Fußball in Tel Aviv Wo Israelis sich als Nazis beschimpfen

Das Tel-Aviv-Derby zwischen Hapoel und Maccabi gilt als hitzigste Partie im israelischen Fußball. Jüdische Fans werden Nazis genannt, es gibt Zyklon-B-Rufe und Hakenkreuze. Woher kommt all das?

Fans von Maccabi Tel Aviv: Mit Nazis verglichen
Stefan Wermut/ REUTERS

Fans von Maccabi Tel Aviv: Mit Nazis verglichen


Im Bloomfield Stadion in Tel Aviv kommt es am Mittwochabend zum Fußballderby zwischen Hapoel und Maccabi. Und sehr wahrscheinlich wird der Anhang des einen Klubs den anderen auf besondere Art beschimpfen. Die Gesänge gehen so:

"Eure Nummer eins ist ein Deutscher."
"Eure Nummer zwei ist ein Deutscher."
"Euer Block, ihr alle seid Deutsche."

Hapoel und Maccabi sind die beiden erfolgreichsten Klubs im israelischen Fußball. Hapoel wurde 13 Mal Meister, Maccabi holte 22 Titel. Beide Teams teilen sich eine Heimstätte, die Stadtderbys zählen zu den hitzigsten Partien im israelischen Fußball. In Block 11 stehen die Maccabi-Anhänger, auf der anderen Seite, in Block 5, sind die Hapoel-Ultras beheimatet. Dort erklingen in Derbys bisweilen jene Beschimpfungen als "Deutscher".

Von dort stammt auch ein anderer, kontroverser Gesang. Darin wünschen die Hapoel-Fans dem verfeindeten Klub, er möge einen Holocaust erleben. Ein anderes Lied handelt davon, dass Maccabi-Fans "Zyklon B inhalieren" sollen. Zyklon B war das Gas, das die Nazis vor allem im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zur Ermordung der Juden einsetzten.

Der israelische Fußballverband versucht, dagegen vorzugehen. In der Saison 2011/12 gab es eine finanzielle Strafe nach einem Holocaust-Fangesang von Hapoel-Fans beim A-Jugend-Derby und auch Blocksperrungen gegen Hapoel wegen Holocaust-Referenzen (sowohl in Liedern als auch in Graffiti).

Maccabis Ex-Spieler Avi Nimny wird von Hapoel-Fans noch immer als "verdammter Deutscher" ("fucking German") bezeichnet
Fatih Saribas/ REUTERS

Maccabis Ex-Spieler Avi Nimny wird von Hapoel-Fans noch immer als "verdammter Deutscher" ("fucking German") bezeichnet

Hapoels Fans bezeichnen den Maccabi-Fanblock 11 als "Ghetto"; Maccabi, das seien die "Nazis". Und das hat mittlerweile auch bei Anhängern anderer Klubs Nachahmer gefunden. Nachdem Ultras von Hapoel Be'er Sheva eine Rauchbombe im Maccabi-Block gezündet hatten und roter Qualm aufgestiegen war, besangen sie das so: "Wie der Reichstag erstickt, Block 11 ist rot." In der Vergangenheit wurden die Toiletten im Maccabi-Block mit Hakenkreuzen besprüht, der eigene Fanblock wurde daraufhin für zwei Spiele gesperrt.

Jüdische Fans, die mit Nazis verglichen werden, Zyklon-B-Rufe und Hakenkreuze: Woher kommt all das? Laut Hapoel-Anhang heißt eine Antwort: aus dem Basketball. Eine Ursache könnte der Erfolg von Maccabi sein.

So wird es auf Wikipoel dargelegt, einer Website von und für Hapoel-Fans. Dort heißt es, die Referenzen hätten ihren Ursprung in der Basketball-Rivalität beider Klubs. Anders als im Fußball sind Maccabis Basketballer ihrem Gegner längst enteilt, 53 Mal wurde der Verein Meister, Hapoel folgt als zweiterfolgreichster Klub mit gerade fünf Titeln.

"Deutschland ist eine Marke, die Erfolg bedeutet"

Die sportliche Ausnahmestellung des Konkurrenten führte demnach zu Enttäuschung der Hapoel-Fans und wurde dann zu Frust, der sich in den Gesängen entlud. Anfang der Nullerjahre hätten diese dann den Fußball erreicht. Die Nazivergleiche aber erklärt das nicht.

Der israelische Sportjournalist Irad Tzafrir sagt, Maccabis "Deutschen"-Image sei eng verknüpft mit dem Gewinnen. "Deutschland ist eine Marke, die Erfolg bedeutet, und die Vergleiche mit Maccabi und deren Siegermentalität haben diese Referenz nur gestärkt", so Tzafrir. Die Maccabi-Fans kritisierten zwar die Hapoel-Gesänge über den Holocaust, ihre eigenen Lieder seien aber keineswegs harmlos. "Darin ging es schon mal darum, weibliche Hapoel-Fans zu vergewaltigen", sagt Tzafrir. Hapoel-Fans würden mit der Hisbollah verglichen.

Die Bedeutung des hebräischen Wortes "Deutscher" habe in der israelischen Gesellschaft einen Wandel durchlaufen, sagt Professor Moshe Zimmermann, Historiker mit den Schwerpunkten Geschichte der deutschen Juden und des Antisemitismus.

Ein Zuschauer stürmt beim Tel Aviver Derby das Feld und attackiert einen Maccabi-Profi. Das Foto entstand 2014
Alain Schieber/ AP

Ein Zuschauer stürmt beim Tel Aviver Derby das Feld und attackiert einen Maccabi-Profi. Das Foto entstand 2014

"In der Vergangenheit wurde der Deutsche gleichgesetzt mit dem Nazi", sagt Zimmermann. Mit der Zeit aber habe sich das verändert, der Unterschied zwischen beiden Begriffen wurde deutlicher, sagt er. Wichtig sei für diese Entwicklung das Luxemburger Abkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik aus dem Jahr 1952 gewesen, bei dem sich Deutschland zu Reparationszahlungen verpflichtete. Dieses Abkommen sowie die diplomatischen Beziehungen, die beide Nationen später aufbauten, hätten den Wandel laut Zimmermann vorangetrieben.

Heutzutage gelte "Deutscher" vor allem als Synonym für jene Attribute, die oft klischeehaft als "typisch deutsch" gälten: Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Effizienz.

"Deutscher" ist im Fußball meist positiv konnotiert

Wenn im Tel Aviver Stadion Spieler der Gegnermannschaft als "Deutsche" bezeichnet würden und das als Beleidigung intendiert sei, sei das eine Ausnahme, glaubt Zimmermann. "Von Emmanuel Scheffer (einem israelischen Trainer deutscher Herkunft, der die Nation zur einzigen WM-Teilnahme 1970 führte, Anm. d. Red.) bis Jürgen Klinsmann, 'Deutscher' ist im Fußball meist positiv konnotiert", sagt er.

Dass es in anderen Bereichen nicht so ist, zeigt ein jüngstes Beispiel aus der Politik. Die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spalten die israelische Gesellschaft. Unter Netanjahus Anhängern finden sich solche, die via Social Media den zuständigen Staatsanwalt Shai Nitzan beleidigen. Auf der Facebook-Seite der großen Tageszeitung "Haaretz" wurde kürzlich ein solch diffamierendes Posting gegen Nitzan zitiert. "Shai Nitzan", heißt es dort, sei "ein Deutscher, sein Herz ist aus Stein".

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