Fußball-Euphorie Die WM der Frauen

So viele Menschen. Auf Straßen und Plätzen. Überall. Und so viele Frauen mittendrin. Und so viel Begeisterung bei den Menschen. Und erst bei den Frauen. Kaum zu fassen. Was passiert da? Vielleicht liegt es ja an der Fußball-WM.

Von Katrin Weber-Klüver


Gedichte sind prima, Modelleisenbahnen auch. Aber leider fehlt beiden Massentauglichkeit, sie schließen zu viel und zu viele aus. Im Gegensatz zum Fußball, der zugleich einfach und komplex genug ist, der sowohl extrem emotional als auch extrem analytisch wahrgenommen werden kann. Fußball ist die einzige Sprache, die alle verstehen (auch die, die das Massenereignis Fußball ablehnen und sich ihm entziehen); Fußball spricht alle an und schließt keinen aus (es sei denn, jemand will ausgeschlossen sein). Fußball grenzt keine Schicht aus, keine Region, keine Generation. Und auch kein Geschlecht.

Deutsche Fans: Fußball als Bindemittel
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Deutsche Fans: Fußball als Bindemittel

Das ist nichts Neues, es fällt nur gerade besonders auf, weil bei den rauschhaften Kollektiverlebnissen der vergangenen WM-Wochen, dieser großflächigen wie geschlechtsübergreifenden Fußballparty der Deutschen, inzwischen so viele Frauen unter die Männer geraten sind. Manche vergleichen den Jubel-Trubel schon mit Love Parade und Karneval. Die Kommerzialisierung des Fußballs sorgt seit Jahren dafür, dass auch Frauen als Zielgruppe erschlossen werden. Aber Frauen haben auch selbst entschieden, dabei sein zu wollen und das Faszinosum Fußball zu erkunden.

In der Regel projizieren sich Frauen dabei nicht ständig selbst aufs Spielfeld. Sie sind viel öfter frei vom männlichen Drama, eigene, gelegentlich offenbar sehr traumatisch beendete Fußballkarrieren in jungen Jahren verarbeiten zu müssen. Darüber hinaus aber sind Frauen auch Menschen und so treibt sie zum Fußball, zumal dem Fußball als Gigaparty, all das, was auch Männer treibt. Der Mensch, männlich wie weiblich, ist gern Teil von etwas, und möchte das auch ab und an ausleben. Dazu braucht er andere, die auch Teil von etwas sein wollen. Also wollen auch Frauen mit anderen zusammen sein, fachsimpeln, Bier trinken, mitreißende Spiele sehen, Tore bejubeln, gewinnen und im Gemeinschaftsgefühl versinken.

Am besten funktioniert Fußball als Bindemittel während einer WM (oder EM), weil hier die Spiele derart komprimiert sind, dass sie zu einem einzigen Ereignis werden. Einem, das schon explizit als Kollektivakt angelegt ist. Die Spieler spielen für ihr Land und seine Menschen, die sich ihrerseits als Fans ihres Teams exponieren und so sind am Ende überall alle ein großes Wir. Du, ich und Philipp Lahm – wären fast zusammen Weltmeister geworden. Oder wie Christoph Metzelder nach der Halbfinalniederlage gegen Italien sagte: "Wir haben diesen Traum gelebt."

Aber viel Ahnung von Fußball haben sie nicht, die Frauen. Hieß es schon immer und heißt es auch noch. Das stimmt. Bei vielen Frauen. Und ist auch nicht anders zu erwarten, denn es stimmt auch bei vielen Männern. Wer je unter Männern Fußball geguckt hat, weiß, dass viele, die sehr, sehr viel Fußball gucken, sehr, sehr viel Unsinn über Fußball erzählen. Warum auch nicht? Es ist Teil des Vergnügens, dass jeder nach seiner Fasson und seinem Niveau daherredet. Niemand muss perfekt sein, so sind ja nicht mal die weltbesten Trainer und weltbesten Spieler. Dass der Austausch sowohl von Sinnigem als auch Unsinnigem das Fußballgucken erst komplett macht, dürfen Frauen genauso für sich in Anspruch nehmen wie Männer.

Bleibt nun diese alle erfassende Massenbegeisterung oder - wie es Monica Lierhaus so schön erfunden hat - der "Euphorismus" für den Fußball über die WM hinaus bestehen? Natürlich nicht. Weder bei all den Frauen noch bei all den Männern auf all den Partymeilen und vor all den Fernsehern mit ihren Rekordeinschaltquoten. Die meisten Menschen feiern nicht 365 Tage im Jahr und interessieren sich auch nicht 24 Stunden am Tag für Fußball (außer ungefähr die Hälfte der Männer).

Fußball im Alltag ist etwas anderes als der Kollektiv-Kick WM. Er ist permanenter Umgang mit Enttäuschungen und Niederlagen, die von Erfolgen unterbrochen werden, denen wieder Enttäuschungen und Niederlagen folgen. So gesehen, sind im echten Leben erstaunlich viele Männer Fußballfans. Und Frauen erst!



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