Fußball-Fans im Abseits Strip vor Staatsdienern

Die Anzahl der Stadionverbote hat stark zugenommen, demnächst werden wohl immer mehr Fans versuchen, mit richterlicher Hilfe ins Stadion zu kommen. Eine Klägerin ist Corinna F. - sie musste sich vor der Polizei komplett ausziehen.

Von René Martens und Matthias Greulich


Viele Fans fühlen sich angesichts der vielen massiven Eingriffe zu Unrecht von den Behörden kriminalisiert. Auf Demonstrationen "gegen den Sicherheitswahn" formierte sich im gesamten Bundesgebiet zunehmend Widerstand unter dem griffigen Slogan "Fußballfans sind keine Verbrecher". In der gerade beginnenden Bundesligasaison dürften die Proteste weiter zunehmen, denn trotz der friedlich verlaufenen WM glauben in der Fanszene nur wenige daran, dass die als repressiv empfundenen Maßnahmen rückgängig gemacht werden.

Ausgerechnet während der WM erlitten die Sicherheitsbehörden allerdings eine juristische Niederlage. Hauptakteur war die Fifa, Betroffene waren "Los Borrachos del Tablon", eine ultra-ähnliche Gruppierung aus Argentinien. Nach dem Spiel gegen die Niederlande in Frankfurt sahen sich die Südamerikaner auf der Straße von Polizisten umstellt. Ebenfalls angerückt war der örtliche Fifa-Mitarbeiter Gerhard Anhäuser, der gegen die gesamte Gruppe ein Stadionverbot aussprach. Begründung: Beim vorangegangenen Spiel hätten die Fans die Blöcke gewechselt und seien auf Sitze gestiegen.

Die Supporter fochten das Verdikt erfolgreich per einstweiliger Verfügung an. Das Landgericht in Frankfurt fand, die Fans hätten "glaubhaft gemacht, dass tatsächliche Gründe, die die ausgesprochenen Hausverbote auf der Grundlage der Stadionordnung rechtfertigen, nicht bestehen". So waren die Argentinier zum Spiel gegen Deutschland wieder im Stadion. Eine juristische Petitesse? Keineswegs. Der Münchner Rechtsanwalt Marco Noli sagt, das sei der erste ihm bekannte Fall, in dem ein Stadionverbot vor Gericht angegriffen worden sei.

Wahrscheinlich werden demnächst auch immer mehr einheimische Fans versuchen, sich den Zutritt zum Stadion mit richterlicher Hilfe zu erstreiten, denn die Anzahl der Stadionverbote hat stark zugenommen. In den "Richtlinien zur einheitlichen Behandlung von Stadionverboten", zu deren Einhaltung der DFB seine Vereine zwingt, heißt es, dass "unverzüglich und grundsätzlich" ein Stadionverbot verhängt wird, wenn die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens bekannt wird. Die Strafprozessordnung hat an die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens allerdings keine hohen Anforderungen geknüpft, es genügt bereits der so genannte Anfangsverdacht – und schon droht ein bundesweites Stadionverbot, das von den Betroffenen als erhebliche Strafe begriffen wird.

Die DFB-Juristen argumentieren formal. Ein Stadionverbot sei "keine staatliche Sanktion auf ein strafrechtlich relevantes Verhalten, sondern eine Präventivmaßnahme auf zivilrechtlicher Grundlage". Rechtsanwalt Noli entgegnet: "Die DFB-Richtlinien hebeln die Unschuldsvermutung aus. Man sollte einmal darüber nachdenken, gegen wie viele Unschuldige dadurch bereits eine Sanktion verhängt wurde."

Argentinische Fußball-Fans in Hamburg: Stadionverbot fürs Stehen
DDP

Argentinische Fußball-Fans in Hamburg: Stadionverbot fürs Stehen

Bislang prozessieren Fußballfans selten – was durchaus nachvollziehbar ist. "Der größte Teil derer, die einen Grund dafür hätten, sind zu jung, um sich das finanziell leisten zu können", erklärt der Dresdner Rechtsanwalt Jörg Freund. Er vertritt die Gymnasiastin Corinna F., eine Dynamo-Anhängerin, die eigentlich auch keine Prozess- und Anwaltskosten tragen kann. Ein älterer Kumpel ist allerdings solvent genug – und so kam es, dass noch kurz vor der WM ein sehr unappetitlicher Vorfall in den Fanszenen der Republik Aufmerksamkeit erlangte.

Die Vorgeschichte der Klage: Im März 2005, an einem Freitagabend, begleitet Corinna, damals 16 Jahre alt, ihre Mannschaft zu einem Spiel nach Saarbrücken. Der Trip in die Ferne verläuft normal, bis sie vor dem Stadion von der Polizei aufgefordert wird, sich für eine Durchsuchungsmaßnahme in ein eigens dafür aufgebautes Zelt zu begeben. Dort muss sie sich schließlich in Gegenwart zweier Beamtinnen komplett entkleiden. Ihr Mentor, der für die Prozesskosten aufkommt, war damals auch vor Ort. Er weiß von "mehr als 20" Frauen, die ebenfalls den Blick unter Slip und BH hätten frei geben müssen, auch eine zirka 50-Jährige sei darunter gewesen.

Wer unverdächtig ist, ist verdächtig

Ende Mai 2006 weist das zuständige Verwaltungsgericht Corinnas Klage gegen die Landespolizeidirektion Saarland ab. Die Maßnahme gegen den Teenager sei "erforderlich" und "verhältnismäßig" gewesen, denn es habe "lediglich eine Nachschau nach Fremdkörpern in der Kleidung und eine Beschau des unbekleideten Körpers stattgefunden" – jedoch keine "Inaugenscheinnahme von natürlichen Körperöffnungen".

Laut Gericht hatten Dresdner Polizisten die Kollegen in Saarbrücken darüber informiert, dass erfahrungsgemäß "unverdächtige Dynamo-Fans" Waffen, Rauchpulver und Signalmunition transportieren würden. Der Kreis dieser "Unverdächtigen" umfasse "unscheinbare, jüngere oder ältere und insbesondere weibliche Personen", die man normalerweise nicht "der gewalttätigen Fanszene" zuordne.

Wer unverdächtig ist, ist verdächtig – George Orwell hätte diese Theorie der saarländischen Rechtshüter bestimmt inspiriert. Das Verwaltungsgericht vertritt die Position, Corinna habe "dem Profil der Transportklientel voll und ganz entsprochen": unscheinbar, jung oder alt, und insbesondere weiblich. Derzeit hofft Corinna, dass ihre Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts zugelassen wird.

Lesen Sie morgen im dritten und letzten Teil der Serie: Wieso ein HSV-Fan monatelang wegen einer Schlägerei, die nie stattgefunden hat, in Untersuchungshaft saß und seinen Job verlor und warum in München die Kollektivstrafe wieder eingeführt wurde.



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