Fußball in Kolumbien Tödliche Auswärtsspiele

Tote, Verletzte und das gefährlichste Stadion der Welt: Ein blutiger Fankrieg erschüttert die Fußballszene in Kolumbien. Seitdem während eines Spiels ein Club-Anhänger erstochen wurde, eskaliert die Gewalt. Ein Pfarrer soll die Krawalle schlichten - doch auch er kann nur noch beten.
Von Tobias Käufer

Sein Tod wurde live in die kolumbianischen Wohnzimmer übertragen: Erst stach der wütende Mob Edison Garzón nieder, dann warfen die entfesselten Hooligans den blutüberströmten Körper des 20 Jahre alten Anhängers vom Traditionsverein America de Cali wie einen Sack Abfall die sechs Meter vom Oberrang des Stadions "El Campin" hinunter. Die schreckliche Bilanz des Klassikers zwischen Hauptstadtclub Santa Fe und América de Cali im Mai 2005: ein Toter und 23 Schwerverletzte. Der Abend ging als der "blutige Mittwoch" in die Geschichte des kolumbianischen Fußballs ein und begründete den zweifelhaften Ruf, dass jenes Stadion auf 2600 Meter Höhe die gefährlichste Fankurve der Welt beherbergt.

Seit jenem Abend tobt in den Arenen des Landes ein blutiger Fankrieg: Fast ein Dutzend Fans bezahlte die Gewaltausbrüche in den vergangenen drei Jahren mit dem Leben, zuletzt traf es Juan David Perez: Insgesamt 25 Messerstiche, davon vier direkt in die Lunge, zählte die Polizei vor einigen Wochen, als sie den Körper des 17-Jährigen in einem Vorort von Bogotá in den Leichenwagen schob. In der Hauptstadt angekommen, war der Anhänger von Deportivo Cali in einen Bus zum Stadion gestiegen. Doch als sich die Tür schloss, stand er inmitten einer Gruppe gewalttätiger Sante-Fe-Anhänger: Der Schüler, der so gerne Tourismus studiert hätte, lief seinen Mördern direkt in die Arme.

Als dann auch noch ein Mob im Stadion "El Campin" in Bogotá Hunderte für die südamerikanische WM-Qualifikationsrunde installierte Sitzschalen aus der Verankerung riss, hatte Padre Aliliro Lopez genug. Im Bürgermeisteramt der kolumbianischen Hauptstadt bat der entnervte Priester, ihn von seinen Pflichten als Vermittler im kolumbianischen Fußballkrieg zu entbinden. Doch Bogotás starker Mann, Bürgermeister Samuel Moreno, lehnte ab.

Dabei kann sich die Arbeit des Kirchenmannes für die freiwillige Fan-Aktion "Goles en Paz" ("Friedliche Tore") durchaus sehen lassen. Tausende von Fans aus den gewaltbereiten Slums Bogotas hat der Pfarrer bereits entwaffnen können. Sie besitzen sogar einen eigenen Block im Stadion. Doch angesichts der gesellschaftlichen Probleme ist auch der Gottesmann hiflos. "Ein Stadion ist wie eine Kathedrale", sagt Padre Alirio SPIEGEL ONLINE. "Wie in einem Gotteshaus sind im Fußballstadion nun einmal alle Gesellschaftsschichten zu Gast."

Und die gefährlichste dieser Gruppen trifft sich in den "Barras Bravas", wie die gewaltbereiten kolumbianischen Fans auf den Tribünen genannt werden. Hier haben vor allem die Jugendgangs der Armenviertel der Millionenstädte das Sagen. Kommen noch Drogen ins Spiel, gibt es keine Hemmschwelle mehr. Oft genügt ein falscher Blick, ein kleiner Rempler, und aus einer Nichtigkeit wird tödlicher Ernst. Der blutige Überlebenskampf aus den Slums hat die Tribünen längst erreicht.

Organisiert wird der kolumbianische Profifußball vom Zusammenschluss der Clubs "Dimayor" (División Mayor del Fútbol Profesional Colombiano). Der hat sich auf die Fahnen geschrieben, für eine reibungslosen Organisation der Begegnungen zu sorgen.

Cheerleader statt Problemfans

Die Realität sieht allerdings anders aus: So wie beim Spiel zwischen den Millionarios und dem Provinzclub Envigado am vergangenen Wochenende, als der adrett gekleidete Dimayor-Offizielle seine eigene Interpretation von der Umsetzung dieser Prämisse wählte. Statt sich um den Dialog mit den Sicherheitskräften zu bemühen, hatte der Funktionär vor allem die reibungslose Kommunikation mit den hübschen Millionarios-Cheerleadern im Sinn. Dieses Desinteresse an den Problemen des Fußballs hat offenbar System: "Was sollen wir tun, wenn sich die gewalttätigen Anhänger irgendwo in der Stadt um drei Uhr in der Nacht treffen?", sagte Dimayor-Präsident Ramon Jesurum unlängst in der kolumbianischen Presse - und bestritt damit jegliche soziale Mitverantwortung.

Die normalen Fans bleiben mittlerweile zu Hause, die Zuschauerzahlen sind rückläufig. "Mir ist das einfach zu gefährlich. Da schaue ich mir die Spiele lieber im Fernsehen an", sagt Millionarios-Fan Diego Rodriguez, 22, aus Bogotá. Ein wirkliches Interesse an einer Verbesserung an der Situation hat der von Korruption und Missmanagement beherrschte Verband ohnehin nicht: Dimayor ist vor allem für die Verwaltung der Fernsehgelder zuständig.

Waffenlager in der Nähe des Stadions

Die Zeche zahlen die Vereine und Steuerzahler: Trotz Zuschauerschwund bleibt der Sicherheitsaufwand ungebrochen. Bis zu 1500 Polizisten sind notwendig, um die Spiele in der Liga zu schützen. Um ins Stadion zu gelangen, müssen die Fans mittlerweile sogar die Schuhe zum Sicherheitscheck ausziehen. Aus gutem Grund: Vor einigen Tagen hob die Polizei in der unmittelbaren Nähe des Stadions in Bogotá ein von den Fans angelegtes Waffenlager aus. In der bevorstehenden Playoff-Runde im Dezember herrscht für die Polizei Alarmstufe Rot: Sowohl in Medellin als auch in Cali stehen Lokalduelle an. Dimayor wird sich angesichts der Einschaltqouten die Hände reiben.

Für Padre Alirio ist diese Zusammensetzung ein Grund, um himmlischen Beistand zu bitten. Er will für friedliche Spiele beten.

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