Fußball-Legende Maradona Der Bart Gottes

Fußballgott und Vaterfigur: Argentiniens Diego Maradona ist vor dem Viertelfinale gegen Deutschland der Hoffnungsträger einer ganzen Nation. Seine Starauswahl achtet ihn als Trainer und Mensch - weil er nie aufgehört hat, einer von ihnen zu sein.

REUTERS

Aus Pretoria berichtet Cathrin Gilbert


"Manchmal", sagt Diego Maradona, "manchmal würde ich dieses silberne Sakko am liebsten von mir reißen und eines der Trikots meiner Jungs überstreifen und dann einfach aufs Spielfeld laufen." Er formt mit seinen Lippen ein Herz. Maradona lächelt, er sagt: "Wenn ich ehrlich bin, denke ich die ganze Zeit darüber nach, wie schön das wäre. Wissen Sie, es ist nicht nur das Spiel, das mich lockt. Es sind die vielen schönen Schimpfwörter, die ich herausbrüllen könnte. So, wie sie mir gerade in den Sinn kommen."

Diego Armando Maradona ist 49 Jahre alt. Seit 612 Tagen trainiert er die argentinische Nationalmannschaft. Am Samstag steht er mit seinem Team vor dem bisher bedeutendsten Spiel: Im Viertelfinale der Weltmeisterschaften kommt es zum Duell gegen Deutschland (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Maradona wird wohl wieder sein silbernes Sakko offen tragen, am Spielfeldrand stehend. Seine kurzen Unterarme werden schneller als die eines Dirigenten durch die Luft wirbeln. Maradona wird die für ihn vorgesehene Zone öfter verlassen, als dies anderen Trainern gewährt wird.

Doch all das sind nur Bilder, die man von außen beobachten kann. Tatsächlich wird der von der Fifa neben dem Brasilianer Pelé zum Spieler des vergangenen Jahrhunderts gekürte Maradona seine Mannschaft als zwölfter Mann auf dem Spielfeld unterstützen, er wird dribbeln und sprinten, jubeln oder weinen, so wie er es bei seinen 91 Länderspielen als Profi gemacht hat. Man wird es nur nicht sehen. Denn das alles spielt sich in seinem Kopf ab.

Und genau diese Fähigkeit, weiterhin wie ein Spieler zu denken, mit ihnen zu leiden und zu lernen, befähigt Diego Maradona bei der Weltmeisterschaft in Südafrika dazu, etwas Großes zu erschaffen. Etwas, das ihm, wie er es sagt, wenige zugetraut hätten. "Sie dachten, ich hätte als Trainer keine Ideen", sagt Maradona: "Keiner glaubte, es würde funktionieren." Sollte Argentinien gegen Deutschland gewinnen und ins Halbfinale einziehen, könnte Maradona auch als Trainer einen großen Schritt in Richtung Legende machen.

Lodernder Lockenkopf mit Abwehrsorgen

"Geschafft", schnaubt Maradona, taumelt zu einem der Stühle am Rande des Rasens und lässt sich darauf plumpsen. Er streckt die Beine wie ein auf dem Rücken liegender Marienkäfer von sich und gießt den Rest des Wassers aus der Flasche über seinem Lockenkopf aus. Eine der letzten Trainingseinheiten der argentinischen Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen Deutschland ist gerade zu Ende gegangen, Maradona schwitzt. Eine Szene, wie sie wahrscheinlich auch vor 30 Jahren nach einer Trainingseinheit der Boca Juniors, Maradonas erstem Proficlub, spielen könnte.

Eineinhalb Stunden trainierte die Nationalmannschaft, Elf gegen Elf. Nach jedem misslungen Spielzug unterbrach er die Übung mit einem Pfiff in die Trillerpfeife und ließ die Szene wiederholen. Maradona sagt, er könne die Jungs trainieren, ihnen erklären, was sie besser machen sollten, pausieren, wieder trainieren, wieder verbessern, "aber das ist alles nur Zugabe. Am Ende sind sie es, die die richtigen Ideen während des Spiels gegen Deutschland entwickeln müssen. Alles, was ich dazu beitragen kann, ist ihnen Vertrauen zu schenken".

Es ist nicht sicher, ob Maradona im Spiel gegen Deutschland auf die Fähigkeiten der Kräfte vertraut, die während der vergangenen vier Partien von Beginn an spielten. Es könnte sein, dass er die Defensive umgestaltet, die wie die Abwehr der deutschen Mannschaft der größte Unsicherheitsfaktor im Team ist. Die Leistungen des bei Bayern München spielenden Martin Demicheles und die von Ángel Di Maria, der gerade von Real Madrid verpflichtet wurde, waren zuletzt nicht fehlerfrei.

Hündin ist schuld an Maradonas Vollbart

Maradona streicht mit den Fingern durch den Bart. "El Barbudo" nennen sie ihn in Argentinien, der Bartträger heißt das übersetzt. Hündin Bella, die Schöne, biss ihr Herrchen kurz vor der WM in die Oberlippe, wegen des Heilungsprozesses musste dieser die Rasur einstellen. Da Schnurrbärte in seinem Heimatland vom Militär und der Polizei getragen werden, entschied er sich für die Vollbartvariante. Maradona will nicht kommentieren, für welche Abwehrvariante er sich entscheiden wird. "Aber ich verspreche Ihnen, dass ich am Morgen vor dem Spiel das richtige Gefühl im Bauch haben werde, welche Elf an diesem Tag in der Lage ist, Deutschland zu besiegen", sagt Maradona.

Seine Spieler werden die Auswahl respektieren. Es gibt keinen Athleten im Kader der argentinischen Nationalmannschaft, der sich über Maradonas Arbeit oder seinen Umgang beschwert. Selbst die Tatsache, dass er vor der WM 100 Spieler einlud, testete und die meisten wieder auslud, wurde respektiert. Demichelis bezeichnet seinen Nationaltrainer als einen von ihnen. Stürmer Higuain lobt Maradonas Art, die Mannschaft zu motivieren. Mitarbeiter des Stabs sagen, Maradona werde von allen als Figur respektiert, er treffe intelligente Entscheidungen, gepaart mit dem richtigen Maß an Intuition.

Es ist eine außergewöhnliche Beziehung, die Maradona zu seinen Spielern und Mitarbeitern pflegt, man könnte sie als eine Art offenes Vertrauen beschreiben und wahrscheinlich funktioniert dies vor allem deshalb, weil er in seinem Heimatland eine Ikone ist, deren Bedeutung man sich in Deutschland nur schwer vorstellen kann. Maradona ist nicht nur ein ehemaliger erfolgreicher Fußballer. Er ist nicht nur ein Trainer, der es trotz Übergewichts geschafft hat, eine Mannschaft aufzubauen, deren Erfolg auf einer von ihm kreierten Philosophie fußt.

Maradona ist ein Symbol, er verkörpert die Sehnsucht einer Nation nach dem eigentlich Unerreichbaren. "El Barbudo" wird in Argentinien noch ein anderer Mann mit Bart genannt: Gott.



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Seite 1
saul7 02.07.2010
1. ++
Zitat von sysopFußballgott und Vaterfigur: Argentiniens Diego Maradona ist vor dem Viertelfinale gegen Deutschland der Hoffnungsträger einer ganzen Nation. Seine Starauswahl achtet ihn als Trainer und Mensch - weil er nie aufgehört hat, einer von ihnen zu sein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,704172,00.html
Da ist was dran! Über seine Trainerqualitäten sagt das aber gar nichts aus. Möglicherweise ist die argentinische Mannschaft zu einem Großteil getragen von der Legende ihres Trainers. Die psychologische Seite ist in diesem Fall nicht zu vernachlässigen. Das Spiel gegen Deutschland wird erweisen, ob Taktik und Strategie des Diego Maradonna zu einem Sieg führen werden....
wup 02.07.2010
2. -
Zitat von sysopFußballgott und Vaterfigur: Argentiniens Diego Maradona ist vor dem Viertelfinale gegen Deutschland der Hoffnungsträger einer ganzen Nation. Seine Starauswahl achtet ihn als Trainer und Mensch - weil er nie aufgehört hat, einer von ihnen zu sein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,704172,00.html
Was soll der Artikel? Frau Gilbert hat doch keine Ahnung, wer die Mannschaft wirklich aufstellt und die Taktik erstellt. Sie sollte nicht von Dingen schreiben, von denen sie keine Ahnung hat/haben kann. Das ist Bunte-Niveau.
refusenik 02.07.2010
3. Pedantenalarm
Maradonas erster Profiverein waren die Argentinos Juniors, zu den Boca Juniors kam er erst danach.
bik, 02.07.2010
4. "Diego" von Emir Kusturica
Mein Tipp an alle Sport und Fussballbegeisterten: am besten den Film "Diego" von Emir Kusturica ansehen. Wirklich einmalig - vor allem, wenn man weiß, dass der Regisseur ein "fußballbessener" ist.
Dino, 02.07.2010
5. Wer`s mag ?
Zitat von sysopFußballgott und Vaterfigur: Argentiniens Diego Maradona ist vor dem Viertelfinale gegen Deutschland der Hoffnungsträger einer ganzen Nation. Seine Starauswahl achtet ihn als Trainer und Mensch - weil er nie aufgehört hat, einer von ihnen zu sein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,704172,00.html
Für die einen ist er Gott und für die anderen eine kaspernde Koksnase. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo dazwischen. Seine erfolgreiche Karriere und sein Naturell unterstützt die geheimen Wünsche Argentiniens nach internationaler Anerkennung und Größe. Gerade Argentinien, dass in den letzten Jahren nicht gerade durch positive Nachrichten beeindrucken konnte, braucht derartige Identifikatiosfiguren. Das streckenweise grob unsportliche Verhalten seiner Mannschaft und insbesondere die affektierte südländische Art ihres Übungsleiters, brachte ihnen nicht ohne Grund den "Ehrentitel" , südamerikanische Italiener ein. Für Spiesser wie mich, ist dieser Typus ein rotes Tuch. Dino
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