Danial Montazeri

Fußballschauen in Zeiten des Kriegs 90 Minuten Trost

Für anderthalb Stunden den Alltag vergessen, egal wie schlimm er ist. Das ist das Urversprechen des Fußballs. Aber gilt das auch jetzt, wo die Welt in Aufruhr ist – und der Sport sich mitschuldig gemacht hat?
Das Weserstadion des Fußball-Zweitligisten Werder Bremen: Sehnsuchts- und Zerstreuungsort für Fans

Das Weserstadion des Fußball-Zweitligisten Werder Bremen: Sehnsuchts- und Zerstreuungsort für Fans

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Thorsten Baering/ imago images/Baering

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Kürzlich schrieb mir ein befreundeter Sportreporter Nachrichten aus einem Stadion, er berichtete von dort über ein Fußballspiel.

»Fühlt sich so falsch an, hier zu sein«, schrieb er.

»Wildes Feiern, als wäre nichts.«

»Ich kann mich auf diesen Quatsch nicht konzentrieren.«

Ich selbst saß vor dem Fernseher, es lief eben jenes Spiel. 45 Minuten lang schaute ich 22 Fußballern zu, und zwischen den Spielzügen auf dem Rasen: Doomscrolling auf dem Smartphone. Hinter dem Begriff verbirgt sich das pausenlose Durchforsten von Schreckensnachrichten, zum Beispiel auf Twitter.

Detonationen in Charkiw im Video; Menschen, die berichten, wie sie die Sorge um ihre Verwandten vor Ort zermürbt; Russlands Propaganda; Putins Atombombe.

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Auf Twitter gibt es den Doomscrolling Reminder Bot , er versendet regelmäßig Tweets, die einen daran erinnern sollen, dass der Konsum all dieser Meldungen ungesund sein kann. »Gönnen Sie Ihren Augen und Ihrem Geist eine Pause«, heißt es dort zum Beispiel. Ich folge ihm nicht.

Ich schaue Fußball.

Der Eskapismus des Spiels

Ich tue das qua Beruf als Sportredakteur, aber auch weil ich das Spiel liebe. Es kommt vor, dass ich an einem Wochenende acht, neun Partien über die vollen 90 Minuten schaue, vormittags 2. Bundesliga, dann Bundesliga, Premier League, La Liga. Zugleich weiß ich um die Verbindungen zwischen dem Fußball und Putin: das russische Geld, die Nähe der Verbände Fifa und IOC, Schalke und Gazprom. Der Sport hat sich mitschuldig gemacht.

Das ist alles bekannt. Dasselbe Russland, das seinen Einfluss im Sport über Jahre hinweg manifestiert und ausgeweitet hat, greift nun die Ukraine an. Ist es also falsch, Sport zu verfolgen? Darf man sich noch über Tore freuen, als wäre nichts, oder ist das ignorant?

Eine Funktion des Sportschauens besteht im Eskapismus. Das merkt man am deutlichsten, wenn man ins Stadion geht. Darin scheint die Zeit anders voranzuschreiten als außerhalb. Es gibt dieses Mantra des Fußballs, das aus früheren Zeiten stammt, als vornehmlich Menschen der Arbeiterklasse zu Spielen strömten: Beim Fußball kann ich für 90 Minuten den Alltag vergessen – egal wie schlimm er ist.

Nun hat sich der Fußball sehr verändert. Er ist für viele zu teuer geworden, für einige sogar eine Parallelwelt, in die sie nicht abdriften möchten, sei es nur für 90 Minuten. Jetzt gerade aber könnte dieses romantisierende Mantra des Eskapismus doch wieder tröstlich sein.

Das Spiel kann für einen Moment eine Brücke bilden hinüber in weniger unsichere Zeiten. Die meisten von uns haben als Kinder begonnen, das Spiel zu lieben, und vielleicht hilft es jetzt, sich zumindest für ein paar wenige Augenblicke wie Kinder über etwas eigentlich sehr Banales zu freuen.

Fans und Spieler des Fußball-Zweitligisten Werder Bremen feiern den Sieg im Nordderby gegen den HSV – wenige Tage nachdem Putin die Ukraine überfallen hat

Fans und Spieler des Fußball-Zweitligisten Werder Bremen feiern den Sieg im Nordderby gegen den HSV – wenige Tage nachdem Putin die Ukraine überfallen hat

Foto: nordphoto GmbH/ Witke / imago images/Nordphoto

Das bedeutet nicht, dass einem gleichgültig ist, wie Millionen Menschen aus der Ukraine nicht wissen, was aus ihrer Heimat wird. Ob ihre Liebsten die kommenden Tage und Wochen überleben.

Wer Meister wird, wer aufsteigt, das ist tatsächlich egaler geworden, mir zumindest. Und ich verstehe diejenigen, die beim Wörtchen »egaler« das »er« streichen.

Aber ich freue mich immer noch, wenn die Mannschaft meines Herzens Spiele gewinnt, und ich schaue ihr dabei zu, wie sie das versucht, ohne Vorberichte und Tamtam, nur die 90 Minuten lang. Und wenn ein Tor fällt, dann ist das ein Glücksmoment. Darin liegt vielleicht die tröstende Wirkung des Sports.

Vielleicht brauche ich dieses simple Fußballspiel für meine eigene Gesundheit. Um nicht durchzudrehen.

Zum Glück gehört, dass es flüchtig ist und nie von Dauer. Wenn Menschen sagen, sie wollen glücklich sein, meinen sie eigentlich: zufrieden sein. Und diese Zufriedenheit mit sich, mit der Welt, ist brüchig geworden. Eine dunkle Wolke hängt darüber. Wer sich trotz des Mitgefühls, der Empathie, Glücksmomente verschaffen kann, der möge das tun, ob nun durch Tore der Lieblingsmannschaft, durch gemeinsame Zeit mit lieben Menschen oder im Klub, wo man seit Freitag wieder feiern darf. Ohne schlechtes Gewissen.

Vielleicht hängt das Doomscrolling auch direkt zusammen mit dem Glücksmoment beim Torjubel. Vielleicht zieht das eine so sehr runter, dass das andere wichtig bleibt. Vielleicht brauche ich dieses simple Fußballspiel für meine eigene Gesundheit. Um nicht durchzudrehen.

Der 24. Februar hat die Welt verändert. Am Sonntag, 13.30 Uhr, spielt Bremen gegen Dresden, und ich weiß, ich werde einschalten und das Smartphone weglegen.

Wahrscheinlich nicht lange. Aber zumindest für ein paar Augenblicke.

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