Polens Stürmerstar Die Leiden des Robert Lewandowski

Robert Lewandowski ist einer der besten Stürmer der Welt, doch bei der EM hat er noch nicht getroffen. In Polen rätseln sie über die Gründe. Der frühere Bundesligaprofi Juskowiak vermutet: Der Star ist müde.

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Wer vor der Europameisterschaft auf Robert Lewandowski als Torschützenkönig getippt hat, der darf sich enttäuscht fühlen. Der beste Torjäger der abgelaufenen Bundesligasaison, der beste Stürmer der EM-Qualifikation, hat während des Turniers noch keinen einzigen Treffer erzielt. Im ersten Gruppenspiel musste er sich gegen mehrere Nordiren erwehren, im Spiel gegen Deutschland grätschte ihm Jérôme Boateng dazwischen und in der dritten Partie gegen die Ukraine scheiterte er an sich selber.

"Auf dem Rasen hat Robert Lewandowski wieder gelitten", schrieb Polens größte Sportzeitung "Przeglad Sportowy" nach dem Ukraine-Spiel. Die Torlaute des größten Stars entwickelt sich in Polen fast schon zu einer Staatsangelegenheit. Zbigniew Boniek, in den Achtzigerjahren der Star des polnischen Fußballs und seit 2012 Präsident des Fußballverbandes PZPN, spricht gar von einer "Hysterie."

"Die Diskussion zeigt, welchen Stellenwert Lewandowski für die Nationalmannschaft hat. Er ist deren größter Star, der wichtigste Spieler und derjenige, in den man die größten Erwartungen setzt", sagt der ehemalige Bundesligastürmer Andrzej Juskowiak zu SPIEGEL ONLINE. Sein letztes Tor für die Nationalmannschaft erzielte Lewandowski vor sieben Monaten. Inklusive der drei EM-Partien ist er mittlerweile seit sechs Länderspieleinsätzen ohne Tor.

"Wie soll ich Tore erzielen, wenn ich in den drei Spielen eigentlich nur eine einzige gute Torgelegenheit hatte", sagte Lewandowski nach dem schwer erkämpften 1:0-Sieg gegen die Ukraine durchaus selbstkritisch. "Einerseits ist es schade, dass ich diese nicht habe, anderseits ist es gut, dass die Mannschaftskollegen zu ihren Gelegenheiten kommen. Manchmal muss man überlegen, was das Wichtigste ist. Und dies ist immer das Wohl der Mannschaft."

"Saison hat Spuren bei ihm hinterlassen"

Rückendeckung bekommt der Nationalmannschaftskapitän von seinem Trainer Adam Nawalka. Gebetsmühlenartig betont der Coach, wie wichtig Lewandowski für die Nationalmannschaft sei und wie mannschaftsdienlich er spiele. "Und am Ende wird er auch sein Tor machen", sagte Nawalka. "Robert ist nicht unser Problem, sondern das Problem unserer Gegner. Deswegen sollten wir uns nicht verrückt machen", beschwichtigt Verbandschef Boniek. Die Debatte über die fehlenden Tore des Superstars konnte er dennoch nicht eindämmen.

Experten betonen: Lewandowski müsse bei der polnischen Nationalmannschaft anders spielen als beim FC Bayern, wo er qualitativ bessere Mitspieler habe. Eine Erklärung, die Andrzej Juskowiak jedoch nicht ausreicht. "Meiner Meinung nach hat die Saison bei ihm Spuren hinterlassen. Er wirkt müde", so der Ex-Profi, der unter anderem für Borussia Mönchengladbach spielte und heute als TV-Experte tätig ist. Zudem hat Juskowiak noch einen anderen Grund ausgemacht: "Die Verteidiger kennen mittlerweile seinen Spielstil."

Es ist nicht das erste Mal, dass Lewandowski mit einer Torflaute in der Nationalmannschaft zu kämpfen hat. Während der Qualifikation für die WM in Brasilien erzielte er nur drei Treffer. Zwei davon im Spiel gegen San Marino. Auch in den Freundschaftsspielen glänzte er zwischen 2012 und 2014 nicht gerade durch Effizienz. "Lewandowski spielt in der Nationalmannschaft nicht mit dem gleichen Engagement wie in der Bundesliga", hieß es damals. Von solchen Tönen ist man heute trotz der Torflaute jedoch weit entfernt. "Durch seine 13 Tore in der Qualifikation und das Amt des Kapitäns hat er seinen Stellenwert enorm erhöht", sagt Juskowiak über Lewandowski.

Dass der Angreifer heute weniger scharf kritisiert wird, liegt auch am großen Erfolg der Nationalmannschaft. Zum ersten Mal seit der WM 1986 erreichte Polen die K.-o.-Phase eines Turniers, was die Erwartungshaltung nur steigen ließ. Einige sprechen schon vom Finale und hoffen dabei nicht nur auf ihren Starstürmer, sondern auf das gesamte Team.



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BettyB. 25.06.2016
1. Wenn schon...
Dass die Nationalmannschaftsspiele Lewandowskis Marktwert nicht mehr erhöhen können, ist bekannt, dass er sich als Pole nicht wirklich dagegen wehren kann, für Polen zu spielen, auch, dass er als international Tätiger, die nationalistische polnische Regierung wenigstens unbewusst nicht wirklich beglücken will, ist wahrscheinlich. Wieso sollte er da "letzte Kräfte" mobilisieren, um Tore zu schießen?
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