Spaniens Sport-Staatssekretär Cardenal "Wir schauen neidisch auf die Bundesliga"

Der spanische Vereinsfußball hat die Saison dominiert, die Selección fährt als Titelverteidiger zur WM. Doch viele Klubs kämpfen ums Überleben. Staatssekretär Miguel Cardenal verrät im Interview, was sich im Sport des Landes künftig ändern wird.
Staatssekretär Cardenal: "Unsere Nachwuchsarbeit hat einen hohen Stellenwert"

Staatssekretär Cardenal: "Unsere Nachwuchsarbeit hat einen hohen Stellenwert"

Foto: Laurence Griffiths/ Getty Images

Miguel Cardenal, Jahrgang 1968, ist seit Januar 2012 spanischer Staatssekretär für Sport und oberster Sportrat. Der Professor für Sozial-, Sport- und Arbeitsrecht gehört Spaniens konservativer Volkspartei Partido Popular (PP) an. Von 2004 bis 2012 war er Mitglied des Wettkampf-Komitees des spanischen Fußball-Verbandes RFEF. In seine Amtszeit fällt ein neues Gesetz zur finanziellen Kontrolle professioneller Fußballvereine.

SPIEGEL ONLINE: Fußball und Politik waren in Spanien traditionell eng verbunden, etwa während der Franco-Diktatur oder im katalanischen Kampf um Unabhängigkeit. Wie wichtig ist der Fußball heute für die spanische Nation?

Cardenal: Sportlicher Erfolg kann viele Menschen glücklich machen, gerade in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten. Der Selección, unserer Fußball-Nationalmannschaft, kommt dabei eine spezielle Rolle zu.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Cardenal: Sie eint das Land. In ihr kämpfen die Besten Spaniens zusammen für ein Ziel, Katalanen wie Barcelonas Xavi, Basken wie Javi Martínez oder ein Xabi Alonso von Real Madrid. Mit ihren gemeinsamen Erfolgen zeigen sie den spanischen Bürgern, dass man mit harter Arbeit und Zusammenhalt viel erreichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr nach Fußball-Romantik.

Cardenal: Mag sein. Aber genau so ist es doch: Der Fußball lässt die Menschen zusammenrücken, sogar Real- und Barcelona-Fans in ihrer Feindschaft. Für viele Spanier ist er wichtiger als Politik und Kultur. Sie identifizieren sich mit ihrem Verein oder der Nationalmannschaft. Im Baskenland zum Beispiel sind die Spiele der Selección die am meisten gesehenen Fernsehsendungen. Als wir vor zwei Jahren erneut Europameister wurden, waren die Probleme der Wirtschaftskrise für kurze Zeit egal.

SPIEGEL ONLINE: Der Fußball in Spanien leidet selbst unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Traditionsvereine können nicht mehr in der ersten Liga spielen, manche haben Probleme, ihre Spieler zu bezahlen. Trotzdem soll der Fußball helfen?

Cardenal: Ja, auf psychologischer Ebene kann er das besser als jeder Politiker. Im Gegenzug versuchen wir ja auch, den spanischen Fußball zu unterstützen. Wir wollen ihn wieder gesunder machen.

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SPIEGEL ONLINE: Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie hatten die spanischen Erst- und Zweitliga-Klubs 2011/2012 zusammen Schulden in Höhe von 3,5 Milliarden Euro. Fast drei Viertel davon entfielen auf acht Vereine aus der Primera División. Was kann der Staat da tun?

Cardenal: Ich bin seit Anfang 2012 im Amt, und eigentlich bin ich nicht Politiker, sondern Professor für Arbeitsrecht. Der Ministerpräsident gab mir den Auftrag, dass ich mich genau um diese Probleme kümmere. Das Erste, was wir umsetzten, war ein strengeres Kontrollgesetz für mehr Transparenz bei den Vereinsfinanzen. Die Klubs müssen uns ihre Rechnungsbücher vorlegen. Da hatte man in der Vergangenheit oft ein Auge zu viel zugedrückt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das sein?

Cardenal: Der Fußball hat in vielen Ländern große Macht, in Spanien ganz besonders. Lange Zeit hat sich niemand getraut, den Vereinen etwas zu sagen. Die waren von der Initiative auch nicht wirklich begeistert, zwölf Klubs gingen gerichtlich gegen das neue Gesetz vor. Ohne Erfolg. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, nicht mehr weich zu werden, wenn ein Fußballverein bei uns anklopft und irgendetwas zu seinen Gunsten drehen möchte. Jeder muss sich jetzt an die Regeln halten.

SPIEGEL ONLINE: Hätte es den Wirbel um die Zahlungen im Zuge des Neymar-Transfers nach Barcelona vor einigen Jahren vielleicht gar nicht gegeben?

Cardenal: Vermutlich. Wahrscheinlich wäre Expräsident Sandro Rosell noch im Amt.

SPIEGEL ONLINE: Aber nur durch strengere Kontrollen bauen sich 3,5 Milliarden Euro Schulden nicht ab, oder?

Cardenal: Nicht von heute auf morgen. Aber wir haben schon Erfolge erzielt, und ich vermute, dass wir 2013/2014 noch einmal 300 Millionen Euro weniger Schulden haben. Viele Vereine haben es im Schatten der Weltmarken Real Madrid und FC Barcelona nicht einfach. Das war schon immer so, doch durch die Schlüsselverteilung der Fernsehgelder stehen die beiden Klubs noch einmal sehr viel besser da. Vereine wie Salamanca sind dagegen komplett von der Bildfläche verschwunden. Wir müssen ein größeres Gleichgewicht herstellen. Dabei schauen wir neidvoll auf die Bundesliga.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft im deutschen Fußball besser als in Spanien?

Cardenal: Wir haben zwar die besseren Spieler, doch in Deutschland funktioniert die Vermarktung selbst bei kleinen Klubs viel besser. Als Málaga in Dortmund spielte, haben sich die Vereinsverantwortlichen zusammengesetzt. Die Spanier ließen sich erklären, wie man mit VIP-Bereichen und dem richtigen Marketing Geld verdienen und Schulden abbauen kann. Tatsächlich hat sich in Málaga seitdem einiges getan.

SPIEGEL ONLINE: Die schlechte finanzielle Situation vieler spanischer Vereine steht im Gegensatz zum derzeitigen Erfolg: Real Madrid hat die Champions League gegen Atlético gewonnen, Sevilla die Europa League, Atlético zudem die spanische Liga. Spanien ist Europameister und reist als Titelverteidiger zur WM nach Brasilien. Was ist das Geheimnis?

Cardenal: Unsere Nachwuchsarbeit. Die hat in Spanien einen großen Stellenwert. Die meisten Vereine haben eigene Jugendleistungszentren, und auch die freie Wirtschaft hilft mit. Die Brauerei Damm zum Beispiel betreibt eine Fußballakademie mit eigenen Mannschaften. Wird ein großer Klub auf einen jungen Damm-Spieler aufmerksam, verzichtet die Brauerei auf Ablösesummen. Sie sieht sich als Teil der Nachwuchsförderung.

SPIEGEL ONLINE: Ein kluger Werbeschachzug.

Cardenal: Es ist mehr als das. Es zeigt auch, dass der Nachwuchs bei uns ernst genommen wird. Viele Menschen unterhalten sich über die Jugendmannschaften, und einmal im Jahr findet ein großes nationales Turnier für 13-Jährige statt. Es wird im Fernsehen übertragen, mehr als zwei Millionen Menschen schauen zu. Das gibt es bei Ihnen in Deutschland nicht, oder?

SPIEGEL ONLINE: Nein. Die breite öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich auf den Profifußball. Viele sehen in Deutschland einen Favoriten auf den diesjährigen WM-Titel. Wie lautet Ihre Prognose?

Cardenal: Ihr Deutschen habt ein Team mit herausragenden Spielern und einer großen Turniermentalität. Doch ich erwarte insgesamt eine Weltmeisterschaft auf hohem Niveau: Die lateinamerikanischen Mannschaften sind allesamt stark - Italien, Portugal, Belgien und Frankreich auch. Es wird für uns nicht leicht werden, den Titel zu verteidigen, und die Verletzung von Thiago macht uns Sorgen. Aber ich vertraue auf Nationaltrainer Vicente del Bosque. Er hat das vor zwei Jahren gut hinbekommen und schon damals sagten viele: Spaniens Zeit ist vorbei.

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