Fußball-Ikone Gerd Müller Hauptsache drin

Nur auf dem Fußballplatz fühlte sich Gerd Müller wohl. Dort empfand der Münchner Freiheit. Irgendwann aber war die Spielzeit vorbei, die Probleme des Mittelstürmers begannen. Gerade noch bekam er die Kurve. Morgen wird der treffsicherste deutsche Spieler 60 Jahre alt.

Von Clemens Gerlach


Glamour und Glitzer waren Gerd Müller schon immer zuwider. Und deshalb wird der Rekordschütze der Bundesliga auch seinen 60. Geburtstag im kleinen Kreis begehen. "Ich brauche keine Gala, für mich ist das ein Tag wie jeder andere", sagt Müller. Er wolle mit Verwandten und Freunden feiern und sonst seine Ruhe haben. Martialisch als "Bomber der Nation" wurde der gedrungene Mann mit den kräftigen Oberschenkeln tituliert, doch Müller konnte mit solchen Worthülsen nie etwas anfangen. Die Überhöhung seines Tuns auf dem Rasen war ihm unangenehm. Er spiele doch nur Fußball, sagte er immer wieder, fast abwehrend, mehr nicht. Seine Aufgabe sei es, Tore zu schießen, das habe er gemacht. Fertig, aus.

Goalgetter Müller (1974): "Instinkt musst du haben"
DPA

Goalgetter Müller (1974): "Instinkt musst du haben"

Treffsicherer als er war kein deutscher Spieler. Müller glänzte nicht nur in der Bundesliga mit 365 Toren bei 427 Einsätzen, auch auf internationaler Ebene konnte kein DFB-Kicker an ihn heranreichen. "Instinkt musst du haben", sagt er, "Tore schießen kannst du nicht lernen." In 62 Länderspielen traf Müller 68 Mal, bei der Weltmeisterschaft 1970 war er bester Mann. Zehn Treffer schaffte er. "Du musst schnell reagieren", so Müllers lapidarer Kommentar.

Die Bundesliga-Saison 1971/72 war für den Bayern-Stürmer, der nie einem anderen deutschen Proficlub angehörte, die torreichste seiner Laufbahn. "Mancher Rekord wird für immer bleiben", mutmaßt Müller, und wahrscheinlich hat er recht. 40 Treffer glückten ihm damals. Den heutigen Spielern traut Müller so eine Leistung nicht zu. "Es gibt nicht mehr so viele gute Stürmer wie früher", sagt der Welt- und Europameister.

Doch mit mangelnder Qualität hat die inzwischen vergleichsweise geringe Torausbeute der Angreifer wohl weniger zu tun. Müller hatte einfach das Glück in einer Zeit, Fußball spielen zu dürfen, in der der Stürmer noch Stürmer war und nicht der - wie im Kick moderner Prägung - am weitesten vorne positionierte Abwehrspieler. "Die anderen haben mir sehr geholfen", erinnert sich der Goalgetter gern an die Unterstützung seiner Mitspieler. "Kleines, dickes Müller", wie ihn sein erster Bayern-Trainer Tschik Cajkovski nannte, hatte keine Defensivaufgaben zu verrichten. Toreschießen langte, multi-tasking-fähig musste zu Müllers Zeit kein Mittelstürmer sein.



Wie Müller seiner klar definierten Tätigkeit nachging, war allerdings einzigartig, und das nicht nur wegen der Quote. Auf den gelernten Weber aus dem bayerischen Nördlingen traf der Fußballerspruch "Er machte aus keiner Chance zwei Tore" tatsächlich zu. Müller war kein filigraner Stürmer, ihm reichte es, den Ball irgendwie über die Torlinie des Gegners zu befördern. Hauptsache drin. Oft traf er aus der Drehung, drückte den Gegenspieler weg, er liebte das Duell im Strafraum. Klassisch ist Müllers Siegtor im WM-Finale 1974 gegen die Niederlande, als er Ruud Krol düpierte und an Torwart Jan Jongbloed vorbei einschob.

"Ich habe viele schöne Dinge erlebt, kein Endspiel verloren. Dieser Titel aber war der Höhepunkt", sagt der siebenmalige Bundesliga-Torschützenkönig, dem es insgesamt vier Mal glückte, fünf Treffer in einer Partie der höchsten deutschen Spielklasse zu erzielen. "Alle unsere Erfolge wären ohne ihn nicht möglich gewesen. Gerd haben wir alles zu verdanken", huldigte unlängst Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, der Anfang September selbst 60 Jahre alt geworden war, seinem langjährigen Mitspieler in Verein und Nationalmannschaft.

"Ich habe gelitten, sehr gelitten"

Bayern-Manager Uli Hoeneß hatte schon vor vielen Jahren bewiesen, dass der Münchner Club verdienstvolle Spieler nicht hängen lässt. Als Müller große Alkoholprobleme hatte, war es Hoeneß, der seinen einstigen Mannschaftskollegen unterstützte und ihn dazu drängte, eine Entziehungskur zu machen. Müller, der nach seiner Zeit in Deutschland 1979 nach Amerika gegangen und dort geschäftlich gescheitert war, willigte ein. Hoeneß verschaffte Müller zudem Anfang der neunziger Jahre einen Job beim FC Bayern.

Zunächst arbeitete Müller als Torwarttrainer, danach als Assistent bei den Amateuren des deutschen Rekordmeisters. "Gott sei Dank ist alles gut gegangen", sagt er heute, "ich habe gelitten, sehr gelitten. Und ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich es wohl nicht geschafft." Kürzlich wurde sein Vertrag als Co-Trainer des Regionalliga-Coaches Hermann Gerland bis 2010 verlängert. Dann hat Müller das Rentenalter erreicht. Seinem Club will er auch danach verbunden bleiben. "Ich werde schon jeden Tag vorbei kommen und gucken, was so passiert. Das ist doch hier meine Welt."



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.