Fußball-Euphorie in Albanien Lauter kleine Briegels

Seit Hans-Peter Briegel die albanische Fußball-Nationalmannschaft trainiert, geht es bergauf für den einstigen Fußballzwerg. Der Deutsche wird wie ein Popstar verehrt. Der Sieg in der WM-Qualifikation gegen Otto Rehhagels Griechen machte Briegel sogar zum Nationalhelden.

Von Tobias Schächter


Albanischer Nationaltrainer Briegel: "Wo bleibt er denn?"
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Albanischer Nationaltrainer Briegel: "Wo bleibt er denn?"

Tirana - Dem Besucher aus Albanien hatte es geschmeckt: geräucherte Ballotine vom Pfälzer Täubchen mit Morcheln, serviert in der "Krone". Von den Wänden lachen bekannte Pfälzer: Kurt Beck, Helmut Kohl und auch Hans-Peter Briegel selbst, die Lauterer Ikone. Hierhin lädt Briegel, der heute Nationaltrainer Albaniens ist, die Fußball-Funktionäre des Balkanlands gerne ein. Gern erzählt das FCK-Idol das Ende der Geschichte nicht, aber sie gehört zum Leben und zum Fußball in Albanien dazu: Der Gast, Präsident eines Erstligisten, wurde zwei Wochen später tot aufgefunden. Erschossen in einem Lokal in Mazedonien.

Tirana, Albanien im Herbst. Die Mercedes-Dichte ist so hoch wie in Stuttgart. Die Wagen brettern durch unzählige Schlaglöcher vorbei an Bauruinen und Autowracks. Ein paar Meter weiter: proppenvolle moderne Cafes, wie sie auch in Berlin oder Rom zu finden sind. Vor dem "Sheraton" schlafen Kinder auf Pappdeckeln. Das offizielle Durchschnittseinkommen beträgt geschätzte 1800 Dollar im Jahr, und jeder Zweite im 3,1-Millionen-Einwohner-Land soll keine Arbeit haben. Fast 50 Jahre waren die Menschen von der "Partei der Arbeit" des Stalinisten Enver Hoxha weggesperrt, und vielen Älteren stehen die enttäuschten Hoffnungen ins Gesicht geschrieben, die es seit der Revolution vor 14 Jahren zuhauf gab.

Doch die Jugend ist neugierig auf das Leben. Mädchen flanieren grell geschminkt und kurz berockt durch die Hauptstadt. Die Jungen in den Del-Piero- und Vieri-Trikots träumen davon, den Schönheiten eine Zukunft zu bieten, wie es die Fußballer des Landes ihren Auserwählten ermöglichen. Langfristig will das Land, dem Schattenwirtschaft und mafiöse Strukturen nachgesagt werden, in die Europäische Union, hin zu den Fleischtöpfen Europas, an denen seine Kicker längst angekommen sind.

Durres, albanische Adria. Noch zwei Tage bis zum Start der Qualifikationsspiele zur WM 2006. Für die in die Jahre gekommene Generation der Nationalspieler um die Bundesligaprofis Ervin Skela (Bielefeld) und Altin Lala (Hannover) ist es die letzte Chance, erstmals an einem Großturnier teilzunehmen. Neben der Türkei, Kasachstan, Dänemark und der Ukraine messen sich die heimstarken Albaner zum Auftakt mit den stolzen Europameistern Griechenlands von Trainer Otto Rehhagel. Und Hans-Peter Briegel ist nervös. Nicht, weil ihm ausgerechnet Erzfeind Rehhagel die Punkte klauen will. Nein, Briegel will trainieren. Für vier Uhr war die Übungseinheit angesetzt. Jetzt ist es schon halb fünf und Briegel sauer. "Wo bleibt der denn?", fragt er gereizt. Fatos Nano, der Ministerpräsident, hat sich angesagt. Acht Fernsehkameras und zwanzig Journalisten warten. Zwei Türken wollen ihre Akkreditierung abholen, aber werden ständig an jemand anderes verwiesen.

Dann endlich hält eine Armada deutscher Nobelkarossen Einzug. Nano betritt rauchend und umringt von Leibwächtern die Szene, empfangen mit freundlichem Applaus und den Küsschen von Verbandsboss Armand Duka. Der kleingewachsene Staatslenker Nano und der schwerreiche Multi-Unternehmer Duka nehmen Briegel in ihre Mitte. Nano appelliert an die Ehre der Spieler vor dem großen Spiel gegen den ungeliebten Nachbarn. Die Solidarität des albanischen Volkes verspricht er - und mehr: 500.000 Dollar für einen Sieg, die Hälfte bei einem Remis. Applaus. "Wo das Geld herkommt, fragt man lieber nicht", wird Altin Lala von Hannover 96 später sagen. Duka bedankt sich artig, und auch Briegel spricht Worte des Dankes.

Hektisches Duell: Der Grieche Karagounis (r.) wird vom albanischen Spieler Duro bedrängt
AFP

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Als der Übersetzer die Worte des Deutschen nicht laut genug auf Albanisch wiederholt, rammt Duka diesem seinen Ellbogen in den Bauch. Sofort wird die Stimme lauter. Nano lacht und klatscht. Noch ein Abschlussbild, ein Küsschen hier, ein Küsschen da - der Ministerpräsident steckt sich erstmal eine Zigarette an, bevor er sich wieder in seinem schwer bewachten Palast verschanzt. "Das ist Albanien", sagt Briegel mit einem Augenzwinkern. Das Training beginnt anderthalb Stunden später als vorgesehen.

Am nächsten Tag steht in allen Zeitungen, wie viel Geld Nano den Fußballern des bettelarmen Landes versprochen hat. Zuletzt sah sich die Regierung noch Demonstrationen der darbenden Bevölkerung ausgesetzt, weil sie die Preise für Strom, Wasser und Telefon erhöhte. Aber niemand regt sich über die exorbitante Prämie der Kicker auf. Die Vorfreude auf das Fußballspiel ist zu groß. Endlich nämlich haben sie was zu tun, die vielen, die sonst nicht wissen, was sie mit den 24 langen Stunden eines Tages anfangen sollen. Jetzt beginnen sie unaufhörlich hupend mit ihren ramponierten Kutschen durch die Straßen Tiranas zu kreisen.

Aus den Fenstern weht die albanische Flagge, der doppelköpfige, schwarze Adler auf rotem Grund. "Erfolge der Fußballer sind wichtig für die Menschen. Sonst haben sie ja nicht viel", sagt Vaso Bakallbashi, Redakteur beim "Sport Ekspres". Zu tausenden sind Albaner aus dem Kosovo, aus Mazedonien und aus Griechenland gekommen. Ein Ticket haben sie nicht. Die meisten werden das Spiel nicht im Stadion erleben, bei Preisen von 50 bis 150 Euro auf dem Schwarzmarkt. Aber sie sind siegesgewiss.



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