Deutschland verliert EM-Finale in Wembley Diese Tränen werden trocknen

Sie haben gespielt, gekämpft, Rückschläge verdaut – und verloren. Doch für die deutschen Fußballerinnen kann es künftig als Team noch viel weitergehen. England indes feiert eine Trainerin mit goldenem Händchen.
Alexandra Popp tröstet Tabea Waßmuth

Alexandra Popp tröstet Tabea Waßmuth

Foto: Sebastian Christoph Gollnow / dpa

Freuden- und andere Tränen: Am Ende lagen sie sich alle in den Armen. Die Engländerinnen, freudetrunken über den ersten EM-Titel ihrer Geschichte, bereit dazu, im weiten Rund des Wembley-Stadions mit Zehntausenden gemeinsam »Sweet Caroline« anzustimmen und eine große Fußball-Party zu feiern. Und die Deutschen, abgekämpft, niedergeschlagen. Ihr Weg endete erst in der 110. Minute des Endspiels, doch er endete – für den Moment. Lange verharrten die TV-Kameras auf Alexandra Popp, der verhinderten Torjägerin, die Mitspielerin Tabea Waßmuth mit einer langen Umarmung tröstete. Es war auf bittersüße Art doch ein passendes Ende für eine DFB-Auswahl, die bei dieser EM über den gespielten Fußball hinaus beeindruckt hatte.

Das Ergebnis: 2:1 setzten sich die Engländerinnen im EM-Endspiel durch. Nach 90 Minuten hatte es 1:1 gestanden, dann traf Kelly ins Herz der DFB-Auswahl. Lesen Sie hier den Spielbericht.

Ohne die Chefin: Die Hiobsbotschaft erreichte die deutschen Fußballfans erst, als die TV-Kameras bereits zu den Spielerinnen in den Tunnel schwenkten. Dort machte sich Leah Williamson bereit, ihre Lionesses als Kapitänin aufs Feld zu führen – doch wo war Alexandra Popp? Die deutsche Spielführerin hatte eben noch für das Mannschaftsfoto Modell gestanden. Nun fehlte Popp, an ihrer Stelle trug Svenja Huth die Binde am Arm. Dann machte die Mitteilung des DFB aus der Befürchtung Gewissheit: Eine Muskelverletzung aus dem Training stoppte die Doppeltorschützin des Halbfinalspiels, der Härtetest beim Aufwärmen verschaffte Gewissheit. In Wembley musste es ohne Popp gehen, für sie rückte Lea Schüller in die Sturmspitze.

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Die erste Hälfte: Nur: Wie sollte es gehen gegen die Engländerinnen, die Norwegen 8:0 deklassiert hatten, Schweden 4:0 geschlagen, die vom Gros der 87.192 Zuschauerinnen und Zuschauer im Hexenkessel Wembley nach vorn gebrüllt wurde? Schwer ging es. In der Anfangsphase fand England immer wieder Sturm-Institution Beth White, die mal Merle Frohms' Torwartspiel per Kopfball (4.), mal die Standfestigkeit der deutschen Keeperin per Rempler (6.) prüfte. Es war schon jetzt ein Kampfspiel, jede warf sich in jeden Ball, Lucy Bronze' Kopfball-Rettungstat beim Schuss vom Sara Däbritz war dem ein Spiegelbild (10.). Vor lauter Ruppigkeit blieben die Tore allerdings aus.

Die müßigste Diskussion: Das jedoch hätte sich mit nur einem Pfiff ändern können: Nach einer deutschen Ecke balgte sich die aufgerückte Marina Hegering mit einem halben Dutzend Engländerinnen am Fünfmeterraum um den Ball, irgendwo im Gewühl touchierte auch der Arm von Englands Kapitänin Williamson die Kugel. Das war Schiedsrichterin Kateryna Monzul zwar keinen Pfiff, dem deutschen TV-Bild aber zahlreiche Wiederholungen wert. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wählte in der Analyse später den goldenen Mittelweg: »Handspiel. Muss man sehen«, ordnete sie die Szene knapp ein, fühlte sich aber nicht um ein Tor oder gar den Titel betrogen: »Natürlich ist das blöd. Aber ich möchte nicht auf einer Situation rumreiten«.

Der Ball liegt auf Leah Williamsons Arm – ein Strafstoß also auf der Hand?

Der Ball liegt auf Leah Williamsons Arm – ein Strafstoß also auf der Hand?

Foto:

Michael Regan / Getty Images

Die zweite Hälfte: Die englische Härte blieb, die DFB-Elf verstand sich nun auch besser darauf, dem Ganzen die eigene Körperlichkeit entgegenzusetzen. Manchmal etwas zu sehr: Lena Oberdorf und Stürmerin Schüller sahen innerhalb von Sekunden jeweils die Gelbe Karte (58.), Mead antwortete mit einem harten Einsatz gegen Hegering – und verletzte sich dabei. In Unterzahl erzielte England durch die eingewechselte Ella Toone nach schickem Steilpass von Keira Walsh per Lupfer die Führung (62.), dann ersetzte Wiegman Mead mit einer gewissen Chloe Kelly. Deutschland kam durch die nun immer stärker werdende Lina Magull zwar noch einmal ins Spiel zurück (79.), doch die englischen Einwechslerinnen sollten den Unterschied machen.

Die Titelverteidigerin: Sarina Wiegman hatte nicht nur im Endspiel das goldene Händchen, die Niederländerin hat eine geradezu goldene Handschrift, wenn es um Europameisterschaften geht. Vor fünf Jahren hatte Wiegman noch Oranje zum Titel bei der Heim-EM geführt, nun gelang der pragmatischen Perfektionistin dasselbe Kunststück mit England – und gewann jedes einzige Spiel bei beiden Turnieren.

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Die Verlängerung: Die letzten 30 Minuten eines solch intensiven Schlagabtauschs werden gern mit »schweren Beinen« beschrieben, Spielereignisse ins Reich des Zufalls verbannt. Dieses Endspiel war anders, die Spannung blieb hoch, die Teams organisiert. Nur die Torchancen blieben rar. So entschied am Ende doch das berühmte Quäntchen Glück: Nach einer Ecke tropfte Kelly, die zuvor schon lautstark das Publikum animiert hatte, der Ball vor die Füße. Die 24-Jährige spitzelte den Ball ins Tor – und musste das tobende Wembley-Stadion danach nicht zweimal um Lautstärke bitten.

Wider jeder Wahrscheinlichkeit: »Unlikely hero« nennen sie es in England, wenn sich jemand zu Heldentaten aufschwingt, der dafür nie hätte infrage kommen sollen. Chloe Kelly ist so jemand: Bei der EM war die Stürmerin von Manchester City nur Ersatz. Wie sollte sie es auch an Mead vorbeischaffen, die mit sechs Toren und fünf Assists zur Spielerin des Turniers gewählt wurde? Noch dazu frisch von einem Kreuzbandriss genesen, erst im April hatte Kelly ihr Comeback gegeben. »Du verlierst alles, die Fähigkeit, zu laufen oder selbst auf die Toilette zu gehen«, blickte Kelly jüngst auf ihre Reha zurück . Nun hatte sie, hatte die englische Mannschaft alles gewonnen – weil Trainerin Wiegman die verletzte Mead vom Feld nahm und Kelly brachte, die Siegtorschützin in der Verlängerung. Die unwahrscheinlichste Heldin.

Nichts hält sie mehr: Chloe Kelly wurde nach langer Leidenszeit zur Spielentscheiderin

Nichts hält sie mehr: Chloe Kelly wurde nach langer Leidenszeit zur Spielentscheiderin

Foto: PETER CZIBORRA / REUTERS

They're coming home: Was von diesem Turnier bleibt, das höchst ansehnlichen Fußball, Kampfgeist und große Dramatik auf die große Bühne brachte, muss die Zeit zeigen. Die Deutschen jedenfalls dürfen sich nicht Europameisterinnen nennen, am Montagnachmittag (16.10 Uhr, TV: ARD) bei der Rückkehr nach Deutschland auf dem Frankfurter Römerplatz aber zu Recht für große Leistungen feiern lassen. Und es muss nicht die letzte Party gewesen sein: Jule Brand, 19 Jahre, Oberdorf, 20 Jahre, die im Finale durch Corona verhinderte Klara Bühl, 21 Jahre – die Generation nach Popp hat genug Talent in den Füßen, um auch bei kommenden Turnieren zu glänzen.

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