Fußball in Argentinien Tod bei Kilometer 94,5

Die Gewalt ist ein verlässlicher Begleiter des argentinischen Fußballs. Die Kurven werden von streng hierarchisch geführten Banden kontrolliert, die im Waffen- und Drogenhandel aktiv sind. Die Polizei ist machtlos, die Vereine kooperieren mit den Hooligans.

Von Andrés Garavaglia und Helmut Krähe


Fans von River Plate: Oft endet Begeisterung in Brutalität
AP

Fans von River Plate: Oft endet Begeisterung in Brutalität

Man wird später von einem unglücklichen Zusammentreffen sprechen, das dem 26-jährigen Claudio Ponce das Leben gekostet hat. Aber das macht den Anhänger der Newell's Old Boys auch nicht wieder lebendig. Mit 400 anderen Newell's-Anhängern hat sich Ponce am Sonntag im April 2003 in die Busse gesetzt, um ins 300 Kilometer entfernte Buenos Aires zu fahren, wo ein Ligaspiel gegen die Boca Juniors ansteht. Während der Fahrt schauen die Fans immer mal wieder aus dem Fenster, denn sie haben den Spielplan gelesen und wissen genau, dass an diesem Morgen auf der Gegenfahrbahn der Autobahn "Panamericana" die Fans von River Plate unterwegs zu ihrem Ligaspiel bei Rosario Central sein müssen.

Und bei Kilometer 94,5, nahe einer Autobahnmautstelle, ist es um 13 Uhr 30 so weit: Acht River-Busse treffen auf sechs von Newell's. Als starke Polizeimannschaften eine halbe Stunde später am Tatort eintreffen, finden sie dort ein riesiges Menschenknäuel von kämpfenden Fans vor, die mit Messern, Schlagringen und abgebrochenen Bierflaschen aufeinander einschlagen. Auf dem Asphalt liegen die Verletzten am Boden, werden von den Gegnern weiter traktiert oder von Freunden versorgt. Nur mit viel Mühe gelingt es der Polizei, das Geschehen unter Kontrolle zu bekommen und 900 Menschen festzunehmen. Wie viele entkommen sind, weiß niemand.

Bei der anschließenden Durchsuchung von Personen und Fahrzeugen werden Messer, Revolver und alle möglichen Arten von Schlagwaffen sowie große Mengen Bier und Schnaps gefunden. Für Claudio Ponce kommt die Polizei zu spät. Ihm wurde die Kehle durchgeschnitten, offenbar mit einem abgebrochenen Flaschenhals, als er nach einigen Messerstichen verletzt am Boden lag. Die Verletzten kommen in nahe gelegene Krankenhäuser, wo einer von ihnen stirbt: Bei Claudio Pucheta, 29, werden eine Schussverletzung im Kopf sowie diverse Schlag- und Schnittspuren am Körper festgestellt.

Um weitere Probleme zu vermeiden, finden beide Partien wie geplant statt. Nur auf den jeweiligen Gästetribünen künden große Löcher von den schrecklichen Ereignissen Stunden vorher. Am Tag danach werden erste Ermittlungsergebnisse bekannt, Erklärungen gesucht, Kommentare abgegeben. Beide Fangruppen geben sich gegenseitig die Schuld: "Die anderen haben angefangen, wir haben uns nur gewehrt."

Die anderen waren Schuld. So etwas ist oft zu hören, im argentinischen Fußball. Denn die Gewalt ist seit der Einführung der Profiliga im Jahre 1931 ein steter Begleiter des Spielbetriebs. Bis Anfang 2002 sind rund 170 Fußballfans ermordet worden, und die Tendenz ist rasant ansteigend. Die getöteten Anhänger wurden Opfer der Rivalitäten zwischen Fanclubs wie "La 12", der zwölfte Mann von Boca Juniors, oder "Los Borrachos del Tablon", den Besoffenen von der Theke, vom Erzrivalen River Plate.

Diese Gruppen haben mit den geselligen Clubs, wie es sie in Deutschland gibt, nur wenig gemein. Sie haben mehrere tausend Mitglieder, sie sind gewalttätig, ihre Führer mischen nebenher im Waffen- und Drogenhandel mit und wenn es denn sein muss, ist auch der Mord an Anhängern gegnerischer Vereine kein Tabu. Stellvertretend für viele andere Anführer steht Miguel Barrita, alias "El Abuelo" (Der Großvater), der mittlerweile verstorbene Anführer von "La 12", der für sein eisernes und skrupelloses Regime gefürchtet war.

Hitziges Duell: Die Newell's Old Boys Adinolfi (l.) und Re (r.) gegen River Plates Salas
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Hitziges Duell: Die Newell's Old Boys Adinolfi (l.) und Re (r.) gegen River Plates Salas

Barrita wurde nicht nur beschuldigt, die Ermordung von zwei River-Plate-Fans im Jahre 1996 angeordnet zu haben, auch der Tod zweier weiterer River-Anhänger, die 1994 nach einem 2:0-Sieg von River Plate im "Superclásico" genannten Derby gegen Boca umgebracht wurden, wird ihm zugerechnet. "Wir haben ausgeglichen", sagte damals ein maskierter Boca in Anspielung auf das verloren gegangene Spiel im argentinischen Fernsehen. Solch eine Logik gefiel Barrita.

Die Geschichte der organisierten Gewalt in den Fußballstadien beginnt wie in Europa in den sechziger Jahren. Zwar gab es schon beim ersten Superclásico im Jahre 1913 Krawalle, bei denen die Polizei eingreifen musste, doch erst die Hooligan-Bewegung, die aus England über den Teich schwappte, ließ die wilden Prügeleien zu organisierten Bandenkriegen mutieren. Anders als in Europa wurde dabei keine Rücksicht auf Unbeteiligte genommen. Fast zwangsläufig kam es so zu Katastrophen wie am 23. Juni 1968 in River Plates Monumental Stadion, wo eine Massenpanik unter den Zuschauern 74 Tote forderte. Boca-Anhänger hatten brennende Zeitungen in die Menge geworfen.

Überhaupt erwiesen sich die Boca-Anhänger oft als Schrittmacher der Fan-Gewalt. Im Jahre 1986 reisten sie der argentinischen Mannschaft zur Weltmeisterschaft nach Mexiko hinterher. Als Argentinien im Viertelfinale auf England traf und sich die Medien im Vorfeld an Analogien zum Falkland-Krieg vier Jahre zuvor überboten, fielen englische und argentinische Fans übereinander her. Während dieser Schlachten erbeuteten die Boca-Fans zahlreiche englische Fahnen und präsentierten sie nach der Rückkehr dem heimatlichen Publikum als "Kriegstrophäen". Da wollten die anderen Fangruppen nicht hintenanstehen und überboten sich fortan im bizarren Wettlauf um möglichst brutale Aktionen, der Diebstahl von Fahnen inklusive.



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