Krise der großen vier Zwei Milliarden Euro für die Rettung des türkischen Fußballs

Die Finanzkrise in der Türkei wirkt sich auf den Fußball aus. Etliche Klubs sind kaum mehr in der Lage, ihre Schulden zu begleichen. Nun soll ein Notprogramm helfen.

Stadion von Besiktas Istanbul
imago/ Seskim Photo

Stadion von Besiktas Istanbul

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Jahrzehntelang dominierten vier Klubs den türkischen Fußball: Die drei großen Istanbuler Vereine Fenerbahce, Besiktas und Galatasaray sowie Trabzonspor vom Schwarzen Meer. Seit Gründung der Süper Lig 1959 ging die Meisterschaft mit einer Ausnahme (Bursaspor, 2010) stets an eine dieser Mannschaften.

In diesem Jahr sind die Verhältnisse auf den Kopf gestellt: Die Tabelle wird angeführt vom Istanbuler Vorortklub Basaksehir, Besiktas und Galatasaray dümpeln im Mittelfeld herum, Fenerbahce kämpft als Vorletzter gar gegen den Abstieg. Manche Beobachter freuen sich, dass die Süper Lig unberechenbar geworden ist. Die meisten Fans jedoch betrachten die Machtverschiebung als das, was sie ist: Ausdruck einer Krise im türkischen Fußball.

Die großen vier sind nicht nur sportlich in Bedrängnis geraten, sondern vor allem finanziell: Trabzonspor hat nach Angaben des Wirtschaftsdienstes Bloomberg 121 Millionen Euro Schulden angehäuft, Galatasaray 123 Millionen, Besiktas 164 Millionen und Fenerbahce 344 Millionen. Vielen kleineren Klubs geht ebenfalls das Geld aus.

"Das Fußballgeschäft ist in der Türkei nicht nachhaltig"

Die Not ist inzwischen so groß, dass der türkische Fußballverband (TFF) und der türkische Bankenverband (TBB) auf Betreiben der Regierung ein Rettungsprogramm über knapp zwei Milliarden Euro ausgearbeitet haben. Demnach soll insbesondere die Staatsbank Ziraat vorübergehend die Schulden mehrerer Klubs übernehmen, bis sich diese konsolidiert haben und in der Lage sind, ihre Verbindlichkeiten zu begleichen.

Die TFF will den türkischen Profifußball zudem künftig stärker überwachen. Vereine, die gegen Finanzauflagen verstoßen, sollen unter anderem mit Punktabzügen bis hin zum Zwangsabstieg sanktioniert werden. TFF-Chef Yildirim Demirören sprach von einem "entscheidenden Tag für die Zukunft" des türkischen Fußballs. Der Istanbuler Banker und Fußballexperte Tugrul Aksar hingegen mahnt, das Problem werde durch das Notprogramm nur aufgeschoben, nicht gelöst. "Das Fußballgeschäft ist in der Türkei nicht nachhaltig."

Kritik kommt auch von Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu. Statt Fußballvereinen sollten die Banken lieber Landwirte unterstützen. "Meine Brüder, wacht endlich auf, eure Arbeit, euer Schweiß werden nicht anerkannt", sagte er. "Diese Bank ist für euch da und nicht für die Mannschaften."

Der Satz, wonach Fußball mehr sei als nur ein Spiel, gilt in der Türkei wie in kaum einem anderen Land. Die Identifikation der Menschen mit ihrer Mannschaft ist enorm. Viele Klubs haben jedoch jahrelang über ihre Verhältnisse gewirtschaftet. Präsidenten, die oft wie Monarchen über die Vereine herrschen, sehen sich genötigt, den Fans jedes Jahr neue internationale Stars zu präsentieren. Auf diese Weise wechselten Spieler wie Didier Drogba, Lukas Podolski oder Robin van Persie in die Türkei. Gleichzeitig versäumten es die Klubs, eigene Talente zu fördern.

Der Tabellenführer hat enge Beziehungen zu Erdogan

Nun gerät das System an seine Grenzen. Die Türkei steckt in einer Finanzkrise. Die Inflation liegt bei 20 Prozent, die Lira hat im vergangenen Jahr im Vergleich zum Dollar ein Viertel an Wert verloren, was dazu führt, dass sich türkische Klubs, die Gehälter oft in Dollar oder Euro bezahlen, Ausländer kaum mehr leisten können. Erste Vereine müssen Leistungsträger verkaufen. Die Ränge in den Stadien bleiben immer öfter leer.

Von der Krise der großen vier Klubs profitiert bislang vor allem der 1990 gegründete Verein Istanbul Basaksehir, ein Retortenklub, der erst seit 2007 in der ersten Liga spielt. Das Management von Basaksehir begründet den Erfolg unter anderem mit guter Jugendarbeit. Kritiker hingegen sagen, der Verein profitiere bei der Verpflichtung teurer Spieler vor allem von den engen Beziehungen zur Regierung. Klubchef Göksel Gümüsdag ist mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verwandt.

Erdogan hat in seiner Jugend selbst halb professionell Fußball gespielt. Er nahm auch an einem Freundschaftsspiel zur Eröffnung des neuen Stadions von Basaksehir 2014 teil. Es war eines der eher seltenen Male, dass das Stadion halbwegs voll war.



insgesamt 6 Beiträge
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threeways 22.01.2019
1.
Es ist interessant, dass ein wichtiges Detail im Artikel Erwähnung findet: Viele Landwirte in der Türkei kämpfen mit der Existenz. Preise für Brot, Milch, Zucker und Fleisch wurden seit Monaten nicht angehoben. Auf der anderen Seite sind die Preise für Dünger, Saat und Futtermittel teils massiv angestiegen. Die Zirraat Bank bewilligt aber ebenfalls seit Monaten keine der gewohnten und zinsverbilligten Futterkredite. Dass gerade diese Bank nun großzügig die Schulden der türkischen , weil meist Erdogan treuen Fussball-Vereine übernehmen soll spricht Bände.
eduardo_anten 22.01.2019
2. Die aktuelle Tabelle Anschauen
Es ist echt nicht schwer die aktuelle Tabelle mal anzuschauen... 1. Basaksehir 2. Galatasaray 6. Besiktas mit 3 Punkten abstand zum zweiten Platz..... Ihr heimlicher korruptionsvorwurf zwischen den Zeilen nicht zu bemerken ist schwer... Basaksehir ist ein İstanbuler Verein der direkt an den Bürgermeister Istanbuls gebunden ist. Der Verein existiert seit 1990. Das es dem Verein so gut geht kann man locker allein an deren Transferpolitik der letzten Jahre sehen, dass öfter die Transferphase mit positiver Bilanz beendet wurde. Das es Fenerbahçe unteranderem deshalb schlecht geht, weil sie ihren PRaesidenten abgewaehlt haben und den Verein diese Saison fast komplett umgekrempelt haben wird hier auch nicht angesprochen. Der ehemalige PRaesident hatte dem Verein hunderte Millionen gepumpt die er nach seiner abwahl jetzt zurückhaben will. Eure Quellen sind manchmal echt komisch... ERdoğan bashing um jeden Preis ob Halbwahrheiten oder nicht... Ich vermisse die gut recherchierten Artikel...
Ichschonwiederda 22.01.2019
3. panem et circensis
Erdogan kennt wohl einen, der in der Schule gut aufgepasst hat. Mal schauen wie lange das gut geht, wenn der Teil mit dem Brot nicht mehr klappt.
apfeldroid 22.01.2019
4. Wahnsinn
Keiner wird sterben oder hungern müssen, wenn alle 4 erwähnten Mannschaften in die 3. Liga absteigen! Realitätsgewordener Wahnsinn - die Menschen zahlen steuern, damit sich die Fussballer (!!) 720 PS Autos schrotten - im Gegensatz zu Höneß Vorschlag, jeden Monat 10? für Fussball zu zahlen, wird in der Türkei der Wahnsinn zur Realität :)
marialeidenberg 22.01.2019
5. Panem et circenses, circenses mit 'e'
Zitat von IchschonwiederdaErdogan kennt wohl einen, der in der Schule gut aufgepasst hat. Mal schauen wie lange das gut geht, wenn der Teil mit dem Brot nicht mehr klappt.
Latein ist nicht einfach, ich weiß. Aber wenn schon, denn schon. Hier handelt es sich um den Akkusativ pluralis. Einverstanden? Im Übrigen sind 'Brot und Spiele' heutzutage nicht mehr unbedingt das Mittel der Wahl, um das blöde Volk ruhig zu stellen. Ganz ohne geht es allerdings auch nicht.
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