Fußball in Spanien Das Corona-Chaos

Spaniens Zweitligasaison endet in einer Farce, nachdem die halbe Mannschaft eines Teams positiv getestet wurde. Auf die Liga wartet jetzt eine Prozesslawine. Dabei hatte ihr Chef noch über Dynamo Dresden gespottet.
Von Florian Haupt, Barcelona
Deportivo-Fans feierten ihr Team vor dem Spiel wenig vorschriftsmäßig - und zu früh

Deportivo-Fans feierten ihr Team vor dem Spiel wenig vorschriftsmäßig - und zu früh

Foto: Cabalar/ imago images/Agencia EFE

Alles schien glattgegangen zu sein. Am Sonntagabend beendete die erste spanische Fußballliga den letzten ihrer elf Nachholspieltage. Ohne Corona-Fälle. Ein Triumph über die Nörgler, Angsthasen, Pessimisten. Eine Bestätigung, dass es im krisengeplagten Spanien wenigstens einen Bereich gibt, wo sie die Dinge so gut hinkriegen wie anderswo, wenn nicht sogar besser.

Und dann das.

Montagabend, letzter Spieltag der zweiten Liga. Sowohl um den sechsten Platz, der zur Teilnahme am Aufstiegs-Playoff berechtigt, als auch im Abstiegskampf stehen Fernduelle auf mehreren Plätzen an. Alle Handlungsstränge laufen zusammen bei der Partie des Abstiegskandidaten Deportivo La Coruña gegen den Aufstiegsaspiranten Fuenlabrada. Wenige Stunden vor Spielbeginn die ersten Meldungen: Es gibt Covid-Fälle bei Fuenlabrada. Nicht einen, nicht zwei. Sieben Spieler, dazu einige Betreuer. Insgesamt zwölf Infizierte.

Im Hotel Finisterre der galizischen Hafenstadt belegt Fuenlabrada das oberste Stockwerk. Die regionalen Gesundheitsbehörden isolieren die Mannschaft. Als die Nachricht sich herumspricht, reisen andere Hotelgäste fluchtartig ab.

Die Spieler von Fuenlabrada sind jetzt nicht auf dem Feld, sondern in Quarantäne

Die Spieler von Fuenlabrada sind jetzt nicht auf dem Feld, sondern in Quarantäne

Foto: Joaquin Corchero/ dpa

Es bricht das Corona-Chaos aus. Das, was Kritiker der Wiederaufnahme des Fußballs befürchtet hatten. Sich permanent betatschende Profis - wer erinnert sich noch an die anfänglichen Empfehlungen, ohne Körperkontakt zu jubeln? - stecken sich untereinander an. Und tragen dann das Virus durchs Land.

Der Krisenstab machte alles nur schlimmer

Von einer "Dystopie" spricht Deportivos Trainer Fernando Vázquez zur Stunde des verhinderten Anpfiffs im Estadio Riazor. Der erfahrene Coach ist indigniert. Wo alles schon schlimm genug ist, hat es der Krisenstab von Verband, Liga und staatlicher Sportaufsicht CSD nämlich noch schlimmer gemacht.

Dass die Partie zwischen Deportivo und Fuenlabrada verschoben werden muss, ist klar. Aber alle anderen Spiele werden angepfiffen. Auch wenn sich die letzten Gegner von Fuenlabrada bereits infiziert haben und nun weitere Mannschaften anstecken könnten. Auch wenn die Liga ihr Reglement verletzt, wonach an den letzten beiden Spieltagen alle tabellarisch relevanten Partien gleichzeitig laufen müssen.

Als in der Vorsaison der Fußballer José Antonio Reyes bei einem Verkehrsunfall starb, verlegte der Verband aus Rücksicht auf Reyes' Klub Extremadura und die Integrität des Wettbewerbs den gesamten vorletzten Spieltag. Nun ist das Gegenteil geschehen: Etliche Vereine berichten im Laufe des Abends, sie seien von den Sportbehörden zum Spielen gezwungen worden; andernfalls gebe es Punktabzug.

Die Liga behauptet in einer knappen Mitteilung, dass durch die Entscheidung "am besten die Gesundheit der Spieler und die Wettbewerbsgerechtigkeit geschützt" würde. Über die wahren Motive kann nur spekuliert werden. Gab es Druck, weil dieser Tage mit stark wachsenden Fallzahlen schon Vorboten einer zweiten Corona-Welle durch Spanien schwappen? Sollte gespielt werden, was noch zu spielen geht?

Madrid war wochenlang der Corona-Hotspot

Fuenlabrada ist eine Trabantenstadt im Südwesten von Madrid. Die Kapitale war im Frühjahr der spanische Corona-Hotspot. Doch die Regionalregierung verblüfft mit traumhaften Zahlen - am selben Montag gab es unter den 6,6 Millionen Einwohnern angeblich nur dreizehn neue Covid-Fälle - und hat, während andere Landesteile schon wieder im Teil-Lockdown sind, als einzige Region außer den Kanarischen Inseln keine Maskenpflicht angeordnet.

Bei Fuenlabrada testete am Samstag ein Spieler positiv, am Sonntag drei Betreuer, darunter der Mannschaftsarzt. Der Rest flog am Montagmorgen trotzdem nach La Coruña. Offenbar in Abstimmung mit der Liga wurde am Morgen noch ein dritter Test durchgeführt. Die Ergebnisse kamen aber erst am Nachmittag, als das Team längst in La Coruña war. Der Klub beharrt darauf, er habe das "sanitäre Protokoll eingehalten".

Beim ebenfalls madrilenischen Verein Rayo Vallecano gesteht der Spieler Yacine Qasmi kurz vor Anpfiff der eigenen Partie in Santander, sich kürzlich mit einem Spieler von Fuenlabrada zum Abendessen getroffen zu haben. Fünf Minuten vor Anpfiff nimmt ihn Trainer Paco Jémez noch aus der Aufstellung.

Rayo kündigt juristische Schritte an

Kurz nach dem Anpfiff ist Rayo der erste von mehreren Klubs, der rechtliche Schritte gegen den, Zitat, "Amoklauf" der Behörden ankündigt, den übrigen Spieltag durchzupeitschen. In sportlicher Hinsicht entwirft der noch um den Playoff-Platz konkurrierende Verein ein Szenario, wonach die Rivalen von Deportivo La Coruña im Abstiegskampf ihre Partien gewinnen würden und Deportivo so bereits mathematisch abgestiegen sein könnte, wenn es zum Nachholspiel auf Fuenlabrada trifft.

Genau dieses Szenario tritt ein. Nur dass Deportivos Präsident Fernando Vidal am Abend ankündigt. "Wir sehen uns nicht als Absteiger." Man werde durch alle Instanzen gehen. "Das ist ein großer Pfusch, der Spieltag muss komplett wiederholt werden." Am Dienstag schlug Deportivo vor, die Liga auf 24 Teams aufzustocken, um eine einigermaßen friedliche Lösung hinzubekommen - und den eigenen Klassenerhalt zu sichern.

Ob dieser Vorschlag Erfolgschancen hat und wie es ohnehin nun weitergehen soll, ist völlig offen. An sich sollte am Donnerstag das Aufstiegs-Playoff beginnen, für das jetzt nicht mal alle Teilnehmer feststehen. Frühestens in zehn Tagen könnte Fuenlabrada zu seinem Spiel in La Coruña antreten. So lange sind die Spieler in ihrem Hotel von den lokalen Behörden unter Quarantäne gesetzt worden.

Während seiner Werbetour für den Wiederbeginn des Fußballs prahlte Ligachef Javier Tebas im Mai: "Es ist unmöglich, dass uns auch nur eine Mannschaft mit fünf Positivfällen auf einmal kommt". Das könne nur bei "Fahrlässigkeit" oder "Missachtung der Vorschriften" passieren. Ja, Tebas schien sogar Dynamo Dresden in der deutschen 2. Liga zu unterstellen, seine damals zwei positiven Fälle absichtlich herbeigeführt zu haben: "Sie sind letzter in der zweiten Liga …".

Nun hat er selbst das Problem, dass es angeblich nie geben konnte.