Fußball-Krise Holland in Not

Die Stimmung ist miserabel im niederländischen Club-Fußball. Die jüngsten Niederlagen im Europacup sind ein Beleg für das Leistungstief. Ausgerechnet die Nationalmannschaft soll in den EM-Qualifikationsspielen für Entspannung sorgen - dabei steht das Team von Trainer van Basten selbst in der Kritik.

Von Christoph Biermann


Etwas trotzig wirkte es schon, als in dieser Woche das niederländische Fachmagazin "Voetbal International" auf seiner Titelseite verkündete: "Niederlande bleiben Topland." So viel Selbstlob war wohl notwendig, denn der holländische Fußball hatte eine harte Woche hinter sich. Im Uefa-Cup waren bis auf AZ Alkmaar alle Clubs ausgeschieden, so sind nun europäische Startplätze in Gefahr.

Zagreb-Profi Tadic (o.), Ajax-Spieler Stam (u.): Aus im Uefa-Cup
AFP

Zagreb-Profi Tadic (o.), Ajax-Spieler Stam (u.): Aus im Uefa-Cup

Aber was ist noch top im niederländischen Fußball? Die Fußballzeitschrift wies etwas angestrengt darauf hin, dass es in den Niederlanden fast so viele Jugendfußballer gibt wie im viermal bevölkerungsreicheren Italien - und dass die Niederlande die achtmeisten Fußballerinnen der Welt haben.

Gewichtigere Belege muss daher wohl die Nationalmannschaft liefern. In der Qualifikation zur Europameisterschaft könnte sie morgen schon beim direkten Konkurrenten in Rumänien und am Mittwoch gegen Slowenien den Platz in der Endrunde sichern. Doch auch um das Nationalteam ist die Stimmung nicht so toll. Eine Debatte um die Oranje Elftal löste der glückliche 1:0-Sieg in Albanien vor einem Monat aus. Danach hatte ebenfalls "Voetbal International" den Bondscoach Marco van Basten als "unverstandenes Genie" bezeichnet. Was so klang, als würden selbst die Spieler über den Trainer rätseln.

Kritisiert wird die mangelnde Erfahrung des ehemaligen Weltklassestürmers, der zuvor nur als Jugendtrainer gearbeitet hatte. Seine taktischen Finten und Personalentscheidungen stoßen immer öfter auf Verwunderung. So nominierte van Basten mehr als ein Jahr lang den einzigen Niederländer nicht, der dieser Tage in die Endauswahl zum Weltfußballer des Jahres kam: Ruud van Nistelrooy. Erst Ende August kam der Mann von Real Madrid zurück ins Nationalteam, zuvor hatte er seit der WM in Deutschland nicht gespielt. Das war um so weniger erklärbar, weil die Mannschaft offensichtlich zu viele Chancen für Tore braucht.

Anhänger des Hamburger SV indes werden sich wundern, dass Rafael van der Vaart im Nationalteam als Rechtsaußen eingesetzt wurde. Aber das hat auch damit zu tun, dass van Basten unbedingt mit drei Angreifern auflaufen will, von denen zwei als echte Außenstürmer agieren sollen. Der Trainer fühlt sich dem traditionellen niederländischen Stil verpflichtet, der vor allem von Johan Cruyff so donnernd gepredigt wird, als hätte der Fußballgott den Holländern aufgetragen für immer im 4-3-3-System zu spielen.

Weil Siegelbewahrer Cruyff dafür gesorgt hat, dass van Basten überhaupt Nationaltrainer wurde, gilt der nun einigen als Marionette des Mannes aus Barcelona. Bekannt ist schließlich auch Cruyffs so exzentrisches wie beharrliches Leugnen der Qualitäten van Nistelrooys. Der bekannte niederländische Kolumnist Hugo Borst hatte daher von Nationaltrainer van Basten einen Akt der Emanzipation gefordert: "Van Basten muss ein für alle mal mit Cruyff brechen."

Vorbild Deutschland

Doch vielleicht wird dessen Bedeutung auch überschätzt, denn die Pragmatiker in den Niederlanden verteidigen den Bondscoach. Henk ten Cate, gerade als Trainer von Ajax Amsterdam zum FC Chelsea wechselt, sagt: "Denken die Menschen etwa, dass es mehr Spaß macht, sich Italien oder Frankreich anzuschauen? Das einzige Team, das momentan guten Fußball und Resultate kombiniert, ist Deutschland."

Von der deutschen Mannschaft ist die niederländische derzeit numerisch sogar gar nicht so weit entfernt. Löws Team ist das beste in Europa, wenn man alle Partien seit der WM 2006 wertet, dann folgt schon Holland. Daher will der ehemalige Schalker Youri Mulder, der inzwischen als Analytiker beim Fernsehen arbeitet, auch gar nicht groß jammern: "In den letzten Jahren war es bei Oranje eigentlich immer ein Hängen und Würgen. Mit dem Unterschied, dass unter van Basten wenigstens die Ergebnisse stimmen."

Auch die stets geforderte offensive Ausrichtung der Holländer stimmt, was handfestes Zahlenmaterial bestätigt. 16 Torschüsse gab die Nationalmannschaft im Schnitt der Spiele bei der EM-Qualifikation ab. Dieser Wert wurde nur von einem Team übertroffen, dem deutschen mit 16,4 Torschüssen. Bei den Bällen, die auch noch aufs Tor kamen und nicht vorbei gingen, liegen beide Mannschaften sogar mit jeweils 8,4 Torschüssen pro Spiel gleichauf - und Holland hatte nicht San Marino in der Gruppe. Und damit der Ball auch noch am Keeper vorbei ins Tor geht, dafür ist ja inzwischen wieder Ruud van Nistelrooy dabei.



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