Sieben legendäre EM-Momente Antonio, unvergessen!

Ein kaltschnäuziger Elfmeterschütze, ein zweckentfremdetes Trikot und Gedenken an einen toten Teamkollegen: In der EM-Historie finden sich bemerkenswerte Geschichten. Hier sind sieben besondere Momente.

Sergio Ramos 2008
imago

Sergio Ramos 2008


1.) Der Panenka-Heber (1976): Im Finale zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechoslowakei steht es nach 120 Minuten 2:2. Im Elfmeterschießen treffen die ersten sieben Schützen, dann jagt Uli Hoeneß den Ball in den viel zitierten "Belgrader Nachthimmel". Es kommt der große Moment von Antonin Panenka: Der Mittelfeldspieler mit dem gewaltigen Schnäuzer spekuliert richtig, dass sich der deutsche Torwart Sepp Maier für eine Ecke entscheiden wird. Lässig schaufelt er den Ball in die Mitte des Tores - die Tschechoslowaken sind Europameister.

2.) Der goldene Bierhoff (1996): Die deutsche Mannschaft liegt im Finale gegen Tschechien 0:1 zurück, als Oliver Bierhoff in der 69. Minute eingewechselt wird. Vier Minuten später köpft der Stürmer den Ausgleich. Doch der entscheidende Moment im Wembley-Stadion sollte noch kommen - in der Verlängerung: Bierhoff steht in der 95. Minute an der Strafraumgrenze mit dem Rücken zum Tor und will sich nach rechts drehen. Doch der ebenfalls eingewechselte Marco Bode ruft: "Andersrum!" Bierhoff dreht sich linksherum, schießt und trifft, weil der Ball Tschechiens Torhüter Petr Kouba durch die Finger rutscht. Schlusspfiff! Das erste Golden Goal der Fußballgeschichte bringt Deutschland den dritten EM-Titel.

3.) Der belgische "Kneipenprofi" Wilfried Van Moer (1980): Mit ihm hatte niemand mehr gerechnet. Wilfried Van Moer betrieb eine Kneipe namens "Wembley" und kickte nebenbei noch für den abstiegsgefährdeten belgischen Erstligisten KFC Beringen. Sein bislang letztes Länderspiel liegt schon mehr als vier Jahre zurück, als Nationaltrainer Guy Thys ihn via TV um ein Comeback bittet - vor einem EM-Qualifikationsspiel gegen Portugal. Van Moer sagt zu, trifft zum 1:0 und führt sein Team zur Endrunde nach Italien. Dort trumpft der 35-jährige Spielgestalter ebenfalls groß auf, gilt als überragender Spieler des Turniers. Belgien muss sich erst im Finale der Bundesrepublik Deutschland 1:2 geschlagen geben.

4.) Ramos' Gedenken (2008): Antonio Puerta vom FC Sevilla galt als großes Talent in Spanien. Am 25. August 2007 brach er im Ligaspiel gegen den FC Getafe zusammen, in der Kabine kollabierte er erneut und erlitt einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Puerta wurde mehrmals reanimiert, doch Sauerstoffmangel hatte sein Hirn zu stark geschädigt. Er starb am 28. August im Alter von 22 Jahren. Gut zehn Monate später wird Spanien Europameister - und Puertas früherer Mitspieler Sergio Ramos streift sich ein T-Shirt mit einem Bild des Verstorbenen und der Aufschrift "Siempre con nosotros" ("Immer bei uns") über. Auch bei Spaniens WM-Triumph 2010 und der EM-Titelverteidigung 2012 erinnert Ramos auf diese Weise an Puerta.

5.) Die deutsche "Wembley-Elf" (1972): Im Viertelfinale bekommt die DFB-Mannschaft England zugelost - und muss zunächst auswärts antreten. Noch nie zuvor hat eine deutsche Nationalmannschaft im Wembley-Stadion gegen England gewonnen. Doch an diesem 29. April 1972 spielt das Team um Franz Beckenbauer, Siggi Held, die jungen Uli Hoeneß und Paul Breitner sowie den überragenden Günter Netzer berauschend Fußball. "FAZ"-Feuilletonist Karl-Heinz Bohrer prägt anschließend die legendäre Formulierung vom "aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßenden Netzer". Die französische Sportzeitung "L'Equipe" jubelt über "Traumfußball aus dem Jahr 2000". Zwei Monate später gewinnt die "Wembley-Elf" in Belgien den EM-Titel.

6.) Deutschland am Arsch (1988): Es läuft die 89. Minute im Halbfinale zwischen Deutschland und den Niederlanden, als Stürmer Marco van Basten seinem Bewacher Jürgen Kohler entwischen kann und den Ball zum 2:1-Siegtreffer ins deutsche Tor spitzelt. Die Revanche für das verlorene WM-Finale von 1974 ist geglückt - und scheint einem Niederländer besonders zu Kopf zu steigen: Nach dem Spiel wischt sich Abwehrchef Ronald Koeman auf dem Rasen mit dem Trikot seines Gegenspielers Olaf Thon demonstrativ den Hintern ab. Später entschuldigt er sich für diese Geste.

7.) Der Münzwurf von Neapel (1968): Im Halbfinale zwischen Italien und der Sowjetunion steht es nach der Verlängerung 0:0 - und da es noch kein Elfmeterschießen gibt, muss ein Münzwurf die Entscheidung bringen. Die beiden Verbandspräsidenten Valentin Granatkin und Artemio Franchi bestehen darauf, dass dies unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschieht. Der deutsche Schiedsrichter Kurt Tschenscher verschwindet daraufhin mit ihnen in den Katakomben des Stadio San Paolo in Neapel. Auf Granatkins Wunsch gibt es einen Probewurf, bei dem die Sowjetunion gewann. Der entscheidende Münzwurf geht dann aber zu Gunsten Italiens aus - des späteren Europameisters.

Gesammelt von Jens Witte

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.