Deutsche Rumpfelf überzeugt in Armenien Der zweite Anzug trotzt der Kälte

Ohne etliche Stammkräfte gab sich die DFB-Elf in Eriwan keine Blöße. Florian Neuhaus verhalf jedem Team zu einem Strafstoß, sein Nebenmann İlkay Gündoğan machte einen Schritt hin zur angestrebten Führungsrolle.
Florian Neuhaus und İlkay Gündoğan improvisierten eine erfolgreiche Doppelsechs

Florian Neuhaus und İlkay Gündoğan improvisierten eine erfolgreiche Doppelsechs

Foto: Christian Charisius / dpa

Die Szene des Spiels: Am Ende der ersten Hälfte in der armenischen Hauptstadt Eriwan schien alles dafür angerichtet, sich bei kühlen drei Grad Außentemperatur schnell in die warmen Kabinen zu flüchten. Auch Referee François Letexier schien einverstanden, sein Videoassistent aber hatte etwas dagegen: Letexier bekam den Hinweis, sich ein Einsteigen von Taron Voskanyan gegen Florian Neuhaus noch einmal anzuschauen. Und siehe da, Voskanyan traf bei seiner Grätsche nur den Gegner, nicht den Ball. So kamen etwa vier Minuten in der Kälte dazu – und ein Elfmetertor durch İlkay Gündoğan (45.+4 Minute).

Das Ergebnis: Nach 90 Minuten hieß es schließlich 4:1 (2:0) für die deutsche Mannschaft, für Bundestrainer Hansi Flick war es der siebte Sieg im siebten Spiel. Hier geht es zur Spielmeldung.

Die erste Hälfte: Flick hatte seine Startelf aus einem Rumpfkader auswählen müssen: Neben dem coronainfizierten Niklas Süle und einer Handvoll Kontaktpersonen in Quarantäne fehlten Julian Draxler und Leon Goretzka verletzt, Manuel Neuer und Marco Reus wurden geschont. Mit drei Gladbachern in der Startelf, einem Novum in diesem Jahrtausend, kam die deutsche Mannschaft gut ins Spiel – nach schönem Pass von Jonas Hofmann gelang Kai Havertz die Führung (15.), den Pfosten getroffen hatte der Chelsea-Profi bereits zuvor (5.). Anschließend blieben die ganz großen Chancen für das DFB-Team zwar aus, doch auch die Armenier machten aus ihren Kontergelegenheiten zu wenig.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Casting für die Kette: Den wohl aussichtsreichsten dieser Gegenangriffe stoppte Jonathan Tah, der nach einem Ballverlust von Neuhaus dem anstürmenden Sargis Adamyan mit viel Ruhe den Ball abluchste (37.). Es war eine wichtige Aktion für den Leverkusener, der in der Abwehr nicht nur gemeinsam mit Matthias Ginter und Thilo Kehrer auflief, sondern mit seinen Nebenleuten auch um einen Kaderplatz wetteifern dürfte: Stehen Süle, Antonio Rüdiger und Mats Hummels zur Verfügung, wird es eng werden in Flicks Verteidigung.

Mann für besondere Aufgaben: Eng wird es auch im defensiven Mittelfeld. Besonders Gündoğan sucht hier noch immer nach seiner Rolle. Sind Goretzka und Joshua Kimmich an Bord, wird es schwer für den Profi von Manchester City, seinen Platz in der Startelf zu halten. Gegen Armenien tat Gündoğan zumindest alles, um sich weitere Chancen zu verdienen: Kluge Pässe in die Spitze verband Gündoğan mit eigener Torgefahr, nicht zuletzt beim zweiten Elfmetertor in einer Woche. Nach dem Rücktritt von Toni Kroos könnte Gündoğan sich so zumindest als etatmäßiger Strafstoßschütze etablieren.

Die zweite Hälfte: Gündoğans zweiter Treffer dürfte nicht so leicht zu reproduzieren sein, kam er doch nur zustande, weil Stanislav Buchnev im armenischen Tor gehörig daneben griff (50.). Auf der Gegenseite zeigte sich Mittelfeldspieler Neuhaus auf Ausgewogenheit bedacht, was das Verteilen von Elfmetern anging: Den für Deutschland hatte der Gladbacher rausgeholt, den für Armenien verschuldete er mit einem Tritt auf den Fuß von David Terteryan. Spannend wurde es trotz des von Henrich Mchitarjan verwandelten Strafstoßes (59.) nicht mehr, Jonas Hofmann machte alles klar (64.).

Pressing für das Lehrbuch: Das 4:1 gehörte allerdings nicht Hofmann allein: Zwar hatte der Rechtsaußen einen armenischen Pass abgefangen und seine starke Szene mit einem kühlen Abschluss entsprechend veredelt. Doch der Fehlpass war ein Gemeinschaftsprodukt, an dem auch Havertz und die eingewechselten Julian Brandt und Lukas Nmecha ihren Anteil hatten: Diese hatten das Aufbauspiel der Armenier entscheidend unter Druck gesetzt und so das unsaubere Abspiel provoziert. Flick dürfte gefallen haben, wie sehr auch die zweite Reihe seiner Mannschaft die Abläufe gegen den Ball bereits verinnerlicht hat.

Jonas Hofmann erzielte seinen zweiten Länderspieltreffer

Jonas Hofmann erzielte seinen zweiten Länderspieltreffer

Foto: PHOTOLURE / EPA

Kein Trostpreis für Armenien: Für das große Ganze in der WM-Qualifikation war die Partie nicht mehr von Belang: Deutschland hatte sich längst qualifiziert, Armenien seine ursprünglich gute Ausgangsposition für den Play-off-Platz zwei in Gruppe J bereits verspielt. Während sich parallel die Nordmazedonier eben jenes Ticket für die Play-offs sicherten, blieb Armenien nur Platz vier – doch gefeiert wurde trotzdem. Als Mchitarjan per Elfer traf, knallten die Feuerwerkskörper und Rauchbomben, für ein, zwei Minuten kamen die Heimfans so richtig auf ihre Kosten. Die WM 2022 in Katar aber wird ohne den Kaukasusstaat auskommen müssen.