC Chelsea hatte sich im letzten Testspiel der Engländer vor der EM gegen Belgien einen doppelten Kieferbruch zugezogen und reiht sich damit ein in eine beeindruckende Serie englischer Profis, die das Turnier absagen mussten: Dazu gehörten zuvor schon die Mittelfeldspieler Gareth Barry (Bauchmuskelriss), Jack Wilshere (Knöchelverletzung) und Frank Lampard (Oberschenkel), der Torwart John Ruddy (Fingerbruch), Stürmer Darren Bent (Bänderriss) und Verteidiger Chris Smalling (Leistenverletzung).

Stürmerstar Wayne Rooney ist zwar nicht verletzt, er fehlt trotzdem in den ersten beiden EM-Spielen gegen Frankreich und Schweden, da er noch eine Rotsperre aus der Qualifikation abzusitzen hat. Kein anderer EM-Teilnehmer hat kurz vor Turnierstart auch nur annähernd so heftige personelle Probleme wie der Weltmeister von 1966.

Bislang hatte Hodgson die wiederkehrend schlechten Nachrichten noch mit dem Gleichmut eines fast 65 Jahre alten Trainer-Routiniers ertragen. Der Ausfall des Chelsea-Leistungsträger Cahill jedoch ist für das Team eine Absage zu viel. In der Innenverteidigung, in der Cahill gesetzt gewesen wäre, hatten die Engländer sich zuvor bereits ein hausgemachtes Problem geschaffen.

Fehde zwischen Terry und Ferdinand holt England ein

So hätte Hodgson zwar mit Rio Ferdinand von Manchester United einen zentralen Abwehrspieler von internationaler Klasse zur Verfügung. Aber Ferdinand fehlt im Kader, weil er sich mit seinem Nebenspieler John Terry verkracht hat. Terry und Ferdinand - das funktioniert als Duo nicht mehr, seit der Chelsea-Kapitän beschuldigt wird, im Vorjahr Ferdinands Bruder Anton im Ligaspiel zwischen Chelsea und den Queens Park Rangers rassistisch beleidigt zu haben. Hodgson musste sich daraufhin bei der Kader-Nominierung für einen der beiden Abwehrrecken entscheiden und hat sich auf Terrys Seite geschlagen. Durch Cahills Verletzung holt diese ungeklärte Fehde das Nationalteam jetzt mit aller Macht ein.

Zu den Top-Favoriten auf den EM-Titel hatten die Engländer ohnehin nicht gezählt; aber mit der jetzigen Verletzungsserie sind ihre Chancen, auch nur die Vorrunde zu überstehen, extrem gesunken. Die Gruppe D, in der England anzutreten hat, gilt als extrem ausgeglichen. Frankreich, Englands erster Gegner am 11. Juni (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), hat wohl die besten Chancen aufs Weiterkommen. Dahinter machen sich jetzt Co-Gastgeber Ukraine und Schweden neue Hoffnungen. Die Engländer zumindest sind in der Gruppe nur noch Außenseiter.

In Hodgsons Kader finden sich jetzt Akteure wie der 19 Jahre alte Torhüter Jack Butland, nachnominiert für den verletzten Ruddy. Butland spielt in der vierten englischen Liga für Cheltenham Town. Eine große Ehre zweifellos für Cheltenham, aber kein echtes Zeichen für Qualität. Für Cahill rückt der Liverpooler Martin Kelly in den Kader. Er bringt die Erfahrung von einem einzigen Länderspiel mit.

Erfahrung weisen im Aufgebot nur noch wenige auf. Auf diese Spieler wird es jetzt mehr denn je ankommen. Liverpools ewiger Mittelfeldspieler Steven Gerard gehört dazu, der aber auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Oder der elegante, aber nicht mehr ganz schnelle Außenverteidiger Ashley Cole vom FC Chelsea.

Neben Terry soll jetzt ManCity-Abwehrmann Joleon Lescott die Lücke schließen, die Cahill gerissen hat. Lescott und Terry haben als gemeinsames Duo immerhin die Erfahrung von zwei Länderspielen aufzuweisen, in beiden Fällen blieb England sogar ohne Gegentor - der Gegner hieß allerdings beide Male Andorra.

insgesamt 21 Beiträge
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Sandbagger 04.06.2012
1. Bitter...
... für die Engländer und einfach nur Pech. Verdammt schade. Auch wenn die Testspiele auch ihre positiven Seiten haben, das sind eindeutig die Schattenseiten. Ist die Frage, ob sie unbedingt nötig sind, oftmals spielen die Spieler vorsichtig aus Angst vor Verletzungen, sodass das Spiel manchmal kaum in Gang kommt und sehr zäh wirkt oder sie verletzten sich. Allerdings scheinen sie auch unabkömmlich, damit Spieler aus verschiedenen Mannschaften, oft auch aus verschiedenen Ligen, Spielpraxis sammeln zu können. Da muss man das Risiko wohl einfach in Kauf nehmen. Schade für die Engländer, ich drücke trotzdem die Daumen. Die Fehde zwischen Terry und Ferdinand lasse ich bewusst unkommentiert...
Tom Joad 04.06.2012
2. Falsch, ganz falsch.
Zitat von sysopAPImmer neue Verletzte: Englands EM-Kader ist wenige Tage vor Turnierstart zum Rumpfteam geschrumpft. Mit Chelsea-Verteidiger Gary Cahill muss ein weiterer Schlüsselspieler passen, gleichwertigen Ersatz hat Trainer Roy Hodgson nicht. Das Land ist nur noch krasser Außenseiter. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,836723,00.html
Korrekt muss es heißen: Das Land ist wie immer krasser Außenseiter. ;-)
jo2312 04.06.2012
3.
zu mir sagte mal ne irische Kollegin..the english dont have any luck...
axelkli 04.06.2012
4. Schade....
....für das englische Team, aber noch hat die EM nicht angefangen, deshalb halte ich es für verfrüht, das Team abzuschreiben. Manchmal wachsen ja gerade die vermeintlichen Außenseiter über sich hinaus. Allerdings bekommt man jetzt die Quittung dafür, daß seit Jahren in der Premier League immer mehr Ausländer zu Lasten von englischen Spielern eingesetzt werden. Desweiteren gibt es so gut wie keine hochklassigen englischen Spieler in den europäischen Topligen.
bienchen-maja 04.06.2012
5. Wenn
Zitat von jo2312zu mir sagte mal ne irische Kollegin..the english dont have any luck...
dem Kader der Engländer die Breite fehlt, ist das keine Frage des Glücks, sondernd er Qualität. Wenn man mit Mühe eine passable Manschaft auf den Rasen bekommt, reicht das für ein großers Turnier so oder so nicht, da weder Verletzungen noch Sperren kompensiert werden können. Und Qualität auf der Ersatzbank gibt es dann ja auch nicht... .
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