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Fußball und Hexerei in Afrika: Besuch im Schattenreich

Foto: Thilo Thielke/Verlag DIE WERKSTATT

Fußball in Afrika Hexer, Heiler, Scharlatane

Die Geister der Ahnen verraten die Rezepte, die Kranke gesund machen und Fußballspiele entscheiden sollen: In Afrika sind Hexenmeister gefürchtet und verehrt. Thilo Thielke hat in Uganda den vermeintlichen Wunderheiler James Kabogoza besucht.

Machen wir uns auf den Weg zu einem Hexer, um dem Geisterglauben der Afrikaner wenigstens etwas näherzukommen. Mein ugandischer Kollege Henry Lubega, der für die Tageszeitung "New Vision" in Kampala arbeitet, hat mir schon vor langer Zeit von den Umtrieben der traditionellen Heiler erzählt. Nun dränge ich ihn, mich doch endlich einmal mitzunehmen.

Unsere Fahrt führt an den Stadtrand von Kampala, in ein kleines Dorf am Hang eines Hügels gelegen. Die meisten Häuser hier sind unscheinbare einstöckige Backsteinbauten mit Wellblechdächern. In der Mitte des Dorfs duckt sich hinter einer gewaltigen Hecke und einer Einfriedung aus Bambusstäben eine kleine Rundhütte aus Lehm und Reisig. Vor der Hütte staksen dreiundzwanzig Speere in der roten Erde, daneben wuchern Bananenstauden. Ein Äffchen zerrt unmittelbar neben der Hütte an seiner Kette. In dieser Welt hält der Chief Hof, der "traditional healer" James Kabogoza Ijjaja Ida'Baana Mukiguoa Ilya Muwanga. James Kabogoza Den-Rest-sparen-wir-uns-der-Einfachheit-halber bittet uns in sein Reich. Er hat offenbar schon auf uns gewartet, nun weist er mit einer einladenden Handbewegung zum niedrigen Eingang seiner Hütte. Wir müssen uns ducken. Nur mühsam gewöhnen unsere Augen sich an die Dunkelheit. James nimmt auf einem Leopardenfell Platz, das ausgebreitet auf dem Boden liegt, wir sitzen ihm gegenüber. Wir sind im Reich der Ahnen gelandet, und es sieht ein bisschen aus wie bei Harrys Hafenbasar. Überall liegen Tierfelle, Kalebassen, Masken, Trommeln, Glöckchen aus Messing oder Bronze herum.

James hat sich einen braunen Lederumhang über sein blauweißrotkariertes Holzfällerhemd geschlungen. An seinen nackten Füße scheppern Kupferringe, um die Stirn hat er sich ein mit Muscheln verziertes Band gebunden. In der Hand trägt er einen Stock, den ein Strauß von Vogelfedern und ein paar Kaurimuscheln schmücken. Es ist das Zeichen seiner Würde als Hexenmeister. Diese Würde und das Geheimwissen werden vom Vater auf den Sohn vererbt. James ist zweiundfünfzig Jahre alt, er gehört zum Stamm der Buganda, er ist bereits in der fünften Generation Heiler.

Über die Tiere zu den Ahnen sprechen

An manchen Tagen muss es hier zugehen wie im Taubenschlag, "dann kommen 20, 30 Leute", behauptet der Heiler, "und an anderen kommen bloß sieben". "Die meisten, die zu mir kommen, haben Sorgen", sagt James, "manche kommen direkt aus dem Krankenhaus, weil sie den Ärzten nicht trauen, viele haben Zuckungen und Schaum vor dem Mund, manche fiebern, anderen wachsen Dinge aus dem Bauch, sie winden sich in Krämpfen, manche wollen ihre Ahnen nur besänftigen, manche haben Angst vor den Prüfungen des Lebens, manche sorgen sich, dass die Frau fremdgeht, statt sich um die Kinder zu kümmern, und andere, dass ein wichtiges Fußballspiel verloren geht."

Zum Beispiel die Leute da draußen, vor der Tür. Da sitzt eine kleine Familie. Der Sohn sei krank, sagt die Mutter. Niemand weiß, was er hat. Er isst nichts mehr. Er ist blass. Er hat Schmerzen. Und niemand kann helfen. Aber ausgerechnet James weiß, was diesen Menschen fehlt? Was ihnen helfen kann? "Nein, die Ahnen wissen es." Die Ahnen? "Ich rufe die Ahnen. Ich gebe ihnen etwas zu trinken, hier aus dieser Kalebasse. Ich tröpfele etwas Flüssigkeit auf den Boden, und die Ahnen kommen und trinken, dann ist ihr Durst gelöscht."

Wo sind die Ahnen? "Sie sind in den Tieren. In der Python lebt der Geist Magobwe, im Leoparden lebt Kyomya, im Löwen lebt Dungu, im Affen lebt Bwagu. Ich kann die verschiedenen Geister anrufen. Ich gehe hinaus zu dem Affen und nehme zu Bwagu Kontakt auf, ich sitze hier auf dem Leopardenfell und nehme zu Kyomya Kontakt auf. Habt ihr die Speere gesehen?" Draußen vor der Hütte? "Durch jeden dieser Speere können die Ahnen zu mir sprechen. Ihre Kraft überträgt sich über die Speere auf mich, und ich kann damit die Dämonen vertreiben."

Welche Dämonen denn? "Die bösen Geister, die von den Menschen Besitz ergriffen haben." Den Kranken, die zu Ihnen kommen? "Ja, denen verschreibe ich eine Kräutermischung, und das hilft dann." Jedem die gleiche Kräutermischung? "Wo denken Sie hin? Jeder bekommt sein eigenes Rezept." Und diese Rezepte haben Sie irgendwo? "Nein, die Ahnen verraten Sie mir. Und dann zieht jemand los, in den Wald, und sammelt die Kräuter ein, und ich mische dann hier einen Trunk. Und die Ahnen bekommen Bananenbier."

Und bei Fußballspielen? "Da funktioniert das genauso. Die Geister verraten mir die Rezeptur und sagen, was damit geschehen soll." Wie sprechen die denn? "Die fahren in mich ein und erzählen mir dann, was hilft." Können wir so etwas mal sehen? "Klar, dafür müssen wir nur vor die Tür gehen."

Schellen, Sprüche, Speere - der Hexenmeister zeigt uns, wie man ein Fußballspiel beeinflussen könnte

Draußen wirft unser Heiler zwei kleine Schellen auf den Boden, er hüpft hin und her, murmelt irgendwelche Sprüche, greift sich einen Speer und tanzt im Kreis. Wir nehmen an, dass er jetzt mit seinen Ahnen zusammen ist. Richtig viel will er am Ende allerdings nicht verraten. Wir sind ja auch nicht krank, und ein Fußballspiel möchten wir auch nicht beeinflussen. Ratlos machen wir uns wieder auf den Weg in die Moderne und hoffen, dass der arme Junge, der sich von James behandeln lassen will, nicht an den Kräutern zugrunde geht, die gerade für ihn gepflückt werden.

Hexerei, Voodoo, Witchcraft, Juju, Zauber, traditionelle Heiler, Sangoma - die bösen und die guten Mächte sind in Afrika allgegenwärtig. Wenn ein Kind fiebert, werden die Ahnen befragt, statt ein Malariamedikament zu verabreichen. Wenn ein paar Unglücke sich häufen - Nachbarn erkranken, Häuser niederbrennen, Feldfrüchte verdorren - ziehen die jungen Männer mit Speeren und Macheten los, um Hexen zu jagen.

Treffen kann es fast jeden - die debile Alte, die nachts orientierungslos umherirrt, genauso wie den erfolgreichen Nachbarn. Wer es zu etwas gebracht hat, macht sich schnell verdächtig, mit Zauberern im Bunde zu sein. Überall in Afrika gibt es Dörfer, in die sich vermeintliche Hexen, meist alte Frauen, geflüchtet haben. Allein zwischen 1994 und 1998 sollen nach einer Schätzung des Familienministeriums in Tansania fünftausend Hexen umgebracht worden sein. Tendenz steigend.

Der spirituelle Wahn eskaliert

Besonders in Zeiten großer Umwälzungen, wie sie Afrika derzeit erlebt, eskaliert der spirituelle Wahn. Auch in Europa loderten kurz vor der Aufklärung noch einmal in vielen Regionen die Scheiterhaufen. Gabuns ewiger Präsident Omar Bongo konsultiert vor wichtigen politischen Entscheidungen Féticheure (französisch für Zauberer, Hexer), und Südafrikas ehemaliger, ansonsten recht weltgewandter, Staatschef Thabo Mbkei soll es genauso halten.

Hunderttausende und manchmal sogar Millionen strömen zusammen und versinken in Ekstase, wenn der christliche Hysteriker Reinhard Bonnke auf der Bühne Krüppel mit Zauberformeln kuriert - und zwar in Lagos genauso wie in Khartum. Nirgendwo sonst ist der Glaube an den Heiland so auf dem Vormarsch, schon leben rund 360 Millionen Christen in Afrika - während sich der Rest der Welt verstärkt dem Diesseits zuwendet.

Hedschabs heißen die Amulette, die sich die Rebellen in Darfur vor jeder Schlacht um den Hals hängen, und Gris-gris jene, die der Voodoopriester in Benin segnet. Maii Maii nennen sich die archaischen Krieger des Kongos - nach dem Wasser, in das sich die Kugeln ihrer Feinde angeblich verwandeln, wenn sie den richtigen Zauberspruch aufgesagt haben.

In Ländern wie Nigeria schießen die Kirchen der Pflingstler wie Pilze aus dem morastigen Boden, und Somalia befindet sich im Würgegriff der Mohammedaner von der Union der Islamischen Gerichte. Im nigerianischen Port Harcourt treiben Geiermänner (vulture men) ihr Unwesen und in der Zentralafrikanischen Republik die Krokodilmenschen - Amphibienwesen, die in den trüben Wassern des Ubangi hausen und, wenn sie an Land kommen, allerhand Unheil anrichten.

Hexenkult als Hausmittel gegen das Böse dieser Welt - wenn Voodoo zur Staatsreligion wird

Die Aufklärung hat es nicht gerade leicht in diesem Milieu. "In Benin ist Voodoo Staatsreligion", sagte mir der katholische Religionswissenschaftler Fritz Stenger in seinem Büro in Nairobi, wo er lehrt, "da kommen sie nicht gegen an. Im Prinzip hat der Hexenglauben eine soziale Funktion: Er sorgt dafür, dass niemand aus der Reihe tanzt, dass es keinem besser geht als dem anderen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen."

Eine diffuse Mischung aus Religion und Sozialneid also, aus Naturfrömmelei und Kommunismus?

Längst sprechen afrikanische Intellektuelle wie der kongolesische Philosoph Valentin Yves Mudibe davon, der Hexenglaube sei eines der größten Entwicklungshemmnisse des Kontinents. Neid, Missgunst und Hexerei hält auch der Schweizer Soziologe David Signer, Autor der vielbeachteten Studie "Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt", für das Grundübel und nicht irgendeinen Spleen. Signers These: Hinter dem Hexenglauben verbirgt sich Neid. Wer ihn praktiziert, will nicht wahrhaben, dass der andere es durch Fleiß zu etwas gebracht haben könnte. Lieber schlägt er den Reichen tot, als ihm nachzueifern.

Auch fürs eigene Wohlbefinden scheint es leichter zu sein, finstere Mächte für das Schicksal verantwortlich zu machen, als die eigene Unfähigkeit. "Was die Afrikaner 'Hexerei' nennen, ist keine bloße Phantasmagorie, sondern soziale Realität", schreibt Signer, "Hexerei ist eine Metapher für von Missgunst geprägte Sozialbeziehungen: Es soll dir nicht besser gehen als mir. Auch wenn man den Glauben an fliegende Väter, die nachts ihre Söhne am anderen Ende der Welt heimsuchen und auffressen, nicht teilt, so ist doch die zerstörerische Kraft des Neides im subsaharischen Afrika unübersehbar."

Signer ist so etwas wie ein Pionier. Denn obwohl kaum etwas den Alltag südlich der Sahara so bestimmt und dem Fortschritt so im Wege steht wie Aberglaube und Hexerei, fehlt das Thema meist, wenn irgendwo auf dieser Welt wieder einmal darüber debattiert wird, wie Afrika aus dem Elend zu erlösen sei. Wie viel leichter ist es doch, die Schuld auf irgendwelche Dämonen abzuwälzen - und wenn sie Kolonialismus, kalter Krieg und Kapitalismus heißen oder neuerdings auch Globalisierung, Erderwärmung und Chinesen. Das Prinzip funktioniert bestens.